"Drumherum beim Sex wird wichtiger"

9. Juli 2007, 11:20
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Sex nach der Meno­pause kann so gut wie im Hollywoodfilm "Was das Herz begehrt" sein, sagen Sexual­wissenschafter Aigner und Pflegedienstleiterin Backer - Diskussion

Sexualität gilt als Privileg der Jugend. Sex im Alter ist ein Tabu, das der Psychoanalytiker und Sexualwissenschafter Josef Christian Aigner und die Pflegedienstleiterin Fernanda Backer hier thematisieren. Mit Jutta Berger sprachen sie über harte Fakten, Neuland und Grenzen.

STANDARD: Ist sexuelle Aktivität ein Privileg der Jugend?

Aigner: Die öffentliche Bilderwelt setzt Jugendlichkeit mit Schönheit gleich, Alter mit Verfall. Dieser Jugendlichkeitskult belastet die so genannte Altensexualität. So gesehen ist Sexualität also schon ein Privileg der Jugend, weil sie als die einzig aufregende, ästhetisch akzeptable Sexualität gilt. Es wäre wahrscheinlich skandalös, alte Paare halb nackt abzubilden. Alles würde aufschreien, manche vielleicht unter dem Aspekt, die Würde der Alten schützen zu wollen. Das Skandalon wäre aber der nicht normgerechte alte Körper. Das Bild des straffen schönen Körpers als einzig Schönes zu sehen, ist eine Herabwürdigung, eine Dauerentwertung des Alters. Es entsteht ein ungeheurer Stress, jung bleiben zu wollen.

STANDARD: Wären erotische Altenbilder nicht ein Beitrag zur Vermarktung der Sexualität?

Aigner: Man muss eine Balance zwischen privat und öffentlich finden und darf nicht auch noch die Altensexualität kaputtreden. Sexualität wird durch dauernde Präsenz in den Medien entzaubert, die Bedürfnisspanne sozusagen reduziert, und nicht umsonst ist Lustlosigkeit - auch bei jungen Menschen - das stärkste Symptom unserer Zeit.

STANDARD: US-Studien sprechen von 70 Prozent aller 45- bis 55-Jährigen, die "noch" sexuell aktiv sind. Wann zählt man für die Sexualwissenschaft zu den Alten?

Aigner: Die Pharmaindustrie, die sehr viel am Altersdefizit-Bild mitkonstruiert, beginnt ihre Studien schon beim Alter von 45. Die seriöse Sexualwissenschaft kennt aber keine Alterssexualität. Denn Versagensängste und andere Symptome kommen auch in jüngeren Jahren vor. Es gibt ein biologisches Nachlassen wie bei allen anderen biologischen Funktionen, aber das ist kein Mangel.

Backer: Den Begriff Alterssexualität sollte man abschaffen. Die Sexualität verändert sich im Laufe der Jahre. Es mag sein, dass Funktionen nachlassen, aber es werden andere Werte wichtiger. Man lebt eine andere Art von Sexualität. Ich kenne 93-Jährige, die sexuell aktiv sind und offen darüber reden.

Aigner: Natürlich spielt das Alter eine Rolle. Da glauben vor allem Männer, wenn ihr Körper nicht mehr so funktioniert wie mit 20, sie müssten medikamentös nachhelfen. Die Bioethik-Apostel tun alles dazu, auch für Frauen entsprechende Mittel zu entwickeln.

Backer: Das hat uns noch gefehlt.

Aigner: Es wird eine Problematik konstruiert, die dann auch wirklich gesellschaftlich relevant wird. Das erzeugt Leistungsdruck, für Männer und Frauen.

STANDARD: Welche Chancen hat die veränderte Sexualität?

Aigner: Das Bedürfnis nach genitalem Sex geht im Alter zurück, dafür nimmt man sich mehr Zeit für Zärtlichkeit und Genuss, das Drumherum beim Sex wird wichtiger. Dieser Wandel, das geglückte sexuelle Altern, wird als Entlastung gesehen. Der Druck ist weg, man muss nicht mehr andauernd chic und fit sein.

Backer: Frauen nach der Menopause haben große Chancen, ihre Sexualität intensiver und bewusster zu leben. Ängste, etwa vor einer Schwangerschaft, sind weg. Die Frau kann sich und ihre Sexualität neu finden, sich vor allem neu definieren. Beim reifen Menschen wird die Abhängigkeit geringer und die Hingabefähigkeit größer, dabei ist Zärtlichkeit sehr wichtig.

