Der Architekt als Sozialarbeiter

8. Juli 2007, 09:00
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Im Zukunftsdrill drohen die Kleinen und Schwachen jämmerlich unterzugehen. Damit das nicht passiert, nehmen sich ihrer ein paar Architekten an.

Architektur ist eine wunderbare Sache. Doch wenn man einigen Koryphäen und Kapazundern zuhört, wie sie sich die Stadt von morgen vorstellen, dann kann es schon passieren, dass man urplötzlich zusammenzuckt und unter der Last ihrer Zukunftsvisionen in panische Angst verfällt. Hochhäuser strecken sich nach den Wolken, Städte werden immer schneller und größer, das Bauen verkommt zu einem einzigen großen Monopoly-Spiel der Eitelkeiten. Wer in diesem Drill überleben will, der muss schon über den richtigen sozialen Status, vor allem aber über das nötige Kleingeld verfügen - sonst wird's bitter.

Umso erfreulicher war letztes Wochenende die Urban Prototyping Conference an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Wolf Prix, Vorstand des Instituts für Architektur, lud Rang und Namen ein, um sich zwei Tage lang über den Stadt-Prototypen von morgen zu unterhalten. Das Gute zuerst: Europa hat ein Herz für Schwache. Denn während nordamerikanische und asiatische Architekten wieder einmal den menschenverachtenden Hightech-Utopien frönen, zerbricht man sich auf diesem Kontinent eher den Kopf über die soziale Verantwortlichkeit von Architekten - und bietet Lösungen für die kleine Frau und den kleinen Mann an.

"Der Raum ist kein Gegenstand, er ist eine soziale Form", hatte der französische Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre einst gesagt. Stimmt das? "Wenn die soziale Form die Art und Weise ist, wie man lebt - ja, dann hat er Recht", sagt die Pariser Architektin Anne Lacaton. Gemeinsam mit ihrem Partner Jean-Philippe Vassal entwickelt sie von jeher Projekte, die fürs kleine Portemonnaie bestimmt sind und die aus kleinsten Ressourcen das Maximum herausholen. Ihre Bauherren leben in Gebäuden aus Polycarbonat-Stegplatten, in Gewächshäusern, in adaptierten Containern. Und alle sind sie glücklich.

"Mit der Zeit haben wir erkannt, dass das Billigbauen eine riesige Chance ist und uns ständig neue Horizonte eröffnet. Man denkt aus diesem Blickwinkel irgendwie kreativer", sagt Lacaton, "manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass wir all unsere Projekte nicht hätten machen können, wenn mehr Geld da gewesen wäre." Das Motto von Lacaton & Vassal ist ganz einfach: "Wir wollen aus jedem Projekt das Maximum herausholen: das Maximum an Fläche, an Raum, an Entfaltungsmöglichkeiten, letztendlich auch das Maximum an Luxus."

Seit Kurzem entwickeln die französischen Querdenker ihre Konzepte nicht nur für ein paar auserwählte Auftraggeber, sondern gleich für eine ganze Meute. Mit einem gewonnenen Wettbewerb ist es geglückt, die unkonventionellen Wohnideen erstmals einem 60er-Jahre-Wohnblock in der Pariser Banlieue überzustülpen. Wie sieht das konkret aus? Das Haus bleibt im Kern im Großen und Ganzen bestehen und wird nur geringfügig saniert. Die tatsächliche Änderung betrifft die Fassade: Sie wird komplett entfernt. Rund um das bestehende Gebäude kommt eine Stahlkonstruktion, die die Wohnräume nach außen erweitert und mit einer Loggia abschließt.

Damit das ganze Projekt effizient über die Bühne gehen kann, werden die Wohnraum-Erweiterungen zur Gänze vorgefertigt. Sodann werden die Module vor Ort gebracht und gestapelt, bis vom alten Haus nichts mehr zu sehen ist - also 20 Stockwerke hoch. Für die nunmehr größeren Schlaf- und Wohnzimmer heißt es dann: Geblickt wird ab sofort durch eine vollverglaste Fassade. Davor kann man noch auf eine Loggia treten, die mit Schiebetüren aus Kunststoff-Paneelen geöffnet oder geschlossen werden kann.

Das Anbauen an der äußersten Schicht ist für die Bewohner äußerst praktisch: Monatelang wird es vor ihren Fenstern zwar lärmen und stauben, dafür aber können die Menschen in ihren Wohnungen verbleiben und müssen sich nicht nach einem Notquartier umschauen. "Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass kein Mensch an den ursprünglichen Ort zurückkehrt, sobald er einmal umgesiedelt ist", sagt Anna Lacaton, "ich bin daher froh darüber, dass wir in diesem Projekt alle Bewohner halten können. Kein Einziger ist abgesprungen."

