Wenn sich die Alpen beim Queren wehren

11. Juli 2007, 17:00
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Mit der "SuperAlp"-Tour versuchte die Plattform "Alpine Pearls" zu zeigen, dass sich die Alpen auf ökologisch verträgliche Weise überqueren lassen

Lust aufs Reisen machen die Nachrichten momentan nicht. Die CO2-Debatte ist in aller Munde. Autofahren und noch viel mehr das Fliegen sind als Klimakiller diskreditiert, und die europäischen Bahnverbindungen sind entweder zu langsam, zu teuer, zu umständlich oder alles zugleich. Dem setzen die "Alpine Pearls" - eine gemeinsame Marketingplattform von 21 Urlaubsorten in den Alpen - das Konzept der sanften Mobilität entgegen. Eine Truppe von 20 Journalisten durfte dies ausprobieren.

"Der Weg ist das Ziel", zitiert Marcella Morandini vom Öko-Institut Südtirol beruhigend den chinesischen Weisen Konfuzius, als wir am Bahnhof von Pré St. Didier im italienischen Aosta-Tal gerade den Zug verpasst haben. Konsequent mit öffentlichen Verkehrsmitteln verläuft die vom Institut minutiös geplante zehntägige Reise in West-Ost-Richtung durch die Alpen.

Was mit Interrail zwischen den europäischen Metropolen eine durchaus lösbare logistische Aufgabe ist, wird beim grenzüberschreitenden Reisen mit Regionalbahn, Postbus und Bergseilbahn in den Alpen zu einer kniffligen Angelegenheit. Koordinierte Fahrpläne gibt es selten, ebenso wenig gemeinsame Fahrkarten. Die "SuperAlp" genannte Tour ist ein Experiment. Und wie das Experimente nun mal so an sich haben, gelingen sie mitunter oder eben nicht.

So wie in Pré St. Didier. Hier fährt der Linienbus von der Talstation der Mont Blanc Seilbahn nicht, weil die Schulferien schon begonnen haben. Als positive Überraschung kommt die nächste Bahn schon eine Stunde später. Also nicht ärgern, sondern die Zeit nutzen für einen ersten Espresso auf italienischem Boden. Der Weg ist das Ziel.

Seilbahn in die Oase

Über Aosta und den Nachbarort Châtillon geht die Fahrt mit dem Linienbus weiter bis zur Kabinenbahn in den kleinsten der Perlen-Orte, das 100 Seelen-Dorf Chamois. Eine ausschließlich mit der Seilbahn erreichbare Oase der Ruhe auf 1815 Meter Seehöhe. Hüttenwirt Alessandro Moro begrüßt die Truppe mit "Sanguin acci", der aus roten Rüben, Kartoffeln und Schweinespeck gemachten Blutwurst des Aosta-Tals. Sein Rifugio L'Ermitage ist ein idealer Ausgangspunkt für Wanderungen oder Mountainbike-Touren. Aber das hieße ja schon so etwas wie ankommen. Für den SuperAlp-Trupp geht es früh am nächsten Morgen weiter. Der Linienbus bringt Touristen das Valtournenche Tal hinauf bis zum Fuß des Matterhorns, Seilbahnen befördern Spaziergänger bis hoch zum Gletscher - eigentlich. Heute fahren die Bahnen nicht, weil ungewöhnlich viel Neuschnee auf der italienischen Seite gefallen ist. Das sonst nur eine kurze Gletscherwanderung entfernte schweizerische Zermatt wird plötzlich unerreichbar. Eine in Eigenregie geplante Alpenreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre hier in eine Sackgasse geraten.