STANDARD: Ändern sich die geschlechtsspezifischen Bedürfnisse im Alter?

Aigner: Ja, man muss aber nach Generationen unterscheiden. Die Fixierung sehr alter Männer auf Genitalsexualität ist noch gegeben. 34 Prozent der über 75-jährigen Männer haben Geschlechtsverkehr, bei den gleichaltrigen Frauen nur neun Prozent. Anders das Verhältnis bei der Selbstbefriedigung: 35 Prozent Männer, 28 Prozent Frauen. Diese Zahlen zeigen: Wunsch und Bedürftigkeit sind vorhanden.

Backer: Ältere Frauen legen Wert auf mehr Zärtlichkeit und Geborgenheit.

STANDARD: Muss eine lange Paarbeziehung zwangsläufig in der postsexuellen Kameradschaft enden?

Aigner: Die Bedingung für die Kontinuität einer erotischen Partnerschaft ist die Anerkennung der Diskontinuität der Sexualität: Sie ist im Alter anders. Weg ist sie nur, wenn man glaubt, es muss alles so bleiben, wie es einmal war. Es würde auch jungen Paaren helfen, wenn sie sich dessen bewusst würden, dass sich die sexuelle Beziehung verändert. Die Akzeptanz der Veränderung ist die Voraussetzung für den Erhalt, sonst erlebt man Sexualität als Defizit.

STANDARD: Defizite lassen sich medikamentös beheben, sagt die Werbung.

Aigner: Die Potenzpille ist letztlich eine Defizitbestätigung. Es würde einem Mann mehr helfen, wenn man ihm sagt, dass es ganz normal ist, wenn seine Erektion nicht mehr so voll ist, nicht mehr so brettlhart. Er fühlt sich dann in Ordnung, hat keine Erwartungs- und Versagensängste.

STANDARD: Wie reagiert die Altenpflege auf sexuelle Bedürfnisse, ist Sex im Altenheim immer noch tabu?

Backer: Das Thema wird noch tabuisiert, wie stark, das ist von Institution zu Institution verschieden. Wir haben keine Patentrezepte. Bei der Altenpflege geht es um Empathie, das Pflegepersonal muss sensibilisiert sein. Man muss sich die Biografie des einzelnen Menschen anschauen: Was hat er erlebt? Wie hat er gelebt? Da ist zum Beispiel ein Ehepaar, das ist seit 58 Jahren verheiratet. Die Frau lebt im Heim, der Mann kommt sie besuchen. Die beiden wollen dann allein sein, sich zurückziehen. Es ist ein großer Vorteil, dass wir nur Einzelzimmer haben. Es gibt ein Paar, das sich hier kennen gelernt hat. Sie gehen Händchen haltend durch den Garten, kuscheln auf der Bank. Es geht um Geborgenheit.

Aigner: Da könnte aber sehr leicht die Meinung entstehen, Alte sollten Kuschelsex machen, alles andere könnten sie schon langsam aufhören. Es geht aber bei alten Menschen nicht nur um Nähe. Bei 70- bis 80-jährigen Männer ist der Wunsch nach Geschlechtsverkehr noch zwischen 89 und 61 Prozent vorhanden. Bei Frauen zwischen 65 und 47 Prozent. Das zeigt, dass man diesen Menschen die Möglichkeiten dazu geben muss.

Backer: Stimmt, man unterschätzt das. Wir müssen in den Institutionen offen sein, die individuellen Bedürfnisse akzeptieren - auch wenn Besuch ins Heim bestellt wird.

STANDARD: Es wird akzeptiert, wenn eine Prostituierte ins Haus kommt?

Backer: Ja, es wird akzeptiert, ist aber eine individuelle Angelegenheit. Bei uns haben die Bewohner(innen) Einzelzimmer, daher die Möglichkeit zum Rückzug. Manche haben ihre Beziehungen, andere haben ihre Magazine, ihre Videos, in jedem Zimmer ist ein Telefon. Wir werden in ein paar Jahren damit konfrontiert sein, dass eine Generation ins Heim kommt, welche die sexuelle Revolution erlebt hat, eine Generation, die ihre Bedürfnisse gelebt hat. Wir werden gleichgeschlechtliche Paare haben, Menschen aus verschiedenen kulturellen Umfeldern, Glaubensrichtungen. Spätestens dann brauchen wir eine neue Orientierung.

