Auf zu neuen Ufern

28. Juli 2007, 17:57
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Die Vorbereitungen für die Fußball-WM 2010 laufen auf Hochtouren, aber immer wieder sind international politisch dubiose Querschüsse zu verzeichnen - Europa sorgt sich

80 Jahre nach der ersten Fußball-Weltmeisterschaft verschlägt es das Gipfeltreffen des Weltfußballs erstmals nach Afrika. Die Vorbereitungen in Südafrika selbst laufen auf Hochtouren, immer wieder sind international aber politisch dubiose Querschüsse zu verzeichnen, berichtet Gerald Hödl in der aktuellen Ausgabe des Afrika-Magazins Indaba.

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Fast wäre es bereits 2006 so weit gewesen, dass der Fußballweltverband FIFA seine Leistungsschau erstmals auf dem afrikanischen Kontinent veranstaltet hätte. Wäre da nicht ein gewisser Charles Dempsey gewesen, der neuseeländische Vorsitzende des Fußball-Regionalverbands Ozeanien. Er setzte sich bei der entscheidenden Abstimmung über die Vorgaben seines Verbands hinweg, enthielt sich der Stimme und trug damit entscheidend dazu bei, dass die Fußball-WM 2006 nicht an das favorisierte Südafrika, sondern an Deutschland vergeben wurde. Die "Rainbow Nation" war fassungslos. Auch eine Entschuldigung der neuseeländischen Ministerpräsidentin bei Thabo Mbeki konnte diesen nicht davon abhalten, die Entscheidung des FIFA-Exekutivrats als „Globalisierung von Apartheid“ zu bezeichnen.

Ökonomisch interessante Fußballmärkte

Die Entscheidung der FIFA reihte sich in jene lange Tradition ein, in der Europa und Südamerika als unumstrittene Zentren des Weltfußballs auftraten. Während aber Nordamerika und Ostasien in den letzten zwei Jahrzehnten als ökonomisch interessante Fußballmärkte entdeckt und gepflegt wurden (nicht zuletzt durch die Abhaltung der WM in den USA 1994 sowie in Japan und Korea 2002), blieb Afrika marginalisiert. Reiseberichte wie jener von Lennart Johansson, dem Präsidenten des europäischen Fußballverbands (UEFA), waren kaum dazu angetan, dass sich Afrikaner als gleichberechtigte Mitglieder der häufig beschworenen Fußballfamilie fühlen konnten. „When I got to South Africa“, wusste er 1996 zu erzählen, „the whole hall was full of darkies and it looks hellishly dark when they all sit down together". Lediglich in den europäischen Profiligen erlebten Afrikaner zunehmend Zuspruch – als versierte Spieler, die zu niedrigen Preisen ihrer Arbeit nachgehen.

Doch dann der 15. Mai 2004: Das FIFA-Exekutivkomitee entschied über das Veranstalterland der Fußball-WM 2010. Eine prominente südafrikanische Delegation, der unter anderem die Friedensnobelpreisträger Mandela, de Klerk und Tutu angehörten, war nach Zürich gereist, um unmittelbar dabei zu sein. Bereits nach dem ersten Wahlgang war alles klar: Südafrika hatte sich durchgesetzt. Zum ersten Mal sollte das neben den Olympischen Spielen populärste Sportereignis der Welt in einem afrikanischen Land stattfinden.

Teamgeist und Disziplin

Nach Afrika war der Fußball von den europäischen Kolonialherren importiert worden, um den kolonialen Subjekten Werte wie Teamgeist und Disziplin einzuimpfen. Bald jedoch verlor sich dieser herrschaftliche Charakter, und vor allem in den rasch wachsenden Städten wurde Fußball nicht nur zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung, sondern auch zu einem wichtigen Moment des gesellschaftlichen Zusammenhalts. In besonderem Maße galt dies für die Jahre der Apartheid, als Klubs wie die Kaizer Chiefs oder die Orlando Pirates in den Townships zu zentralen Bezugspunkten der kollektiven Identität sowie zu Vehikeln politischer Artikulation wurden (etwa indem sie den internationalen Sportboykott gegen das Apartheid-Regime unterstützten).

Sportboykott

Fußball trug aber auch dazu bei, die kollektive Identität der Post-Apartheid-Gesellschaft zu formen. Während Rugby primär als Sport der Buren galt und Cricket als Sport der britischstämmigen Südafrikaner, war und ist Fußball ein echter Volkssport, bei dem die schwarze Bevölkerungsmehrheit eine zentrale Rolle spielte und spielt. Als die südafrikanische Nationalmannschaft, Bafana Bafana („die Burschen“), nach dem Ende des Sportboykotts wieder an internationalen Bewerben teilnehmen konnte, entfachten sie eine Welle der Begeisterung im Land.

