Millionenfach beugen und strecken

9. Juli 2007, 12:44
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Das Knie ist stark, aber auch anfällig. Nach Operationen entscheidet die richtige Kräftigung über den Funktionser­halt. Am Wilhelminen­spital in Wien gibt es ein Spezialtraining.

Das Kniegelenk ist zugleich biomechanisches Meisterwerk und größte Schwachstelle im menschlichen Bewegungsapparat. Ein Leben lang wird es unter der Last des Körpergewichts millionenfach gebeugt und gestreckt. Der Verschleiß, unter dem 80 Prozent aller 55- bis 60-Jährigen in Form einer Gonarthrose leiden, scheint unausweichlich. Tatsächlich wird die Kniegelenksarthrose häufig als Alterserkrankung bezeichnet. Das Alter allein für den degenerativen Prozess verantwortlich zu machen, wäre allerdings zu einfach. Denn das größte menschliche Gelenk kann durchaus bis ins hohe Alter gut funktionieren. Darum hat man bis jetzt angeborene oder erworbene Knorpelschäden für die fortschreitenden Gonarthrosen verantwortlich gemacht. Einig ist man sich darüber nach wie vor nicht.

Osteoporose-Faktor

"Es gibt derzeit die Überlegung dass der Knorpelschwund eigentlich vom angrenzenden Knochen ausgeht", berichtet Heinrich Resch, Leiter der Abteilung für Rheumatologie, Osteologie und Gastroenterologie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien, der sich als Experte für Osteoporose seit Jahren auch mit der Arthrose beschäftigt. In den Knochen von Arthrosepatienten wurden große Mengen an Entzündungszellen gefunden. Der Verdacht, dass diese Zytokine in den Knorpelbereich wandern und dort eine Destruktion veranlassen, liegt für den Osteologen nahe. Der Angriffspunkt neuer Medikamente ist daher nicht mehr ausschließlich das Kniegelenk, sondern vielmehr der gelenksnahe Knochen.

Therapiemöglichkeit

"Möglicherweise lässt sich mit Strontiumranelat, ein Medikament das wir in der Behandlung der Osteoporose bereits erfolgreich einsetzen, der Fortschritt der schmerzhaften Arthrosen stoppen oder gar verbessern", erklärt Resch. Strontiumranelat wirkt als so genanntes DABA (Dual Acting Bone Agents) auf zweifache Weise: Es stimuliert nicht nur über die Osteoblasten den Knochenaufbau und bremst die knochenabbauenden Osteoklasten, sondern zeigt experimentell auch Wirkung auf den Knorpelstoffwechsel. Im Rahmen einer internationalen Studie soll nun die Wirksamkeit von Strontiumranelat in der Therapie von Kniearthrosen bewiesen werden.

Die Hoffnung auf Besserung bleibt für viele Menschen derzeit unerfüllt. Mehr als 11.000 künstliche Knieprothesen werden in Österreich jährlich implantiert. Die Operation dient als letzte Option, um chronische Knieschmerzen loszuwerden. "Mit der neuen Endoprothese ist es leider noch nicht getan. Das operierte Bein bleibt für lange Zeit wesentlich schwächer wie das gesunde", weiß Mathias Wewalka, Facharzt für Physikalische Medizin am Wiener Wilhelminenspital. Grund ist eine Muskelasymmetrie, die für Betroffene eine erhöhte Sturzgefahr bedeuten kann.

Innovative Geräte

Mit einer neu entwickelten Trainingsmethode versucht man nun die Leistungsdifferenz beider Beine auszugleichen. Dusan Hamar vom Institut für Sportwissenschaften der Universität Bratislava und Helmut Kern, Leiter des Ludwig Boltzmann Institutes für Elektrostimulation und allgemeine Rehabilitation im Wilhelminenspital, haben spezielle Trainingsgeräte entwickelt. "Das Ziel war, effektive Geräte für ein Krafttraining zu entwickeln und diese in der Rehabilitation von Patienten mit beeinträchtigten Muskelfunktionen einzusetzen", berichtet Hamar.

Aus einer Idee wurde das Projekt "Grenzenlos bewegen". Eine Kooperation zwischen Bratislava und Wien, mit dem Ziel, im Wiener Wilhelminenspital ein Muskelaufbautraining für Kniepatienten nach Operationen zu etablieren. Mit dem isokinetischen Fahrrad ist der Testbetrieb in Wien bereits im Gange. "Mit isokinetischen Maschinen kann man konstante Bewegungsgeschwindigkeiten vorgeben", erklärt Wewalka den Unterschied zum herkömmlichen Fahrradergometer. Egal wie kräftig man in die Pedale tritt, man wird nicht schneller. Was sich ändert, ist der Widerstand, gegen den man radelt. "Die Methode schont die Gelenke und ermöglicht es, beide Beine unterschiedlich stark zu trainieren", ergänzt er. Bewegung ohne Überlastung, denn niemand ist in der Lage mit mehr als seinem eigenen Körpergewicht in die Pedale zu treten.

Gute Schwingung

Ebenfalls fürs Rehab-Knie maßgeschneidert ist die isokinetische Beinpresse. Während der Patient beim Training eine Streckbewegung ausführt, erzeugt das Gerät eine schwingende Gegenbewegung. Die Hypothese, dass diese den Muskel und das Nervensystem zusätzlich stimuliert und einen besseren Trainingseffekt erzeugt, ist für Knieoperierte von nachhaltiger Bedeutung. Hamar ist überzeugt, dass Muskelkraft Menschen nur dann nützlich ist, wenn sie auch schnell produziert werden kann. "Kommt die Kraft zu spät, bleibt das Kniegelenk ungeschützt und ist verletzungsanfälliger", erklärt er.

Die Frage, warum dieses Krafttraining in der Rehabilitation und nicht schon präventiv, wenn sich damit vielleicht Knorpelschwund, Stürze, und Operationen hintanhalten ließen, eingesetzt wird, bleibt offen. "Es gibt genügend Hinweise, dass es sinnvoll wäre", meinen Wewalka und Hamar, letztendlich sei es eine Kostenfrage. (DER STANDARD, Printausgabe, Regina Philipp, 9.7.2007)

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    Schwachstelle Knie: Für Arthrosepatienten nach Operationen ist die Muskelasymmetrie ein großes Handicap. Um dieses Defizit auszugleichen, wurden am Wiener Wilhelminenspital hoch spezialisierte Trainingsgeräte entwickelt.

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