STANDARD: Sexuelle Bedürfnisse äußern sich oft in Übergriffen auf das Pflegepersonal. Wie geht man damit um?

Backer: Pflege heißt Berührung und Nähe. Damit das nicht missverstanden wird, braucht es Professionalität und Sensibilität. Natürlich gibt es Anmache, sogar Übergriffe. Da muss man gelassen bleiben. Natürlich müssen Grenzen gezogen werden. Darum ist die Offenheit des Pflegepersonals untereinander sehr wichtig. Wichtig ist, dass auch Unangenehmes im Team thematisiert wird. Zum Beispiel, wenn ein Mann onaniert, da können die verschiedensten Gefühle beim Pflegepersonal entstehen - Scham, Ekel, das ist von Person zu Person verschieden.

Aigner: Man weiß, dass sich bei den mittleren Generationen die Masturbation immer mehr zu einer eigenständigen Sexualform entwickelt. Auch bei sexuell aktiver Partnerschaft onanieren die Menschen heute viel mehr als früher. Es wäre absurd, das den Alten verbieten zu wollen.

STANDARD: Wird in der Ausbildung auf das Thema Sexualität eingegangen?

Aigner: Die Ausbildung ist in diesem Bereich in allen Pflegeberufen sehr defizitär. Es geht ja um Wissen, das Empathie leichter macht. Man muss bei Übergriffen nicht vor Empörung aufschreien, sondern eine gewisse Übersetzungsarbeit leisten, um eine emotional richtige Antwort zu geben.

Backer: Auch die Weiterbildungsmöglichkeiten sind verbesserungswürdig.

STANDARD: Was kann die Wissenschaft zur Verbesserung der Ausbildung beitragen?

Aigner: Auch in der Forschung ist ein großes Defizit vorhanden. Alter und Sexualität ist noch kein großes Thema. Da wäre Aufklärung wichtig, Forschung und Information. Ich kann nur an die Träger aller humanwissenschaftlichen Ausbildungen appellieren: Man soll dieses wichtige Gebiet nicht ausklammern. Es ist ja unglaublich, wenn man sich die Curricula ansieht. Psychologen etwa hören ihr ganzes Studium nichts über Sexualität. (MEDSTANDARD/09.07.2007)

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  • Josef Christian Aigner (53), Professor für Psychosoziale Arbeit und Psychoanalytische Pädagogik, lehrt am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck. Er war Mitbegründer und Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Sexualforschung und der Österreichischen Akademie für Sexualwissenschaft sowie Leiter des Wahlfachbereichs "Interdisziplinäre Sexualforschung". Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
    foto: standard/christiangrass.com

    Josef Christian Aigner (53), Professor für Psychosoziale Arbeit und Psychoanalytische Pädagogik, lehrt am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck. Er war Mitbegründer und Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Sexualforschung und der Österreichischen Akademie für Sexualwissenschaft sowie Leiter des Wahlfachbereichs "Interdisziplinäre Sexualforschung". Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

  • Fernanda Backer (59) machte ihr Diplom als Gesundheits- und Krankenschwester in ihrer Heimat Portugal. Ihre Ausbildung in psychiatrischer Krankenpflege absolvierte sie in der Schweiz. Sie arbeitete in der Sozialpsychiatrie, wechselte in die Altenbetreuung und leitet seit neun Jahren den Pflegedienst des Sozialzentrums Hörbranz/Vorarlberg, einer stationären Altenpflegeeinrichtung mit Tagesbetreuung. Fernanda Backer hat zwei erwachsene Söhne.
    foto: standard/christiangrass.com

    Fernanda Backer (59) machte ihr Diplom als Gesundheits- und Krankenschwester in ihrer Heimat Portugal. Ihre Ausbildung in psychiatrischer Krankenpflege absolvierte sie in der Schweiz. Sie arbeitete in der Sozialpsychiatrie, wechselte in die Altenbetreuung und leitet seit neun Jahren den Pflegedienst des Sozialzentrums Hörbranz/Vorarlberg, einer stationären Altenpflegeeinrichtung mit Tagesbetreuung. Fernanda Backer hat zwei erwachsene Söhne.

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