Spätestens als das multiethnisch zusammengesetzte Team 1996 die Afrika-Meisterschaft gewann und sich auch bei den Fußballweltmeisterschaften achtbar schlug, wurde es zum Symbol des neuen Südafrika. In den letzten Jahren häuften sich die sportlichen Pleiten, bekam das Symbol erhebliche Kratzer. Umso stärker hoffen die Verantwortlichen darauf, dass die WM 2010 dem südafrikanischen Nationalgefühl neues, intensives Leben einhauchen möge.

Zahlenspiele

Doch nicht nur ideologische Hoffnungen knüpfen sich an das bevorstehende Großereignis, sondern auch und vor allem ökonomische. Wie bei solchen Anlässen üblich, kursieren mehr oder weniger gewagte Zahlenspiele. Der Bau moderner Stadien sowie massive Investitionen in die Telekommunikations- und Transportinfrastruktur (unter anderem ein neuer Flughafen in der Nähe von Durban sowie der Hochgeschwindigkeitszug Gautrain zwischen Johannesburg und Pretoria) sollen geschätzte 100.000 Arbeitsplätze schaffen. Zusätzliche Jobs sollen im Tourismussektor sowie bei der Polizei entstehen – 10.000 neue PolizistInnen werden in den kommenden Jahren dafür sorgen, dass die Kriminalitätsrate bis zur WM deutlich sinkt.

Erwartungen der Tourismuswirtschaft

Die Erfahrungen der Fußball-WM in Japan und Korea deuten allerdings darauf hin, dass sich die Prognosen im Nachhinein oft als zu optimistisch erweisen. Ein schwerwiegendes Problem stellt die Nachnutzung der für die lokalen Klubs meist überdimensionierten Sportanlagen dar – die Erhaltung eines modernen Stadions verursacht Kosten, die für Kommunen und Sportvereine nur mit Mühe zu verkraften sind. Und ob Flughäfen und Hochgeschwindigkeitszüge die vernünftigste Methode sind, die ohnehin knappen Budgetmittel auszugeben, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Vielmehr werden die ländlichen Gebieten gegenüber den urbanen Zentren ein weiteres Mal benachteiligt. Selbst die Erwartungen der Tourismuswirtschaft könnten sich als Chimäre erweisen, wenn nämlich – wie es in Japan und Korea passierte – eine größere Zahl von TouristInnen gerade wegen der Fußball-WM einen großen Bogen um das Land macht.

WM-taugliche Infrastruktur

Derartige Bedenken bleiben allerdings in der hiesigen, zaghaft anlaufenden WM-Vorberichterstattung weitgehend ausgeklammert. Stattdessen ergeht man sich in Spekulationen darüber, ob Südafrika bis 2010 tatsächlich eine WM-taugliche Infrastruktur auf die Beine stellen könne. Von „Selbstzweifel und Chaos in Südafrika“ weiß beispielsweise das deutsche Handelsblatt zu berichten – „ohne fremde Hilfe“, heißt es in dem Artikel, „wird Südafrika die Vorbereitungen für die WM in vier Jahren wohl kaum in den Griff bekommen“ (Handelsblatt, 10.7.2006).

Ein prominenter Helfer war rasch gefunden: Der ehemalige Bürgermeister von New York, Rudolph Giuliani, reiste im Sommer 2006 nach Johannesburg, um seinen Amtskollegen Amos Masondo zu beraten: Die Kriminalitätsrate müsse um mindestens 60 Prozent sinken, gleichzeitig gelte es, die Korruption zu bekämpfen – erst dann würden Touristen und ausländische Investoren nach Südafrika strömen, um dem Land nicht nur eine erfolgreiche WM, sondern auch ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu bescheren.

Paternalistische Untertöne

Abgesehen von gelegentlichen paternalistischen Untertönen, die das schon recht alte Lied von der afrikanischen Hilfsbedürftigkeit erklingen lassen, und abgesehen von der Besorgnis über die Sicherheitslage in Südafrika bewegt sich die Berichterstattung allerdings bislang im Rahmen der üblichen Zweifel. Kostenexplosionen, Bauverzögerungen, Organisationsmängel gehören zum festen Themenkatalog im Vorfeld von sportlichen Großereignissen. Ein ehernes Gesetz des Sportjournalismus scheint darin zu bestehen, dass bis drei Tage vor der Eröffnung von Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen eben diese Eröffnung für höchst unwahrscheinlich gehalten wird. Aber dann mit ebenso eherner Gesetzmäßigkeit dennoch erfolgt.

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  • Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.
    foto: sadocc

    Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.

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    Das FNB Stadium, einer der Austragungsorte der Weltmeisterschaft, in Johannesburg.

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    Präsentation des Logos "World Cup South Africa 2010" in Berlin im Juli 2006.

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    Ein Fan der Kaizer Chiefs.

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    Südafrikas Präsident Thabo Mbeki, und FIFA-Präsident Sepp Blatter, in Soweto, Johannesburgh beim Spatenstich für den Ausbau des FNB Stadiums.

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