Vom Arsch der Welt

7. Juli 2007, 15:00
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Niemals verbiegen: Jörg Fauser war einer der eigenwilligsten Journalisten der alten BRD

"Ich" zu schreiben ist verboten. Jeder Journalist soll objektiv sein und dem Leserpublikum bloß nicht seine Meinung aufschwatzen oder sich dabei zumindest nicht verraten. Jörg Fauser hat sich darum nie geschert. Wie er auch sonst allgemein gültige Gepflogenheiten im Pressebetrieb als "feuilletonistische Schaumspuckerei" abtat.

Eine Journalistenschule besucht er nie, ein Universitätsstudium wird frühzeitig abgebrochen. Fauser – selbst erklärter Agent beim "Verfassungsschutz für Sprache und Zweifel" – will kein Journalist sein. Die Jagd nach Tagesmeldungen, dem "Schmant von Morgen" ist für ihn ein zutiefst bürgerliches Geschäft – eines angehenden Schriftstellers nicht würdig.

Jedoch als er wieder in Deutschland sitzt, an seinem ersten Buch schreibt und immer noch an der Nadel hängt, geht ihm das Geld langsam aus. Fauser beginnt Reportagen zu schreiben und zu verkaufen. Anfangs vor allem über das Thema, bei dem er sich zu dem Zeitpunkt am besten auskennt: "Junk – die harten Drogen", ein akribisch recherchiertes Porträt der Junkieszene in deutschen Städten wird sein erster kleiner Erfolg.

Danach schlägt er sich durch die Wirren der 68er-Jahre und macht einen rasanten Aufstieg vom Redakteur obskurer Untergrundmagazine zum Autor großer Blätter. Fauser schreibt für die Baseler National-Zeitung, das Zeit-Magazin, den Playboy und lui. Auf Spesen lebt er in Saus und Braus, verbringt Pressereisen wie ein König, um zu Hause wieder abgebrannt in seine verfallene Wohnung zurückzukehren.

Aber Fauser erfüllt keine Aufträge: Er liefert seine Texte ungefragt – und immer werden sie gedruckt. Der Schriftsteller-Journalist will seine eigenen Geschichten erzählen. Er schreibt über Reisen in die USA, nach Paris, in Drogenmekkas wie Tanger und Rabat, erzählt von Boxkämpfen und Pferderennen und porträtiert auch die Geschichten seiner Helden, die "mit den Füßen im Kot nach den Sternen greifen" – Schriftsteller wie Kerouac, Bukowski, Hemingway, Hammett, Burroughs, Fallada und Joseph Roth (siehe Essay: "Böse, besoffen, aber gescheit").

Seine Stadtportraits und Reisegeschichten lesen sich anders als die Reiseempfehlungen heutiger Tage. Fausers Helden sind "die immer wieder geschlagenen und ausgepowerten und immer wieder lächelnd überlebenden". Er steigt hinab in die Welt der "Alkis und Junkies, Drücker und Gedrückten, Wetzer und Gewetzten, Portokassenjünglinge auf dem Gewalttrip und Stenogirls als Belles de Nuit" und erzählt Geschichten von der Kehrseite des Lebens. "Vom Arsch der Welt lassen sich genauso Rückschlüsse auf ihre Beschaffenheit ziehen wie vom Venushügel", bringt er trotzig sein Programm auf den Punkt.

Seine deutsche Heimat hat er nie geliebt, aber ihr trotzdem einige der hässlich-schönsten Porträts und präzisesten Sittengemälde geschenkt, die immer aus dem Bewusstsein geschrieben sind, dass dort, wo die einfachen Menschen straucheln, die wirklichen Wahrheiten fernab jeder Parlamentsrealität zu finden sind. "Unten, wenn sie nichts mehr zu verlieren haben, sind meine Landsleute am erträglichsten. Erst wenn das Leben sie besiegt hat, werden ihre Lieder heiter, ihre Reden gelassener, ja bisweilen sogar ihre Gedanken frei."

Als er 1981 nach Berlin zieht, um dort als Redakteur für das Stadtmagazin tip zu arbeiten, ist er gerade rechtzeitig angekommen: Die Korruptionsfälle häufen, sich und riesige Stadtumgestaltungen werden vorgenommen, die zu der Räumung hunderter besetzter Häuser und der Bildung der autonomen Szene führen. Fauser wird als Kolumnist ein scharfer Kritiker der Berliner Zustände, eckt aber durch seine gänzlich eigene Sichtweise auch bei der alternativen Szene an. Anfangs noch zeichnet er mit dem Pseudonym "Caliban" – dem wilden Charakter aus Shakespeares Sturm.

Bald darauf überwirft er sich zudem mit seiner eigenen Redaktion und wird in München Chefredakteur des viel diskutierten Kulturmagazins TransAtlantik, wo er jetzt spätere Politikergrößen wie Joschka Fischer interviewt oder den jungen Gerhard Schröder (laut Fauser der "Kennedy aus Lippe") im Niedersachsenwahlkampf begleitet. "Aber einer wie Fauser bleibt sich auch im Chefsessel treu, dem konnte Erfolg nichts anhaben. Er trank jetzt lediglich einen besseren Whiskey", meint ein alter Mitbewohner.

Was Jörg Fauser noch alles journalistisch auf die Beine hätte stellen können, wird für immer unklar bleiben. Was aber besteht, ist ein journalistisches Werk, das in seiner unbedingten Parteinahme und Leidenschaft eine ganze Zunft darauf verweist, wozu sie imstande wäre, wenn sie sich mehr trauen würde. Fausers Reportagen sind Geschichten, die dazu appellieren, in die Welt, über die man schreibt, auch wirklich zu gehen. Schließlich galt für Fauser bis zum bitteren Ende das, was er selbst über Raymond Chandlers Privatdetektiv Philip Marlowe schrieb: " ... und ein Mann lädiert und skeptisch und melancholisch, mit vielen Wassern gewaschen, aber immer noch ehrlich, ein Mann auf der Suche nach der verborgenen Wahrheit, macht sich auf den Weg ..." (Johannes Lau/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.07.2007)

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    Von Anfang bis zum Ende: "Deutschen Bukowski" nannten sie Jörg Fauser, hier in einer Porträtreihe von den 50er- bis in die späten 80er-Jahre: "Ein Autor, der beherzt ins schmutzige Leben gegriffen und in mancher Hinsicht wie ein Rockmusiker gelebt hat", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" über den Underground-Autor.

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