Für eine Hand voll Gallenpulver

13. Juli 2007, 17:06
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In China und anderen Staaten werden Bären in jahrelanger Einzelhaft gehalten, damit ihnen ein Mittel für traditionelle Medizin abgezapft werden kann

Dabei gibt es Alternativen. Tieraktivisten bemühen sich um ein Ende der Zustände.

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Den Haag - Irgendwo in China vegetieren elend dreinschauende Bären, in länglichen, rostigen Eisenkäfigen, die nicht größer sind als umgekippte Telefonzellen. "Diese Tiere erleiden die Hölle am lebendigen Leibe, und das viele, viele Jahre lang", sagt Jill Robinson. Die Gründerin und Vorsitzende der in Hongkong ansässigen Tierschutzorganisationen Animals Asia Foundation (AAF) kämpft seit fast zehn Jahren gegen so genannte Bärenfarmen in China. Etwa 7000 der Raubsäuger - vor allem der in Asien verbreitete Kragenbär Ursus thibetanus - werden seit den 1980er-Jahren in der Volksrepublik wie Hühner in Legebatterien in Einzelkäfigen auf nicht mal zwei Quadratmetern eingepfercht. Wilde Bären durchstreunen normalerweise Quadratkilometer große Waldgebiete.

"Das 'bear farming' haben die Chinesen in den 1980er-Jahren aus Korea übernommen, in der Hoffnung, die Jagd auf die geschützten Tiere zu unterbinden", sagt Robinson. Außer in China hausen noch geschätzte 5000 Tiere unter ähnlich erbärmlichen Bedingungen in Vietnam und Südkorea.

Das, weswegen die Bären so leiden müssen, ist eine tiefbräunliche Flüssigkeit. Über Jahre hinweg wird den Tieren täglich etwas bis zu einem Glas voll wie an einer lebenden Tankstelle abgezapft: Bärengalle. "Pro Jahr wird einem Bären so viel Galle abgezapft, dass daraus etwa zwei Kilogramm getrocknetes Gallenpulver gewonnen wird", sagt Christina Filipowicz von der deutschen Zweigstelle der AAF.

Galle wird seit mehr als dreitausend Jahren in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) eingesetzt: Es soll gegen Leberbeschwerden, gegen Würmer im Verdauungstrakt und Augenprobleme helfen. "Bärengalle ist das flüssige Gold einer weltweiten, Millionen schweren Industrie", so die AAF. In den späten 90ern kostete ein Kilo Galle von einem Farmbären 3000 Dollar, von einem wilden Bären sogar 16.000 Dollar auf dem chinesischen Schwarzmarkt. Immer häufiger enthalten auch Produkte abseits der TCM, etwa Kosmetika, Bärengalle, um sie aufzuwerten.

Glühende Metallstäbe

Der illegale Handel mit echter Galle floriert weltweit, wie gerade eine Untersuchung der Welttierschutzgesellschaft (WSPA) gezeigt hat. Die WSPA präsentierte vergangene Woche auf der Konferenz der Konvention für den internationalen Handel gefährdeter Arten (CITES) in Den Haag ein Test-Kit, mit dem sich feststellen lässt, ob ein Produkt natürliche Bestandteile eines Bären enthält. Damit fand sich in westlichen Ländern in bis zu 75 Prozent der TCM-Produkte Bärengalle. Die WSPA hofft, dass das Analysesystem routinemäßig im internationalen Zoll eingesetzt wird.

Dabei gäbe es billigere Kräuteralternativen, wie auch Ärzte der TCM bestätigten. Der Wirkstoff, die Gallensäure, werde längst künstlich hergestellt.

Die Bären werden unter meist unhygienischen Bedingungen "angezapft". In der einfachsten Methode wird ein Loch in der Bärenhaut immer wieder erneut durchstoßen, damit Gallenflüssigkeit abläuft. Laut AAF gibt es Berichte von Farmern, die verkrustete und verstopfte Wunden mit "glühend roten Metallstäben" öffnen.

Robinson und ihre Mitarbeiter haben bisher 219 Bären von kleinen, unrentablen Farmen mit Spendengeldern freikaufen können. "Sie sind chronisch krank und unterernährt, haben Schmerzen, leiden unter ständigem Stress."

Allmählich scheint die Aufklärungsarbeit der Tierschutzorganisationen AAF und WASP zu fruchten. Im März machte eine Abgeordnete des Nationalen Volkskongresses eine Eingabe mit dem Ziel, die Bärenfarmen schrittweise zu schließen. Und auch das Test-Kit der WASP könnte helfen, den Handel mit den Bärenprodukten einzuschränken: "Das alles wird das Problem nicht über Nacht beenden, aber es wird die Sache in Bewegung und den politischen Willen in die richtige Richtung bringen", hofft Jill Robinson. (Marcus Anhäuser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. 7. 2007)

  • Unter meist unhygienischen Bedingungen wird Kragenbären immer wieder die Haut durchstoßen,
verstopfte und schwärende Wunden sind die Folge.
    foto: wspa

    Unter meist unhygienischen Bedingungen wird Kragenbären immer wieder die Haut durchstoßen, verstopfte und schwärende Wunden sind die Folge.

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