Krimischiene: Großstadthorror und Heimatkunde

7. Juli 2007, 16:00
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Karin Slaughter: "Gottlos", Horst Eckert: "Königsallee", Ernst Schmid: "Echte Kameraden", Christian Gude: "osquito"

Landaufenthalt

In Georgia ist man fromm und eine Farm auf der eine fundamentalistische christliche Sekte herrscht, nichts besonderes. Wo Frauen geprügel werden, bis sie an Erschöpfung sterben, bestraft man unbotmäßige Mädchen, indem man sie in eine Kiste steckt, diese in die Erde versenkt und den Opfern mittels eines Atemrohrs ein knappes Überleben ermöglicht. Eine schafft das nicht, denn man hat ihr Zyankali ins Atemrohr gekippt. Karin Slaughter siedelt ihren Thriller in ihrem Heimatstaat an: Gottlos (Deutsch: Sophie Zeitz, € 20,50, Wunderlich) handelt von geschlossenen Wahnsystemen. Auch die Vertreter des Gesetzes sind beschädigt; wie soll eine Polizistin eine halb erschlagene Frau zur Anzeige ermutigen, wenn sie sich selbst einem gewalttätigem Freund ausliefert? Slaughter war bislang für Splatter-Orgien gut, jetzt scheint sie etwas ernsthafter zu werden.

Großstadthorror

Ein Haufen unsympathischer Menschen bevölkert den Krimi Königsallee (€ 19,50,Grafit) von Horst Eckert: die russische Mafia, zwielichtige Lokalpolitiker, Hobby-Nutten, ein gefürchteter Richter, der sich zu Höherem berufen fühlt, Kunsträuber und Investoren, alles Leute, die von einer reichen Stadt wie Düsseldorf profitieren wollen. Wie üblich beißen den letzten die Hunde. Ein Polizeiinformant wird erschossen, Ermittlungen werden behindert und Hahnenkämpfe zwischen den Abteilungen der Exekutive ausgefochten. Sauber bleibt keiner. Es sind viele Handlungsstränge, die Eckert geschickt und nicht ohne Zynismus zusammenknüpft. Sehr witzig zum Beispiel die Einkaufstour russischer Neureicher in Düsseldorfs Boutiquen. Eckert braucht für die Komplexität 409 spannende Seiten. Und die können durchaus als Urlaubslektüre empfohlen werden.

Heimatkunde

Ein lauschiges Picknick ist was anderes. Gerade als es sich Oliver und Jelena auf der Decke gemütlich machen, hören sie eine Explosion und das Hündchen kommt mit einer abgefetzten Menschenhand angaloppiert. Ohne Abschweifungen erzählt Ernst Schmid in Echte Kameraden (€ 14,90, Resistenz) vom vierten Fall seiner Kommissarin Rita Lohmeyer im Großraum Linz. Der Tote war ein Herumtreiber mit rechtsradikaler Schlagseite, bei dem erst nicht klar ist, ob er sich selbst in die Luft gesprengt hat. Lohmeyers Assistentin, die noch an ihren psychischen Wunden vom letzten Einsatz laboriert, lässt sich ins rechte Milieu einschleusen. Die Dinge laufen aus dem Ruder, als sie Verdacht erregt. Schmids Recherchen in Sachen verdrängter Mühlviertler Geschichte sind, genauso wie die Informationen über rechte Netzwerke, detailliert und realitätsnah.

Kriegsgeschichte

Der in Darmstadt arbeitende Marketingexperte Christian Gude wühlt in der Vergangenheit: Im Badegewässer der Stadt wird eine Leiche gefunden, mit einem Betonblock fixiert und durch den Schlamm konserviert. Es handelt sich um einen Piloten aus dem Zweiten Weltkrieg, der aus Darmstadt nach Neuseeland ausgewandert war und später als britischer Militärangehöriger an der Bombardierung seiner Heimatstadt teilgenommen hat. In Mosquito € 10,20, Gmeiner-Verlag) ist ein Stück schauriger Geschichte verpackt. Und die Gegenwart wirkt auch nicht erfreulich. Gudes Ermittler ist ein Chauvinist mit Bakterienphobie. Kein Wunder, dass sich seine Frau in allerlei Esoterik-Klimbim flüchtet, jede andere hätte schon die reale Flucht angetreten. Teilweise real sind auch die Figuren, an denen Gude seinen Krimi für Technikfreaks festmacht. (Ingeborg Sperl/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.07.2007)

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    buchcover: grafit
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