Der gefährlichste Ort der Welt

6. Juli 2007, 17:27
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In Pakistan kollaboriert die dünne Führungsschicht mit radikalen Islamisten - Von Hans Rauscher

Wer sagt, dass der radikale Islamismus den Frauen die Chance auf Gleichberechtigung verwehrt? Von den rund 800 Koranschülern, die sich in der „Roten Moschee“ verschanzt haben, sind rund 650 Frauen. Ihre geistlichen Führer wollten ihnen einfach die Chance geben, ebenfalls den „Märtyrertod“ zu sterben. „Wir wollten bei ihnen nur die Leidenschaft für den heiligen Krieg wecken“, sagte einer, der sich – gehüllt in eine Burka – verdrücken wollte, ehe er von der Armee gefasst wurde. Zweifellos ist das alles die Folge der „jahrzehntelangen Unterdrückung und Demütigung durch den Westen“, wie Apologeten des politischen Islam auch hierzulande an die Medien schreiben.

Pakistan ist wahrscheinlich der gefährlichste Krisenherd der Welt. Ein vor Leidenschaften siedender Staat, dessen dünne Führungsschicht vordergründig prowestlich ist, aber schon aus reiner Überlebensangst mit den radikalen Islamisten kollaboriert, die die Gesellschaft durchdringen. Pakistan hat die Atombombe. Falls die Islamisten die Macht übernehmen, hat der Westen (und alle „unechten“ Muslime) ein echtes Problem. Die Radikalen, die sich in der Moschee verschanzt haben, wollen einen muslimischen Gottesstaat – ebenso wie viele andere Gruppen: Zuerst der Gottesstaat im eigenen Land, dann im ganzen muslimischen Bereich, schließlich auf der ganzen Welt. Das ist die Vision.

Gewaltige Opfer

Der radikale Islam ist eine Ideologie mit totalitären Zielen. Sie wird sich ebenso wenig verwirklichen lassen, wie die vom Nationalsozialismus angestrebte Herrschaft zunächst über ganz Europa, dann über die Welt, aber allein der Versuch wird gewaltige Opfer erfordern. Wenn Pakistan in die Hände der Islamisten fällt, stellt sich die Frage, wie man darauf reagiert. Angeblich gibt es schon länger einen Plan der Amerikaner, die Atomwaffen der Pakistanis dann gewaltsam auszuschalten. Das verlangt viel Vertrauen in die Effizienz der US-Streitkräfte und Geheimdienste.

Eigentlich müsste man dem jetzigen Regime in Pakistan die nukleare Bewaffnung schon jetzt abnehmen, abkaufen, abhandeln, so wie das mit etlichen Nachfolgestaaten der Sowjetunion auch in Zentralasien geschehen ist. Die Aussichten dafür sind äußerst gering. So werden die Amerikaner weiter ein fragwürdiges und prekäres Militärregime in Pakistan unterstützen, das sich nur mit Mühe und größter Brutalität an der Macht hält.

Scheinstabilität

Im Grunde ist das die Situation der USA in den meisten muslimischen Ländern, wo es unter der scheinstabilen Oberfläche brodelt: Ägypten etwa, aber auch Marokko oder Saudi-Arabien. Die US-Politik der Unterstützung mehr oder minder diktatorischer Regime hat eine Art „maligner Stabilität“ erzeugt. Der Übergang zu demokratischen Verhältnissen birgt aber das enorme Risiko, dass die Islamisten die Wahlen gewinnen: so geschehen in Algerien (wo das Militär die Machtübernahme verhinderte) und in Gaza.

Man müsste allerdings zumindest damit anfangen, die diversen Regimes dazu zu bringen, sich nach den Regeln des „good government“ zu verhalten, die Korruption einzudämmen, den Mittelstand mehr mitreden zu lassen, die Unterschicht mit einem Netz von sozialen Leistungen aus der Verzweiflung zu holen und generell das Leben erträglicher zu machen. Aber auch das wird kaum geschehen, deshalb müssen wir mit so ziemlich allem rechnen. (Von Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe 7./8.7.2007)

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