Aus Kinderhand

9. Juli 2007, 07:00
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Der Vierjährige war stolz: Er durfte mit Mutters Handy "Telefonieren" spielen

Es war schon vor zwei Wochen. Aber, schreibt B., immer noch sei sie so verdutzt, dass es ihr schwer falle, zu glauben, was sie da erlebt hatte. Aber die Tränen ihres Sohnes, schreibt B., wären nur allzu real gewesen – und einem vierjährigen Buben zu erklären, was da gerade passiert sei, sei schwer. Sehr schwer. Schwerer, als das Verkraften des materiellen Verlustes.

Weil, schreibt B., ein Handy ja nur ein Ding sei. Es sperren zu lassen, kostete einen Anruf. Und die Kontakt- und Kalenderdaten habe sie ohnehin auch anderswo gespeichert. Aber ihr Sohn, schreibt B., habe an diesem sonnigen Nachmittag den Glauben an das Gute im Menschen verloren.

Großer Widersacher

Und außerdem, glaubt B., fühle sich der Bub jetzt schuldig. Obwohl er gar keine Chance gehabt hätte. Schließlich sei sein Widersacher ein erwachsener Mann gewesen. Und das, schreibt B., mache sie ganz besonders zornig. Weil es so unendlich gemein sei.

B. hatte sich nämlich im Museumsquartier mit einer Freundin getroffen. In einem der Gastgärten, schreibt sie, wären die beiden Frauen gesessen und hätten geplaudert – und B.s vierjähriger Sohn habe zuerst seinen Roller ausgetestet und sich dann das Handy seiner Mutter ausgeborgt. Nicht, um zu telefonieren, sondern um "Telefonieren" zu spielen. Das, schreibt B., tue der Knabe nämlich gern.

Stolzgeschwellt

Das Kind, schreibt B., sei also mit stolzgeschwellter Brust mit Mutters Businessphone am Ohr auf dem Museumsplatz herumspaziert – und sie habe nur aus dem Augenwinkel gesehen, was dann passiert sei: Ein Mann – mittelalt, gepflegt und im Anzug – sei auf den Buben zugegangen, habe ihm das Telefon aus der Hand genommen und sei dann ohne besondere Eile davongeschlendert.

Das Ganze, schreibt B., sei so schnell und vor allem wie selbstverständlich abgelaufen, dass sie erst realisiert hätte, dass da überhaupt etwas passiert war, als ihr Sohn – nach vier oder fünf Schrecksekunden - plötzlich zu heulen begonnen habe. Und dann sei sie, schreibt B., natürlich auch zuerst zum Kind hin, und nicht dem Dieb hinterher gelaufen.

Fallen gelassen?

Aber sogar als ihr Sohn ihr dann vorweinte, was passiert sei, schreibt B., habe sie zunächst glauben wollen, der Bub habe das Telefon vielleicht nur irgendwo fallen gelassen. Erst als ihre Freundin und sie dann während der Suche die Beobachtungsbruchstücke zusammenfügten und als auch eine dritte, reichlich perplexe Frau zu ihnen stieß, die sagte, gesehen zu haben, was sie eben gesehen hatte, sei ihr klar geworden: Da hatte tatsächlich ein Erwachsener im Anzug ein kleines Kind beraubt. Am helllichten Tag. Und mitten in Wien.

Das zu glauben, schreibt B., falle ihr bis heute schwer. Sehr schwer. Einfach, weil sie nicht glauben will, dass es wirklich Leute gibt, die so etwas tun.

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