"Harry Potter und der Orden des Phönix": Die wilde Seite der Trauer: Zorn

6. Juli 2007, 21:15
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"Harry Potter und der Orden des Phönix": Die durchaus gelungene Verfilmung von Band fünf der siebenteiligen Bestseller-Serie von Joanne K. Rowling

Wien - Teenager auf einem Kinderspielplatz im Niemandsland. Rundum Rutschen, Schaukeln, Gerätschaften, denen sie sei einiger Zeit entwachsen sind. Kindlicher Spott über Schwächere weicht einem infamen Kalkül: Einmal mehr ist Harry Potter (David Radcliffe), der verwaiste Zauberlehrling, Zielscheibe für grausame Häme. Erstmals beginnt er mit dem Gedanken zu spielen, dass seine Begabung auch zur Befriedigung von Rachegelüsten einsetzbar wäre ...

Die erste Szene von Harry Potter und der Orden des Phönix ist, so wie sie der britische Regisseur David Yates jetzt für die große Leinwand inszeniert hat, die vielleicht düsterste - in einem Film und in einer Geschichte, die auf vielerlei Weise das Thema "Verlust der Unschuld" thematisieren: Die Parallelwelt der Zauberer mutiert zunehmend zu einer faschistoiden Technokratie. Im magischen Internat Hogwarts kann man scheinbar nur mehr integer bleiben, indem man eine neue Schulleiterin hintergeht und belügt: Imelda Staunton, bekannt geworden in Mike Leighs Vera Drake, spielt diese Dolores Umbridge wie eine zuckersüße Variation von Margret Thatcher: Hinter dem schrullig konservativen Auftreten einer ewigen Teetante verbirgt sich ein eiserner Wille, der vor harten Disziplinierungsmaßnahmen nicht zurückschreckt.

Warten auf den Krieg

Kinderspiele haben in diesem System, in dem alle zunehmend die klärende Katastrophe, die Wiederkehr des finsteren Lord Voldemort, herbeizusehnen scheinen, keinen Platz mehr. Jetzt herrscht Erklärungsbedarf, und es wird aufgerüstet, für die unausweichliche letzte Schlacht, jenen Krieg, auf den Joanne K. Rowling ihre Saga unausweichlich zusteuern lässt.

Dem Roman Harry Potter und der Orden des Phönix kam in diesem Zusammenhang die Funktion eines erzählerischen Transformators zu, in dem gleichsam das, was zuerst unter dem Titel "Jugendliteratur" lief, in "erwachsene" und entsprechend belastete Zusammenhänge überführt wird. Weil dabei offenkundig einiges an Ballast zu sortieren ist, geriet das Buch mit über 1000 Seiten ein wenig aus der Form: Mitunter knirschte es, wenn wiederholt Konstellationen erklärt werden, in denen der Leser schon den Überblick verliert, ganz gewaltig im dramaturgischen Gebälk.

Regisseur David Yates, eigentlich ein versierter TV-Routinier, und Drehbuchautor Michael Goldenberg haben sehr ersichtlich viel Mühe aufgewandt, um diesen papierenen Wust auf 138 Minuten Kino einzudampfen. Ähnlich wie Alfonso Cuaron, der mit Harry Potter und der Gefangene von Askaban den bis dato filmischsten, freiesten Teil der Kinoserie gedreht hatte, haben sie eine Form gesucht und gefunden, die Verlust und Trauer und deren wilde Seite, den Zorn, nicht einfach behauptet und nacherzählt, sondern in düsteren, oft frostigen Bildern präsent werden lässt.

Insofern ist Harry Potter und der Orden des Phönix der erste Film der Reihe, der überzeugender wirkt als die Buchvorlage. Nach den bisherigen hochbeschleunigten Special-Effects-Orgien wirkt er phasenweise fast "langsam" und melancholisch. Zwar rasen die Jungzauberer und ihre guten, bösen und blöden Lehrer auch hier immer wieder von einem spektakulären Setting zum nächsten. Es überwiegt aber die Konzentration auf die Schauspieler und eine Liebe zum Detail, die dem Lauf der Geschichte nicht hinterherhecheln muss, sondern sich Zeit nimmt für szenische Ausgestaltung: Supernett ist zum Beispiel ein opulentes Feuerwerk, mit dem der verhasste Internatsleiterin endlich einmal richtig eingeheizt wird.

Leben mit dem Verlust

Kurz: Endlich sieht man wieder, was das wirklich heißen könnte - Harry Potter im Kino. De facto wurde die Serie mit ihrem ganzen millionenschweren Merchandising-Brimborium ja viel zu hastig auf Blockbuster-Format aufgeblasen. Wie schön es gewesen wäre, sie wirklich großen Regisseuren und Kindsköpfen wie Tim Burton oder Steven Spielberg zu überantworten: Davon kann man leider weiterhin nur träumen.

Hier jedoch, rund um den Orden des Phönix, wo die Helden langsam lernen müssen, Haltung zu beziehen - hier gewinnen manche Sätze plötzlich das richtige Gewicht: "Alles, was du verloren hast, kehrt irgendwann auf die eine oder andere Weise wieder ..." Der Junge auf dem Kinderspielplatz am Anfang des Films kann davon (noch) nicht einmal träumen. Der junge Mann, der am Ende einmal mehr in die Sommerferien und eine verdiente Kampfpause fährt, er hat jetzt zumindest eine Ahnung, was das bedeutet. (Claus Philipp/ DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.07.2007)

  • Ein Bösewicht als Schlangenmensch: Ralph Fiennes als Harry Potters Erzfeind Lord Voldemort.
    foto: warner bros

    Ein Bösewicht als Schlangenmensch: Ralph Fiennes als Harry Potters Erzfeind Lord Voldemort.

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