"Ich spiele nicht den Faserschmeichler"

6. Juli 2007, 18:13
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OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer "eckt" mit seinen Expansionsplänen "natürlich auch an", derzeit in den USA und in Ungarn - Ein STANDARD-Interview

Warum ihn das kalt lässt und die Ukrainer besser ihre Gasrechnung zahlen sollen, erläuterte er Renate Graber.

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STANDARD: Seit ich mich auf dieses Gespräch vorbereite, überlege ich, wie ich Sie aus der Reserve locken kann. Mein Eindruck und der meiner Gesprächspartner ist, dass das nicht geht. Ärgert Sie nie etwas?

Ruttenstorfer: Ich habe in vielen Lagen gelernt, dass das Ärgern nicht viel bringt. Wir machen sogar Konfliktmanagement-Seminare, um alle Themen sachlich und ruhig angehen zu können. Es gelingt uns nicht immer, aber wir werden immer besser.

STANDARD: Sie tragen vor?

Ruttenstorfer: Nein. Aber ich kann Ihnen sagen, dass wir im Vorstand sehr hart und offen diskutieren, da gibt es natürlich Meinungsverschiedenheiten. Aber nach außen vertreten wir eine Meinung. Das muss man sich erarbeiten, das ist nicht leicht. Wir fechten auch heftige Sträuße mit den Belegschaftsvertretern aus – aber ich habe in der Politik gelernt, dass es klüger ist, die Dinge am Tisch als auf der Straße auszutragen. Und billiger ist es auch. Trotzdem ecken wir natürlich auch an, bei den Arbeitnehmern, den Geschäftspartnern, in der Politik ...

STANDARD: Anecken ist euphemistisch: Seit Ihre Gasprojekte im Iran bekannt wurden, gelten Sie den Amerikanern als Kollaborateure von Schurkenstaaten, man wirft Ihnen vor, die Mullahs zu stützen.

Ruttenstorfer: Wir sind nie gegen jemanden, wir versuchen, immer sachlich für eine Sache zu sein ...

STANDARD: Aber die Amerikaner sind gegen Sie.

Ruttenstorfer: Aber wir nicht gegen die Amerikaner. Wir wollen die Energieversorgung Mitteleuropas sichern.

STANDARD: Um jeden Preis?

Ruttenstorfer: Nein, es muss immer wirtschaftlich sein. Schauen Sie, der Erdgasbedarf steigt stark an, weil die neuen Kraftwerke auf Erdgas basieren. Klar wäre es das Schönste, wenn wir das Gas gleich da hinten, bei Gänserndorf, fänden, aber das ist halt limitiert. Und weil wir uns vom weltgrößten Gasversorger Russland diversifizieren wollen, gehen wir in die Kaspische See, in den Mittleren Osten, vor der Haustür Europas. Soll ich Ihnen einen Plan bringen? Nein? Gut, wir sind – übrigens mit den Amerikanern – der Meinung, dass wir Gas von dort nach Europa bringen sollen. Die OMV versucht nur, dieses Gas zu sichern.

STANDARD: Dass die US-Botschafterin in Wien böse Kommentare gegen die OMV-Pläne im Iran schreibt, stört Sie nicht?

Ruttenstorfer: Nach Kommentaren können wir unsere Geschäftspolitik nicht richten. Wir halten uns bei unserer Übung an alle Gesetze und an die Sanktionen des Weltsicherheitsrates. Alles andere ist für uns kleine Geschäftstreibende nicht relevant.

STANDARD: Ihnen ganz persönlich ist die Kritik auch egal?

Ruttenstorfer: Ich bin Waage, und Waagen sagt man hohes Harmoniebedürfnis nach. Ich persönlich hätte das auch – aber dafür werde ich nicht bezahlt. Ich werde bezahlt, meinen Job so zu machen, dass hier das Licht nicht ausgeht, oder besser: die Gasversorgung passt. Ich spiele nicht den Faserschmeichler, ich muss sagen, was Sache ist. Und Sache ist, dass wir zusätzliches Gas brauchen und dass es g’scheit ist, neben Russland auch andere Quellen aufzutun.

STANDARD: Sie sind kein Faserschmeichler. Was sind Sie?

Ruttenstorfer: Ich bin auch nicht eckig und kantig. Ich versuche, vernünftige Lösungen durchzubringen.

STANDARD: Unbeliebt machen Sie sich gerade auch in Ungarn. Dort hat die OMV ihren Anteil am Mineralölkonzern Mol verdoppelt, Sie wollen fusionieren. Die Ungarn werfen Ihnen feindliche Übernahmepläne vor. Wird die OMV so etwas wie die CVC, die Böhler-Uddeholm inhalieren wollte?

Ruttenstorfer: Also bitte, CVC ist ein Fonds, der kauft, um zu verkaufen. Wir machen das, weil wir glauben, dass es in der Ölindustrie in Mitteleuropa zu weiteren Konsolidierungen kommt. Denken Sie an die vergangenen Jahre, da hat die Mol die Slovnaft gekauft, die Ina ...

