Chronik der Nichtereignisse

7. Juli 2007, 16:00
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Angelika Reitzer schlägt in ihrem Debütroman aus einem durchschnittlichen Jung-Frauen-Dasein poetische Funken

In den finsteren Zeiten / Wird da auch gesungen werden?", hat sich Bert Brecht einst gefragt und in einem Gedicht selbst die Antwort gegeben: "Da wird auch gesungen werden / Von den finsteren Zeiten." Und in den helleren Zeiten, in denen uns zumindest in diesen Gegenden die großen Katastrophen mit ihren dunklen Fratzen meist nur aus diversen Bildschirmen und Schlagzeilen anschreien, ansonsten sich aber der Alltag in erster Linie aus banalen Belanglosigkeiten zusammenrottet, wird da auch gesungen?

Selbstverständlich, da werden eben die Nichtereignisse, die nur angeblich nicht der Rede wert sind, mit manchmal sogar schönen Worten erzählt. Die 1971 in Graz geborene Angelika Reitzer, die in Salzburg und Berlin Germanistik studierte und in Wien lebt, schreibt zum Beispiel in ihrem ersten Roman Taghelle Gegend über eine junge Frau namens Maria, die aus der österreichischen Provinz ans Meer und dann wie so viele dauerhaft nach Wien flüchtet, dort zunächst fast alles toll und cool findet, selbst verbiesterte Indigene und in Außenbezirken verfallende Häuser - "alles war so konsequent verwildert und heruntergekommen, als hätte sich das jemand ausgedacht" -, bevor sich ihre Wahrnehmung im entwicklungspsychologisch plangemäßen Erwachsenwerdungsprozess doch noch ein wenig ambivalenter ausdifferenziert.

In ihrer ersten "wirklichen Großstadt" hat sie Verhältnisse, "aus denen weder er noch sie klug wurde", und prekäre Jobs, über die sich Ähnliches sagen ließe. Zu ihren Liebhabern gehören ein älterer Mann, der früher einmal irgendetwas Bedeutenderes am Theater gewesen sein dürfte, jetzt aber vornehmlich beim präkoitalen Rotwein über Brecht, "barbarische Zustände" und "jene Hoffnung auf eine Utopie" postrevoluzzerisch schwafelt, und ein Galerist, der in seinem früheren Leben erfolglos Bildhauer war.

Wenn man böse sein will (und welcher Kritiker will das nicht ab und an?), können diese Passagen, denen Reitzer leider ein bisschen zu viel Text einräumt, zu einer Karikatur der jungen Frau als Alma Mahler-Werfel für kleinbürgerliche Mittelschichtsbobos "verzeichnet" werden. Auch Befindlichkeitsberichte von Kulturbetriebsfrauen mit fatalem Hang zu fernsehsoapkompatiblen Diskursen weiblicher Sexualpolitik ("Olga hat ständig Männer unterschiedlicher Kategorien in Rufweite (...) die meisten sind Durchlaufposten") streifen mitunter ans Ärgerliche an.

Dem stehen Schilderungen von Begegnungen an der Peripherie des Beobachtbaren gegenüber, die anrühren, weil sie die von der Industrie des Bewusstseins unterschlagenen Lebensäußerungen für einen Augenblick ins Zentrum rücken. "Maria schaute sich um und sah einen Mann an einem Tisch sitzen und zeichnen. Sie hörte die schnellen Striche seines Stiftes. Als einer der Kellner sich mit einer Tasse zu ihm setzte, sah der Mann nicht auf, sie redeten ganz vertraut miteinander, ihre Stimmen waren kaum zu hören." Wie es überhaupt die präzise vermessenen Schnittstellen zwischen dem empirisch Greifbaren und dem bloß Erahnbaren sind, die Taghelle Gegend zu einem außergewöhnlichen Buch machen. "Der Anfang könnte schleierhaft bleiben / Nebel, im Schlaf oder im Traum ist auch alles nicht so deutlich zu erkennen", lautet ein Satz im Roman, der als poetologische Selbstauskunft gelesen werden kann.

Solche "Unschärferelationen", die unterschiedliche Realitäts- und Imaginationsebenen gleichrangig nebeneinanderstellen oder überblenden, prägen das Buch: Übergänge vom gegenwärtigen Leben zur vergegenwärtigten Erinnerung, in der Maria "wieder das kleine Mädchen" im Haus ihrer Eltern ist und ihre Kindheit, die Geburt eines Geschwisterchens oder den Tod der Großmutter mit staunenswerter Glaubwürdigkeit und Intensität wiedererlebt beziehungsweise aufregend neu erfindet; oder Übergänge vom wachen Bewusstsein in den Traum mit kleiner Katzenherde und Rotweinseen; oder Übergänge von der Realität in eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit: "Wie weit es ist von mir zu mir. Jetzt sind wir wieder an verschiedenen Orten und wer überlegt / wer übt zügellose Liebesbriefe: wenn nicht ich." Eine Metaphysik des Alltäglichen wird da angedeutet, eine Zwischenwelt, in der sich die Linden verausgabt haben und die Kerzen "mir zulachen" und "sich immer noch eine Geschichte erzählen, mir ist egal in welcher Sprache".

Und en passant wird das Lebensgefühl einer Generation angesprochen, die gerne redet über die Veränderungen, "die jetzt notwendig seien: in der Schule oder in der Gesellschaft und überhaupt", aber noch viel besser weiß, von geschäftigen Erscheinungen, "die mit Überzeugung alles richtig machen", beherrscht zu werden und daher mit dem Knüpfen von Netzwerken und dem Schmieden von Projekten beschäftigt ist und sich fragt, wie sich das alles verbinden lässt, "Gefühle und Staub". Schließlich sind die richtigen Fragen "weiterhin schwer zu erkennen, ebenso jene Zeit, in der es ein Ankommen gibt."

Wenn Angelika Reitzer das von Fluchtwegen durchzogene Land zwischen dem monadischen Ich und der gleichgültigen Außenwelt vermisst, dann ist Taghelle Gegend groß - und es ist einsichtig, dass die Autorin gerade eben das Hermann-Lenz-Stipendium dafür erhalten hat. (Ewald Schreiber/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.07.2007)

  • Angelika Reitzer, "Taghelle Gegend". € 17,90 / 171 Seiten. Haymon Verlag, Innsbruck/Wien 2007
    buchcover: haymon

    Angelika Reitzer, "Taghelle Gegend". € 17,90 / 171 Seiten. Haymon Verlag, Innsbruck/Wien 2007

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