"Böse, besoffen, aber gescheit"

6. Juli 2007, 18:22
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Er schrieb, schrieb und litt, litt und trank. "Hommage an Joseph Roth" – ein Essay aus 1978

In einem meiner Lieblingsbücher, David Bronsens Biographie Joseph Roth, gibt es drei Fotografien, die ich immer wieder betrachte. Unter der ersten steht: Roth im Frühling 1926 auf einem Bahnsteig wartend. Vor einem Gepäckwagen, von dem man nur einen Ausschnitt sieht, sitzt Roth auf seinem Koffer. Der Waggon ist bedeckt mit den üblichen, mit Kreide geschriebenen, bahntechnischen Chiffren; über Roths linker Schulter sieht man einen von einem Kreis umschlossenen sechszackigen Stern. Roth sitzt im Halbprofil, sein Gesicht tief im Schatten der breiten Hutkrempe. Er trägt einen dunklen Anzug und eine helle Krawatte. Aus den Manschetten ragen seine langen, schmalen Hände, Daumen und Zeigefinger der rechten Hand halten eine Zigarette. Roth wirkt elegant, nervig, konzentriert, fast hart; und doch liegt über diesem flüchtigen Bild eines Mannes auf der Durchreise auch die Melancholie eines Heimatlosen, das Atemholen auf der Flucht.

Das zweite Foto zeigt Roth ein Jahr später in Albanien. Kein Schnappschuß; dies ist eine gestellte, sorgfältig inszenierte Aufnahme. Roth steht mit zwei martialisch blickenden Albanern vor einer Steinmauer. Als einziger lächelt er; er trägt das zusammengestoppelte Kostüm der albanischen Armee, weiße Mütze, schwarze Felljoppe, Koppel, Revolver und Gewehr, und scheint sich prächtig zu amüsieren. Aber das Gesicht verrät schon die Spuren des Trinkens, und man glaubt die Geschichte eines Kollegen aufs Wort, daß Roth drei seiner albanischen Reportagen in einer einzigen Nacht geschrieben und dabei, unter den staunenden Augen des Hotelwirts, einen riesigen Krug Raki geleert habe; (...) Der galizische Jude, der österreichische Dichter und katholische Trinker Roth, das zeigt auch diese Fotografie, liebte die einfachen Menschen, speziell die des Ostens, die Aufrührer, die Gläubigen, die Heiligen, die Besiegten, die Bewohner des Reichs, dessen Sonne untergegangen war.

"Das Krepieren dauert länger als das Leben", schrieb Roth einmal an Stefan Zweig. Auf dem dritten Foto sind Roth und Zweig zusammen, es entstand 1936 in Ostende, und es dokumentiert eine der letzten Flucht-Stationen im qualvollen Krepieren des Mannes, der zehn Jahre zuvor mit Franz Tunda in der Flucht ohne Ende eine Schlüsselfigur dieses Jahrhunderts beschrieben hatte, einen jener "Irrenden, die sich nirgends einfügen und sich nicht mehr im Leben zurechtfinden" (David Bronsen). Roths Flucht, dieses Foto zeigt es uns vor, das Getriebensein des panisch Erschreckten und einsam Zerquälten in Literatur und Rausch und Mythen, hat ihren Scheitel längst überschritten. Zweig, der Mäzen, der besorgte Freund und begüterte Kollege, legt lächelnd, und als müßte er ihn schützen, einen Arm um Joseph Roth. Dieser lehnt mit einer Hand, in der die Zigarette qualmt, am Kaffeehaustisch, ein halb geleertes Glas in Reichweite. Eine wirre Haarsträhne fällt zwischen die zusammengekniffenen Brauen. Der Schädel über der quergestreiften Fliege hockt geduckt, wie in Abwehr, zwischen den Schultern. »Böse, besoffen, aber gescheit« (Roth über Roth) blinzelt er in die Kamera. Den Freund dieser letzten Jahre beschrieb Soma Morgenstern 1937: "Sein Gesicht war jetzt gedunsen und schlaff, die Nase gerötet, die blauen Augen voll Blutwasser in den Winkeln, das Haar am Kopf stellenweise wie gerupft, der Mund von einem dunkelroten, slowakisch herabhängenden Schnurrbart völlig verdeckt. Wie er aber, ans Telefon gerufen, langsam auf einen Stock gestützt ging, auf dünnen Beinen in schmalen, altmodisch eng zugeschnittenen Hosen, schlaff hängenden Bauches, der so schlecht zu der feinknochigen Gestalt paßte, machte der ostgalizische Jude den Eindruck eines vornehmen, wenn auch verkommenen österreichischen Aristokraten alten Stils (...) ."

