Das Ikea-Du und Merkels Gipfel-Sie

10. Juli 2007, 19:40
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Merkel und Frankreichs Erziehungsminister sagen dem sorglosen Duzen den Kampf an: Zu Recht

Als beim jüngsten EU-Gipfel der neue französische Staatspräsident Sarkozy der deutschen Bundeskanzlerin Merkel mit "tu" (du) begegnete, antwortete die ganz kühl mit "vous" (Sie). In der Entourage der beiden soll es betretene Funkstille gegeben haben. Wieder einmal hat die Dame, wie zuvor schon gegenüber dem Mega-Russen Putin, die Real-Etikette verletzt. Die Mächtigen der Welt sind untereinander eben per Du. Merkel sieht das anders.

Der Verfall der Höflichkeit selbst in höchsten Kreisen hat schon nach dem ersten Weltkrieg eingesetzt. Immer seltener wurde gegenüber dem Familienchef das früher übliche Sie gebraucht.

Als in den 60er-Jahren immer mehr Studenten aus den besseren Kreisen den Sommer über in Schweden arbeiteten, kamen sie mit dem gleichmacherischen Du gegenüber allem und jedem zurück. Bevor die 68er noch den rebellischen Ton angaben, begann die Vernichtung der Autorität im Alltag. Aber erst die Werbung rund um die Ikea-Möbel verhalf der Einebnung gottgegebener Hierarchien zum Durchbruch.

Die Engländer waren schon dort, weil "you" für Einzahl und Mehrzahl gilt - und die Distanz besonderer Formulierungen bedarf. In Österreich, wo der "Hofrat" oder der "Professor" immer noch des Sie bedarf, um dem Anstand zu genügen, setzte das Du sich vor allem in kleineren, äußerlich fortschrittlich wirkenden Berufsgruppen durch. Im Journalismus zum Beispiel.

Die Gleichheitspistole aber ging immer öfter nach hinten los. Zum Beispiel in der Politik. "Parteifreunde" sind sie alle, auch jene, die nicht zu einer farbentragenden Korporation katholischer oder nationaler Prägung gehören. Neue Abgeordnete (Männer vor allem) sind ganz wild darauf, einen Minister oder gar den Bundeskanzler selbst duzen zu dürfen.

Lustig wird es, wenn Politiker verschiedener Couleur Du sagen. Im TV zerfleischen sie sich fast, hinter den Kulissen trinken sie dann wieder Bier.

Sehr wienerisch

Alles Theater. Peinlich nur, wenn jemand in der Zeit "vor Krumpendorf" mit Jörg Haider das traute Reich der Freundschaft betreten hat. Selbst Journalisten haben später stets diese Zeitenwende bemüht, um zu erklären, warum sie dem Stern des Südens so verbunden sind: "Grundsätze ist das eine, persönlicher Umgang das andere", hat einer einmal gesagt. Sehr wienerisch.

Tatsächlich müsste mit dem Du-Wort sorgfältiger umgegangen werden. Es soll ja neuerdings wieder vorkommen, dass jemand einem Freund, der zum Feind geworden ist, das Du entzieht. So wie eine namentlich nicht nennbare Frau in einem österreichischen Betrieb gegenüber einem Muslim diesen Schritt gesetzt hat, als sie erkannte, dass das weibliche Geschlecht für ihn "minderwertig" ist.

Wiederhergestellter Respekt

Präsident Sarkozys Erziehungsminister Xavier Darcos hat als eine der ersten Amtshandlungen angeordnet, die französischen Kinder müssten zu ihren Lehrern wieder Sie sagen. Auch wenn das Motiv ein anderes ist (nämlich die 68er-Tradition zu revidieren): Der Effekt wäre positiv, weil Respekt betont und Würde wiederhergestellt werden. Umgekehrt aber kann das nicht die Rückkehr zur alten Ordnung bedeuten - der Lehrer als Autorität, die alles darf.

Denn eines haben die 68er natürlich erkannt und daraus Forderungen abgeleitet. Dass Autorität nicht primär aus einem Amt erwächst, sondern auch menschlich erworben werden muss.

Dafür nämlich hat selbst die ländliche Bevölkerung ein feines Gespür. Das Du regiert. Wirkliche "Chefs" verdienen das Sie. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 9.7.2007)

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