Klimaschutz tut (nicht) weh

10. Juli 2007, 19:38
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Für die Umsetzung müssen alle zahlen - doch die Gesamtkosten sind überschaubar

Al Gore und seine Freunde haben am Wochenende der Welt gezeigt, wie schön der Klimaschutz sein kann. Das "Live Earth"-Spektakel war dazu gedacht, der Menschheit die Gefahren der Erderwärmung bewusst zu machen. Eine nette, aber überflüssige Aufgabe. Denn seit selbst George W. Bush und die chinesischen Machthaber die Eindämmung der Treibhausgase befürworten, ist das Klimabewusstsein in Überfluss vorhanden.

Nur noch wenige Narren zweifeln daran, dass Treibhausgase die Temperaturen steigen lassen und dringend etwas geschehen muss. Die wirkliche Frage ist: Was? Und da hat das schmerzfreie Verbrüderungsritual namens "Live Earth" die falschen Antworten gegeben.

Denn die konkreten Maßnahmen zum Klimaschutz sind keine schönen Götterfunken, die Millionen umschlingen. Im Gegenteil: Sie bringen Bevölkerungsgruppen, Industrien und Staaten gegeneinander auf. Überall stehen mächtige Interessengruppen im Weg, deren Widerstand nur mit beinharter Knochenarbeit überwunden werden kann. Nur wenige Politiker sind derzeit so sehr bereit dazu wie Angela Merkel oder Arnold Schwarzenegger.

Wer Klimaschutz durchsetzen will, muss die Schmerzen möglichst breit verteilen. In Österreich heißt das etwa, dass die Industrie bei der nächsten Zuteilung von Emissionszertifikaten nicht erneut ungeschoren davonkommen darf. CO2-Rechte müssen endlich etwas kosten, selbst wenn dies dem Standort schadet. So mancher Arbeitsplatz wird verloren gehen, wenn Österreich seine Kioto-Ziele erfüllen will, doch dafür können andere entstehen.

Autofahrer spüren beim Tanken schon seit 1. Juli den Preis des Klimaschutzes, doch dies ist erst der Anfang. Der Individualverkehr ist noch immer viel zu billig und müsste deutlich mehr belastet werden - durch höhere Treibstoffsteuern und eine rasche Einführung der Pkw-Maut. Erst wenn jeder Autofahrer zweimal überlegt, bevor er den Zündschlüssel dreht, wird die saubere Bahn wieder Marktanteile gewinnen.

Stichwort Bahn: Statt für das Unsinnsprojekt Koralmtunnel sollte das Geld für den Bahnausbau dorthin fließen, wo es hilft, die Lkw-Lawinen zu bremsen - selbst wenn die Kärntner und Steirer dann "Vertragsbruch" schreien.

In Österreichs Städten muss die thermische Sanierung der Altbauten beschleunigt werden. Auf dem Land hingegen muss endlich der Zersiedlung Einhalt geboten werden, die neuen Verkehr schafft. Das bedeutet in der Praxis, die Macht der Bürgermeister bei der Flächenwidmung zu brechen.

Selbst die Grünen müssen heilige Öko-Kühe opfern, indem sie ihren Widerstand gegen neue Wasserkraftprojekte aufgeben und ihre Einstellung zur Atomkraft überdenken. Nein, Zwentendorf muss nicht entmottet werden, aber ein europaweiter Ausstieg aus der CO2-freien Atomkraft wäre äußerst kontraproduktiv.

Dass Kerosin nicht besteuert wird, ist ein internationaler Schildbürgerstreich. Noch absurder aber sind die tausenden nutzlosen Kilometer, die Flieger am Himmel Europas täglich zurücklegen müssen, weil sich die Staaten nicht auf eine gemeinsame Flugsicherung einigen können. Das wäre - abgesehen vom Verlust einiger gut bezahlter Jobs - Klimaschutz zum Nulltarif.

Auf der globalen Ebene ist die Zeit vorbei, wo jeder darauf warten kann, dass die anderen mitziehen. Europa muss vorangehen - egal, in welchem Abstand die USA oder China folgen. Aber auch der Freibrief, den die Entwicklungsländer im Kioto-Vertrag mit Hinweis auf ihren Rückstand erhalten haben, ist inzwischen obsolet.

Doch trotz der kleinen Schmerzen, die Klimaschutz überall verursacht, haben Kritiker wie Björn Lomborg (der STANDARD, 7./8. 7. 2007) in einem entscheidenden Punkt Unrecht: Die gesamtökonomischen Kosten sind überschaubar. Dank neuer Technologien und der Flexibilität der Wirtschaft wird die Welt nicht langsamer wachsen, wenn sie weniger CO2 ausstößt. Die Party für den Klimaschutz kann ruhig weitergehen. (Eric Frey/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 7. 2007)

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