Es gibt noch mehr Fotografien Roths in Bronsens Biographie, aber diese drei liebe ich vor allen anderen. Sie enthalten Glanz, Melancholie, Fröhlichkeit, Schwermut, Charme und alles Elend dieses Mannes, dessen Leben nicht aufhören kann, mich zu faszinieren, und dessen Bücher ich allen anderen vorziehe, die in diesem Jahrhundert in meiner Muttersprache geschrieben wurden. Fast eine Generation nach der Zerstörung der Habsburger Monarchie, Roths fast mythischer Heimat, und fünf Jahre nach Roths Tod geboren, kommen mir der Mann und seine Welt vertrauter vor als das Rest-"Europa" meiner Tage. Mit seinen Irrenden und Leidenden, seinen Flüchtenden und Strauchelnden, seinen zwischen Erstaunen und Entsetzen, zwischen Rebellion und Demut angesiedelten Romanfiguren unterhalte ich mich in vielen Nächten, indes uns "cher Victor" und "cher Jean", die Zechkellner aus dem Café Tournon, mit endlosen Gläsern jener von Roths Zuschauern trübe genannten, in Wirklichkeit köstlich schimmernden Flüssigkeiten versorgen, viel besser, liebevoller, fantastischer als mit jenen, die mich mit der jeden Sinnes baren Stereo-Kakophonie unserer zeitgenössischen Republik zu Tode orgeln möchten. Das macht die Kunst des Legendenerzählers, die Brillanz des Journalisten, unterm Strich die tagtäglich acht Stunden dauernde, harte Arbeit des besessenen Schriftstellers Roth.

Das macht aber, andererseits, auch dieses Jahrhundert, das immer noch gleiche Jahrhundert, dieser Moloch, der immer nur frißt und nichts verdaut, nur zerstört, nichts hergibt, alles planiert, zertrampelt, zerbricht, ermordet, und den Leichenbergen des Fortschritts noch ein höhnisches: Servus! Die Erde wird rot! hinterherruft. Freilich, er wird gedruckt, gelesen, interpretiert, der Roth; und wieder dürfen sich zahlendes Kulturbürgertum und schnorrende Kritik an einem ihrer Hofnarren delektieren. Es darf, sozusagen, bemitleidet, es muß, selbstverständlich, sozialpsychologisierend analysiert werden. Sei’s drum! All das hat Roth längst im Grab überlebt. (...)

In Berlin weiß ich einen, ein Ungetüm von Trinker, der hat ein Foto Roths aus der Zeitung geschnitten und an seine Wohnungstür im Hinterhof geklebt, damit, kehrt er aus der Niedertracht jener Welt zurück, ein guter Geist ihn grüßt. Im Weinhaus Zeilinger, im 3. Wiener Bezirk, treffe ich manchmal einen, der mir, indes er verstohlen in vergilbten Nacktaufnahmen der Mizzi Schinagl blättert, ins Ohr flüstert: "Derlei gibt’s manchmal. Man verirrt sich halt!" Und ein Poet, der selten nach München kommt, auf der Flucht wie wir alle, hat mir mit Tränen in den Augen erzählt, daß ihm der Roth im Traum erschienen ist und erzählt hat, er hat eine Flaschenpost vom Kaiser bekommen, in einer Flasche Vöslauer soll gestanden haben: "Alle deine Gewichte sind falsch, und alle sind dennoch richtig!" Und da sei er lächelnd aufgewacht, mein Freund, der Poet. Und den Kaiser gibt es so wenig wie den Roth, wie uns alle. Und alle leben wir. Wie der Franz Tunda lebt, von dem es heißt: "Es war am 27. August 1926, um vier Uhr nachmittags, die Läden waren voll, in den Warenhäusern drängten sich die Frauen, in den Modesalons drehten sich die Mannequins, in den Konditoreien plauderten die Nichtstuer, in den Fabriken sausten die Räder, an den Ufern der Seine lausten sich die Bettler, im Bois de Boulogne küßten sich die Liebespaare, in den Gärten fuhren die Kinder Karussell. Es war um diese Stunde, da stand mein Freund Tunda, 32 Jahre alt, gesund und frisch, ein junger, starker Mann von allerhand Talenten, auf dem Platz vor der Madeleine, inmitten der Hauptstadt der Welt und wußte nicht, was er machen sollte. Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal Egoismus. So überflüssig wie er war niemand in der Welt."