Mit dem Umbau von Lacaton & Vassal ging ein Mediations- und Partizipationsverfahren einher. Es stellte sich heraus, dass manche Bewohner in ihrer bisherigen Wohnung nicht mehr glücklich sind - entweder hat sie die falsche Himmelsrichtung oder die falsche Größe, oder sie liegt schlichtweg im falschen Stockwerk. Durch langes Hin- und Herschieben gelang es schließlich, innerhalb des Wohnblocks die Wohnungen untereinander so zu tauschen, dass alle Bewohner zufrieden gestellt sind. "Die Diskussionen mit den Bewohnern haben das ganze letzte Jahr in Anspruch genommen", sagt die Architektin, das sei eine ganz schön lange Zeit. "Doch es hat sich ausgezahlt."

Nicht unwesentliches Detail am Rande: Die Kosten für einen Umbau dieser Art liegen bei nicht einmal 50 Prozent gegenüber einem Neubau - dabei sind die Abbruchkosten in dieser Kalkulation noch nicht einmal berücksichtigt. "Die Baukosten pro Quadratmeter sind für uns eigentlich nicht relevant, denn wir arbeiten ausschließlich mit Wohnungspreisen", sagt Lacaton", je günstiger wir bauen, desto mehr Quadratmeter hat die Wohnung." Für Bauherren und Bauträger sei das ein ungewöhnlicher Ansatz. Aber er scheint zu funktionieren. Baubeginn ist im Dezember 2007. Ein Jahr später wird dann emsig gesiedelt und getauscht.

Die soziale Ader der Architekten ist jedoch keineswegs auf ein paar Wohnungen beschränkt. Das dänische Architekturbüro BIG arbeitet schon seit Jahren daran, die öffentlichen Flächen innerhalb der Stadt zu maximieren. Allein für Kopenhagen gibt es eine Handvoll Projekte, die entweder in Planung oder bereits realisiert sind. Mit dem so genannten Harbour Bath setzte Architekt Bjarke Ingels, sozusagen der Big Boss, eine schwimmende Holzlandschaft mitten in den Hafen. Die drei Becken samt Sprungturm stehen der Bevölkerung - wohlgemerkt kostenlos - zur Verfügung.

Eine Gratisnutzung verspricht auch jene übergreifende Terrasse, die demnächst auf die Kopenhagener Dachlandschaft gelegt werden soll. Der öffentliche Platz in luftiger Höhe wird den Menschen als Sonnendeck, als Partyfläche und als Strandbar mitsamt Beach-Volleyball dienen. "Wir müssen uns genau überlegen, wie sich das zeitgenössische Leben in unseren Städten zunehmend verändern wird", erklärt Ingels, "die neuen politischen, wirtschaftlichen, technologischen, aber auch die soziologischen und ethnischen Gegebenheiten verlangen einen neuen Weg in der Architektur."

Einen solchen ging auch der Österreicher Hubert Klumpner. Vor einigen Jahren kehrte er der Heimat den Rücken und emigrierte nach Venezuela, wo er gemeinsam mit seinem US-Kollegen Alfredo Brillembourg das Büro Urban Think Tank gründete. Bei der Konferenz in Wien präsentierten die beiden Architekten ein Projekt, das vor wenigen Wochen zu bauen begonnen wurde: Mit einer ebenso simplen wie effizienten Idee gelang es ihnen, die Slumsiedlungen von Caracas, die bisher ohne befestigte Straßen und ohne infrastrukturelle Versorgung die Berghänge emporkletterten, ans öffentliche Verkehrsnetz anzubinden - mit einer Seilbahn. In Kooperation mit dem österreichischen Seilbahn-Produzenten Doppelmayr wurde ein Bauvorhaben geboren, das mit einem Schlag den Alltag von etlichen Tausend Caraceños verbessern wird. Auf einer Länge von knapp drei Kilometern - insgesamt wird es fünf Haltestellen geben - wird sich die Seilbahn ihren Weg durch die hügelige Slumsiedlung bahnen und dabei gute 300 Höhenmeter überwinden.

Ist das der europäische Traum einer Architektur von morgen? Wie es scheint, wurde man dem Titel der Urban Prototyping Conference in Wien gerecht. Hier ist er also - der Prototyp für die Zukunft. Doch die Sozialarbeit wäre nicht, was sie ist, wenn nicht stets ein Fünkchen Selbstkritik mitschwänge. "Wenn wir von einer Protoyp-Stadt ausgehen, dann heißt das, dass wir diesen Prototyp auch vervielfältigen müssen", sagt Architekt Hubert Klumpner, "doch das blinde Kopieren widerstrebt jeder sozialen Betrachtungsweise. Im Endeffekt wären alle Städte gleich."

Stille im Saal. "Die größten Probleme der Welt können Architekten nicht lösen", sagt Gastgeber Wolf Prix. Wie Recht er damit hat! Anne Lacaton, Bjarke Ingels und Hubert Klumpner haben jedoch vorgezeigt, wie man die großen Probleme etwas kleiner machen kann. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.07.2007)

  • Frischekur auf Französisch: In Bälde wird die Tristesse der Vergangenheit angehören. Lacaton & Vassal reißen die Fassade nieder und schenken den Bewohnern Licht und Luft.
    fotos: lacaton & vassal

    Frischekur auf Französisch: In Bälde wird die Tristesse der Vergangenheit angehören. Lacaton & Vassal reißen die Fassade nieder und schenken den Bewohnern Licht und Luft.

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