Dramolett zur Erklärung der großen Rätsel

16. Juli 2007, 13:33
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Cornelia Faustmann und Walter Thirring haben "Einstein entformelt"

Dass die Schönen Künste kreative Menschen, die zwei oder mehr Generationen auseinanderliegen, zu gemeinsamem Schaffen vereinen können, ist wohlbekannt, dass aber die Freude an der theoretischen Physik - und zwar konkret an der Speziellen Relativitätstheorie - einen weltberühmten Physiker und eine junge Studentin mit einem halben Jahrhundert Altersunterschied dazu veranlasst hat, gemeinsam ein Dramolett zur Erklärung der großen Rätsel von Raum und Zeit zu verfassen, ist als eine Art Sensation zu werten.

Walter Thirring, emeritierter Ordinarius für Theoretische Physik an der Wiener Universität, und Cornelia Faustmann, Studentin der Astronomie und des Lateinischen, haben in einem vergnüglichen Büchlein Einstein "entformelt", das heißt, das Wesentliche seiner Überlegungen ohne Gebrauch von Formeln, doch mit vielen Bildern und Diagrammen, dem Leser nahe gebracht - einem Leser übrigens, der selbst wieder (fast) jeder Alters- und Bildungsstufe angehören kann!

Auf eine Einleitung, die beider Autoren Wege zu Einstein in sehr berührender Form schildert, folgen vier Akte, in denen die drei Erzengel mit übernatürlicher Vorsehungsgabe (1. Akt), schlichte Dorfbewohner auf dem Wege zu höherer Vorstellungskraft (2. Akt), Albert, Michele und Mileva, keine Unbekannten in der Physik, auf höchstem Niveau (3. Akt) und wiederum die Erzengel als Be- urteiler des vom Menschenhirn Erreichten (4. Akt) geradezu im Handumdrehen die Essenz der Relativitätstheorie darlegen (deren Schwierigkeiten, wie der Rezensent seinerzeit beim Studium am eigenen Leib erfahren hat, nicht so sehr in der Komplexität der Mathematik als in den Gedankenschritten zwischen den Gleichungen liegen).

Schon ein kurzes Durchblättern der Seiten zeigt freilich, dass auf ein Minimum an Formelgut nicht verzichtet werden konnte. Apropos: Für Leute ohne "mathematische Allergien" existiert ein symbolreicher Anhang, in dem der Erzengel Michael den Unterschied zwischen Euklidischer (die klassische Physik beherrschender) und Minkowski'scher (der Relativitätstheorie zugrunde liegender) Geometrie erklärt. Kurze Biografien von Euklid, Descartes und Minkowski unterbrechen den dramatischen Text.

Das vorliegende "Spiel über die Kraft des menschlichen Geistes" (so der Untertitel) ist nicht der erste Vorstoß Thirrings in Richtung Popularisierung dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält: In seinen Kosmischen Impressionen - vor einigen Jahren auch an dieser Stelle besprochen - hat er Gottes Spuren in den Naturgesetzen zumindest nicht ausgeschlossen und damit einen bedeutenden Beitrag zur Versöhnung von gemeiniglich für inkompatibel gehaltenen Gedankenwelten geleistet.

Cornelia Faustmann, schon vor diesem Büchlein aufgrund einer astrophysikalischen Arbeit "Wunderkind der Physik" apostrophiert und offenbar ein junger Mensch von sympathischer Geistes- und Seelenfrische, ist Thirring bei seinem Bemühen ebenbürtig zur Seite gestanden. Ein Glücksfall, dass sich die beiden Autoren zu diesem Unternehmen getroffen haben! (J. W. Weil/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. 7. 2007)

Cornelia Faustmann, Walter Thirring, "Einstein ent- formelt, wie ihm ein Teenager auf die Schliche kam", € 19,90/100 Seiten. Seifert Verlag, Wien 2007.
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