Als Roth dies schrieb, war auch er 32, ein renommierter Journalist, bekannter Autor, mit einer überaus schönen Frau verheiratet, er war wer, dieser Abkömmling jüdischer Prediger und Händler aus der weiten Ebene Galiziens, der seinen Vater nie gekannt hatte und in Armut aufgewachsen war. Er war wer, er konnte sagen, als er von einer großen Zeitung zur anderen wechselte: "Wo Joseph Roth schreibt, wird es radikal, im Abort oder im Parlament, so wie es überall kühl wird, wo ein Wind weht." Wenige Jahre später war er berühmt, er hatte den Hiob und den Radetzkymarsch geschrieben, er war einer der bestbezahlten Zeitungsschreiber Deutschlands, er verdiente und verstreute 80.000 Mark im Jahr, glaubhaft und richtig klang es, wenn er dem Mahner Zweig schrieb: "Ich kann mich nicht im Literarischen kasteien, ohne im Körperlichen auszuschweifen!" Er lebte in feinen Hotels, gab die größten Trinkgelder, hielt alle verschwenderisch frei, um ihn versammelte sich in den Kaffeehäusern von Berlin, Wien, Frankfurt, Paris, was Geist und Rang in der Welt der Literaten und der Schnorrer hatte, aber der Hauch von Luxus schmeckte schon nach Asche. Seine Frau war dem gehetzten Leben des Ruhelosen, der kein anderes Zuhause als Hotelzimmer hatte nicht gewachsen, der Flucht nicht, dem Alkohol, den Stunden, in denen nichts gelten konnte außer den Blättern, die er mit seiner gestochenen Handschrift bedeckte. Sie verfiel Depressionen, der Schizophrenie, dem Irrsinn. Dies zu einer Zeit, als der Ostjude Roth, mit feinerer Witterung ausgestattet als alle Polit-Propheten seiner Zeit, schon das politische Desaster spürte. Nie hatte er sich in Deutschland heimisch gefühlt, auch dann nicht, als er noch seine Menschlichkeit, sein Mitgefühl mit dem Elend, seinen unbedingten Glauben an die Freiheit als das "wahre Licht der Welt" auf der Linken vertreten wähnte; in diesen Jahren des endgültigen Bruchs, zwischen 1930 und 1933, trat Roth vollends in die Zone aus Angst, Schmerz, Einsamkeit, Leid, in der er sich bis zu seinem Tod bewegte. Schon seit seinem dreißigsten Jahr unterschrieb er, der "eine natürliche Neigung, Greis zu sein" hatte, seine Briefe mit "Ihr alter Roth"; jetzt wurde er auch äußerlich alt. Immer schon hatte er Image und Habitus des k.u.k. Leutnants gepflegt, den vom alten Kaiser übernommenen federleichten Schritt, die Stöcke, die verengten Hosen und formvollendeten Manieren; jetzt ließ er sich den Schnurrbart "slowakisch" über den Mund wachsen und wurde "ein alter Reaktionär".