In der Schweiz ist das Reisen mit Bus und Bahn leichter. Misst das Schienennetz in Österreich 6274 Kilometer, so bringt es der wesentlich kleinere Alpennachbar auf 5136 Kilometer, die meist pünktlich und im Stundentakt befahren werden. Ein ganz besonderer Genuss ist die Fahrt von Zermatt nach Chur im langsamsten Schnellzug der Welt, dem schon legendären Glacier Express. Im bequemen Panoramawagen geht es über 2000 Meter hohe Pässe, entlang der Oberläufe von Rhône und Rhein, durch Tunnel, über Brücken und spektakuläre Serpentinen einmal quer durch die karge Berglandschaft der Schweizer Hochalpen. Ja, ja, der Weg ist das Ziel.

Einen Gemsensprung mit der Rhätischen Bahn von Chur entfernt liegt die Alpen-Perle Arosa, wo Tourismusdirektor Hans-Kaspar Schwarzenbach von den Chancen spricht, die der Klimawandel mit sich bringt. "Die Alpen sind nah dran an den Ballungsräumen, von wo die meisten Touristen kommen. Und die immer heißer werdenden Sommer lassen sich hier wunderbar ertragen." Arosa hat es gut. Hier können Urlauber bequem per Bahn ganz ohne schlechtes Klima-Gewissen anreisen. Um das noch zu toppen, bietet Arosa seit letztem Jahr "klimaneutrale Winterferien" an. Bucht der Tourist auf der Arosa-Homepage eine entsprechende Pauschale, gleicht die Gemeinde die reisebedingten Kohlendioxid-Emissionen durch den Ankauf von CO2-Zertifikaten aus.

Europaweit haben Zeitungen und Fernsehen darüber berichtet, Umweltschützer das Angebot kritisch unter die Lupe genommen. Die Werbewirkung war enorm, die Kosten durchaus überschaubar. Gerade mal 360 Euro musste Schwarzenbach aus seinem mehr als dreieinhalb Millionen Euro schweren Marketingbudget ausgeben für den Zertifikatekauf, da nur wenige Touristen sich überhaupt dafür interessierten.

Schlüsselerlebnis

Besser funktioniert das Konzept der österreichischen Perle Werfenweng im Salzburger Land. Dahinter stecken handfeste Anreize für Besucher, die ohne das eigene Auto anreisen oder doch zumindest den Wagenschlüssel gleich nach der Ankunft im Tourismusbüro abgeben. Vom Transfer zum Bahnhof in Bischofshofen über die Nutzung einer ganzen Flotte von elektrischen Funmobilen bis hin zu organisierten Ausflügen und Wanderungen reichen die Möglichkeiten mit dem Werfenwenger Vorteilspass. Und das alles komplett gratis.

Werfenweng ist ein Pionierort des Öko-Tourismus in Österreich. 1996 hat das unter massivem Urlauberschwund leidende Dorf zugegriffen, als das Umweltministerium einen Modellort suchte. "Damals hat sich Werfenweng neu erfunden", sagt der Mann, der hinter der Neuorientierung steht. Seit 1989 ist Peter Brandauer Bürgermeister, er hat den Ort umgekrempelt. Steigende Übernachtungszahlen geben ihm Recht. Mehr als zwei Drittel der Hotels und Gasthöfe machen schon mit bei der sanften Mobilität.

"Zukünftig wird es nicht mehr darauf ankommen, dass wir überall hinfahren können, sondern ob es sich lohnt, dort anzukommen", schrieb der deutsche Heideschriftsteller Hermann Löns vor 100 Jahren. In Werfenweng hat der Weg ein Ziel. (Ralf Hölder/Der Standard/Printausgabe/7./8.7.2007)

Info: Alpine Pearls

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  • Klimaschonende Fortbewegung: Wandern.
    foto: alpine pearls

    Klimaschonende Fortbewegung: Wandern.

  • Schöne Aussichten ohne die Umwelt zu belasten.
    foto: alpine pearls

    Schöne Aussichten ohne die Umwelt zu belasten.

  • Neukirchen ist, neben Hinterstoder und Werfenweng, eine der Perlen in Österreich.
    foto: alpine pearls

    Neukirchen ist, neben Hinterstoder und Werfenweng, eine der Perlen in Österreich.

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