Evolution von Captain Kirks Klappe - Ist Design bei Handys alles?

18. Februar 2008, 13:10
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Heute ist Design der wesentliche Faktor, der die Strategie des Handyherstellers Motorola lenkt, sagt der für die Designabteilung, verantwortliche Jim Caruso

Handymäßig gesprochen zerfällt die Welt in zwei Hälften: Die eine, vor allem USA und Asien, liebt ihre Klapphandys, "Clam Shells" im Jargon der Industrie. Die andere, vor allem Europa, greift mit Vorliebe zu "Candy Bars", Handys in Form eines Schokoriegels.

Unendliche Weiten

"Es hat alles mit Sciencefiction in den 60er-Jahren angefangen", sinniert Jim Caruso, Motorolas Designguru und Chef der "Motocity", des Designzentrums des US-Herstellers in Chicago, über den kleinen Unterschied. "Captain James Kirk und sein Communicator" sei wahrscheinlich der Grund, warum das Klapphandy zum Prototypen des amerikanischen Handys wurde. "Amerikaner haben einen funktionalen Zugang dazu, zuerst muss es funktionieren, und dann soll es auch noch cool sein. In Europa läuft das umgekehrt, da will man Coolness und Stil, und natürlich muss es auch funktionieren."

Typenbildung

Global würden sich die beiden Handy-Grundtypen "50 zu 50" verteilen, sagt Caruso, das "Clam Shell" habe weiterhin funktionale Vorteile, auch wenn Motorola schon lange nicht mehr auf diese "Urform" fixiert ist: Die Form passe sich dem Gesicht an, und Menschen haben die Neigung, sich beim Telefonieren abzuwenden, um eine geschützte Sphäre zu bilden. "In den USA wächst darum die Beliebtheit von Schiebetelefonen", sagt Caruso, eine Form, die Vorteile von Shells und Bars vereint.

Ein Muss

Design ist aus dem Entstehungsprozess von Handys nicht mehr wegzudenken, und es war der Erfolg des schicken, dünnen Razr-Modells, der Motorola nach schwierigen Jahren wieder etwas Rückenwind gab (siehe auch Ticker unten). "Früher hat Engineering die Entwicklung getrieben, aber der starke Wettbewerb hat dazu geführt, dass Design und die Benutzererfahrung Änderungen herbeiführt. Unsere Designgruppe berichtet darum auch nicht den Entwicklern oder den Marketingleuten, sondern sie ist mit der Unternehmensstrategie verbunden. Design ist ein Change Agent."

Trends

Eine Reihe von Trends beeinflusse die aktuelle Handy-Entwicklung. "Die physischen Grenzen im digitalen Bereich verschwinden. Zum Beispiel haben Displays heute auch Kontrollfunktionen" - wie bei Apples iPhone, das mittels Touch-Display bedient wird. "Die Konvergenz im mobilen Bereich - Kameras, Musikplayer, TV. Die Personalisierung, um einen digitalen Fußabdruck zu hinterlassen. Alles wird kleiner, außer dem persönlichen Erlebnis. Soziales Netzwerken", beschreibt Caruso die Megatrends. Dabei sei es für Designer unverzichtbar, mit den Technologie-Entwicklern eng zusammenzuarbeiten um auszuprobieren, was man mit neuen Entwicklungen machen kann - wie integrierten Miniprojektoren zum Herzeigen von Fotos.

Ideale Form?

Gibt es für ein Handy die ideale Form, die es eines Tages erreicht? "Es gibt diese Vorstellung in unserer Industrie, dass man laufend den Form-Factor ändern muss, um Innovation auszudrücken. Unser Mantra ist es, das Prinzip der Usability zu betonen, mit einem Schuss an Überraschung", sagt er. Die Evolution, die ein Design wie das des Razr nimmt, "ist kein Durchbruch, aber das Razr 2 steckt voller Innovationen, wie bei der laserbehandelten Oberfläche, oder dass es keine Nahtstellen im Material gibt."

Aber die perfekte Form hänge jeweils vom Gebrauch ab, "wenn man mit dem Handy fernsehen will, dann beeinflusst das die Form, weil der Bildschirm quer betrachtet wird.

iPhone

Wie reagiert Motorola auf Apples iPhone? Caruso lässt sich nicht in die Karten blicken; der 26. Stock von Motocity, wo die Designer am Portfolio für das nächste Produktjahr arbeiten, ist Sperrzone. Aber man zollt den Kollegen in Cupertino Anerkennung: "Es ist eine aufregende Entwicklung, weil es Veränderungen für Smartphones im obersten Segment bringt. Viele Konsumenten kommen dadurch zum ersten Mal mit mobilen Multimediageräten in Kontakt. Wir werden noch viele iPhone-artige Angebote sehen, weil diese Funktionen zwar in vielen Handys sind, aber nicht verwendet werden."

Eines für manche

Sieht Caruso also im iPhone die ideale Form für mobile Multimediageräte? "Apple geht den Weg, ein Produkt für ein Art von Kunden anzubieten. Aber wir müssen vielen verschiedenen Kundenbedürfnissen mit verschiedenen Geräten gerecht werden", sieht er in der Differenzierung des Portfolios für einen Marktführer wie Motorola einen entscheidenden Erfolgsfaktor. Und wer weiß, "in fünf Jahren könnte es eine verteilte Architektur für mobile Kommunikation geben, und nicht nur ein einziges Gerät - etwa das Handy in der Armbanduhr mit einem Headset." (Helmut Spudich, DerStandard/Printausgabe vom 7.7.2007)

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