Und aus dem fröhlichen Zechgenossen entwickelte sich binnen weniger Jahre ein zerrütteter Alkoholiker, der "20 Jahre meines Lebens beim Alkohol versetzt, weil ich noch 7 oder 14 Tage Zeit gewinnen muß" (Roth an Zweig, 12. November 1935.) Als er in die Emigration ging, streifte Joseph Roth nicht den Staub eines Vaterlandes von den Füßen, er trat von der Umlaufbahn des äußeren in die endgültige Phase des inneren Untergangs. Und wirkt nicht inmitten all des Untergangs die politische Vision des Mythomanen um so grandioser? Joseph Roth an Stefan Zweig, 28. April 1933: "Was mich persönlich betrifft: (…) Ich will die Monarchie haben und ich will es sagen." Schmäh, Marotte, Spleen: leicht haben es sich schon die »linken« Freunde Roths aus dem antifaschistischen Widerstand, die »aufgeklärten« Demokraten, Liberalen, Kommunisten werden lassen, mit lächelnden Mienen immerhin. Als wäre der erfahrene Beobachter, der 1926 ein halbes Jahr Rußland bereiste, ein blinder Spinner gewesen. (...)

Ein Roth, der Faschismus mit Stalinismus gleichsetzte und eine Wurzel der Nazis im Marxismus erkannte, durfte ja keine Ahnung haben. Ein Roth, der die Freiheit des Individuums vor alles andere, auch die Gerechtigkeit stellte, konnte damals aber immerhin noch mit Aufmerksamkeit und Respekt auch der Andersdenkenden rechnen; die komplette ideologische Verblödung und die ekelhafte Schlachthofmentalität eines großen Teils der schreibenden Zunft stammt ja aus jüngerer und jüngster Zeit. (...) Wer sich hingegen auf Roth einlassen möchte, kommt keinesfalls um diesen Aspekt herum: Der jüdische Humanist verlegte seine geistige Heimat und seine menschliche Sehnsucht nicht deshalb in die versunkene Welt der katholischen Monarchie, weil er ein spintisierender Vorgestriger war, sondern weil für ihn allein schon die geistige Vision des alten Reichs, der ihm zugrunde liegende Traum von religiöser Freiheit, menschenrespektierender Toleranz, Laissez-vivre mehr Substanz enthielt als Bonzen-Demokratie, Faschismus, Kommunismus einzeln und zusammen. Oder wie er in aller Deutlichkeit schrieb: "Weil mir die Scheißer in der Monarchie lieber waren als die Kacker in der Republik!" Roth, zeitlebens von seelischen Umbrüchen und verzweifelten Zeitläufen zerrissen, sehnte sich nach Harmonie, glaubte sie, wenigstens im Politischen, in der Monarchie gefunden zu haben; was ihn jedoch keineswegs blind machte gegen die inneren Ursachen ihres Zusammenbruchs: "Ungläubig, spöttisch, furchtlos und ohne Bedenken pflegte Chojnicki zu sagen, der Kaiser sei ein gedankenloser Greis, die Regierung eine Bande von Trotteln, der Reichsrat eine Versammlung gutgläubiger Idioten, die staatlichen Behörden bestechlich, feige und faul. (...) Nach jeder Rückkehr aus Wien pflegte er einen düsteren Vortrag zu halten, der etwa so lautete: "Dieses Reich muß untergehn …"

Aber hat sich Roth nicht vielleicht in eine Vergangenheit vernarrt und darüber seine Gegenwart vergessen? Mitnichten. Die Emigration hat kaum einen kompromißloseren, ja fanatischeren Feind des Faschismus gekannt. Rücksichtslos gegen persönliche Gefühle brach er mit jedem, der in Deutschland blieb: "Seit wann ist es so, daß ein Schriftsteller sagen darf: Ich muß lügen, weil meine Frau leben und Hüte tragen muß? Und seit wann ist es üblich, das gutzuheißen?" Gnadenlos in seiner Polemik, war er von ebenso kompromißloser Hilfsbereitschaft, wo es um die Verfolgten ging. Die Schilderungen, wie er in Paris bis zu seinem Tod sich buchstäblich die Füße wund gelaufen, den Mund fusslig geredet, die Feder schief geschrieben hat, um mit Geld und Papieren und Fürbitten und immer mit guten Worten und Mahlzeiten und Aufmerksamkeit und Schnaps, mit tätigem Mitleid zu helfen, während er schrieb, schrieb und litt, litt und trank, sich zu Tode trank, diese Schilderungen gehören zum Menschen Joseph Roth wie alle seine Bücher, sie sind auch seine Bücher.

Und so vollzog Roth den Untergang der Monarchie, das Ende des alten Europas, an sich selbst. Während er Artikel auf Artikel gegen den Faschismus schrieb und in seinen letzten Büchern, dem Falschen Gewicht, der Kapuzinergruft, der Geschichte der 1002. Nacht, aus seinem schon fast ausgelöschten Genie noch einmal betörende Bilder seiner inneren Heimat hervorbrachte, verfiel er selbst immer mehr. Vollkommen klarsehend, beging er Schluck für Schluck Selbstmord. Wo rings um ihn noch Illusion auf Illusion getürmt wurde, türmte er Schnapsglas auf Schnapsglas. Schärfer als jeder sah dieser angeblich von Delirien Umnachtete die Realität. Europa ging zugrunde. Es ist nicht wiedergekehrt. Wir sitzen heute auf Ruinen und halten sie für Reichtum. Unendlich ärmer sind wir als Roths Hiob Mendel Singer. Nichts haben wir, wohin wir zurückkehren können. (...)

Und hier sitze ich, mit tausenden Seiten von Joseph Roth, Dünndruck, schön, und lese und trinke, rauche und schreibe. Und träume, wie mein Freund, der Poet, träumt, vom Kaiser, der doch auch an seine Freundin, die Schauspielerin Schratt, geschrieben hat: "Meine Stimmung ist eine unendlich traurige in meiner trostlosen Einsamkeit." Auch er! Schon er! Wie auch nicht! Maximilian in Mexiko füsiliert, der Kronprinz mit zerschossener Schläfe in Mayerling, die Frau von einem Irren erdolcht, die Germanen kläffend in Wien, Unheil über Unheil, lauter Pech, wie der Taittinger sagte (...): "Man verirrt sich halt!" Aber mit dem Taittinger trink ich heut Nacht nicht, ich trink mit dem Grafen Chojnicki, mit dem Stellvertreter Roths, unter ihm mach ich’s nicht, ich will es genau wissen. Da steht er kahlgeschoren in der Irrenanstalt Steinhof, alles bewegliche hat man ihm aus der Zelle entfernen müssen, weil er öfter gewalttätig wird. Nur durch das Guckloch seh ich ihn, seine Augen, "von denen ein eisiger Wind auszugehen schien, ein Frost, der über das gelbe, verfallene und zu gleicher Zeit aufgedunsene Angesicht dahinwehte und über die Wüste des Schädels". Schön unterhalten werden wir uns heut Nacht, durch das Guckloch werd ich ihm den Schnaps einflößen, es wird schon gehn, was geht nicht im Traum, und erst recht im Märchen? Denn all das ist ein Märchen, muß ein Märchen sein, außer im Märchen ist alles ein Alptraum. Man kann es genau wissen, und doch ein Märchen draus machen. Das dank ich dem Roth. Und von all seinen Büchern, auch wenn’s der Chojnicki nicht hören will, ist mir sein letztes am liebsten, Die Legende vom heiligen Trinker, wo nichts mehr erklärt wird, weil ja alles vorher erklärt war, und das Leben brennt wie eine bengalische Kerze und geht aus, und mehr ist es nicht, und nicht weniger. Aber den Roth hätte es vielleicht gefreut, daß man im Spital in die Rubrik auf dem Totenschein, wo der Beruf stehn soll, geschrieben hat: »Sans profession.« Aus all dem Untergang heimgekehrt unter die Brücken von Paris. Gott gebe uns allen, uns Toten, ein so schönes Grab! (Jörg Fauser/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.07.2007)

Aus: Jörg Fauser, "Der Strand der Städte. Gesammelte journalistische Arbeiten 1959–1987", erscheint als Band 8 der Jörg-Fauser-Edition im Herbst 2007 im Alexander Verlag.

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    Fauser schrieb nicht nur Romane, sondern auch Essays wie die "Hommage an Joseph Roth".

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