STANDARD: ... die Mol hat Ihnen die Konzerne weggeschnappt ...

Ruttenstorfer: ... ja, vor der Nase weggekauft. Wir haben Petrom gekauft, die BP-Tankstellen in Süddeutschland und so fort. In der Branche ist kein Stein auf dem anderen geblieben, und das geht weiter. Die Unternehmen werden immer noch größer.

STANDARD: Die OMV ist mit 15 Mrd. Euro Marktkapitalisierung, gemessen an allen Kennzahlen, ohnehin Branchenerster in Zentral- und Osteuropa.

Ruttenstorfer: Ja, wir sind heute die Stärksten, wollen aber es aber auch bleiben. Die Entwicklung bleibt ja nicht stehen. Wir wollen also einen mitteleuropäischen Konzern gründen – gemeinsam mit unseren ungarischen Freunden.

STANDARD: Aber die ungarischen Freunde wollen nicht. Werden Sie weiter zukaufen und dann fusionieren?

Ruttenstorfer: Es ist zu früh, unsere Pläne auf den Tisch zu legen. Aber Faktum ist, dass die Mol sehr wichtig ist in Mitteleuropa und dass wir unseren Anteil auf 18,6 Prozent erhöht haben. Und wir glauben, dass Druck kommen wird, etwas zu tun. Wir werden bei der Mol, wenn wir in Gespräche treten, sicher Wege vorschlagen, die für die Aktionäre eine sehr gute Lösung sind.

STANDARD: Sie werden kein Ronnie Pecik Ungarns? Er kauft sich in der Schweiz auf unbeliebte Weise ein.

Ruttenstorfer: Wir kaufen uns nicht still in die Höhe, machen keinen Creeping-in-Takeover. Wir machen das mit offenem Visier. Eine feindliche Übernahme steht, wie die Dinge liegen, nicht zur Debatte.

STANDARD: Haben Sie eigentlich schon ihren Verbund-Flop verdaut? Sie wollten fusionieren, die Politik hat Ihnen das in österreichischer Manier in allerletzter Minute vermasselt.

Ruttenstorfer: Das war ein "window of opportunity", das nicht genutzt wurde – aus österreichischen Gründen. Das ist für uns abgeschlossen.

STANDARD: Sie waren drei Jahre SP-Staatssekretär, wie konnten Sie als Expolitiker die Landeshauptleute Häupl und Pröll unterschätzen? Exfinanzminister Grasser hat Ihnen im Mai 2006 beim Scheitern des Deals, an dem Sie ein halbes Jahr lang geheim getüftelt hatten, ausgerichtet, Sie hätten das "schlecht vorbereitet". Was haben Sie sich damals gedacht?

Ruttenstorfer: Das habe ich vergessen.

STANDARD: Ihr Partner, Ex-Verbund-Chef Hans Haider, arbeitet nun mit Grasser zusammen.

Ruttenstorfer: Eine sehr interessante Konstellation. Aber: Wir haben nichts unterschätzt. Ich habe mir abgewöhnt, über Dinge zu reden, die vorbei sind und keine Zukunftschance haben. Ad acta. Kein Thema.

STANDARD: OMV/Verbund: Vorbei, kommt nie wieder?

Ruttenstorfer: Nie wieder.

STANDARD: Wie verarbeiten Sie so einen peinlichen Flop? Gehen Sie eine Runde laufen?

Ruttenstorfer: Ich rede mit Kollegen, überlege, was man draus lernen kann und wende mich dem nächsten Projekt zu.

STANDARD: Was haben Sie daraus gelernt?

Ruttenstorfer: Das ist Schnee von gestern.

STANDARD: Nein, was sie daraus gelernt haben, ist doch für die Zukunft wichtig.

Ruttenstorfer: Ja. Aber ich halte darüber keine Seminare ab. Obwohl: Ich könnte es.

STANDARD: Was haben Sie in der Politik gelernt? Gemerkt hat man sich, dass Sie die Stempelmarke abgeschafft haben.

Ruttenstorfer: Ja, obwohl alle gesagt haben, dass das nicht geht. Aber ich habe ihnen gesagt, man kann ja auch bei Billa ohne Stempelmarke einkaufen. Heute geht es. Also ich habe gelernt, dass man große Institutionen nur langsam verändern kann.

STANDARD: Eben: Sie gelten als Dynamiker, unter Ihnen wurde die OMV seit 2002 doppelt so groß. Wie haben Sie es ausgehalten, als Beamten-Staatssekretär? Muss doch furchtbar sein, wenn man weiß, dass man auf absehbare Zeit nichts bewirken kann.

Ruttenstorfer: Das ist wie auf einem großen Öltanker: Wenn Sie da am Steuer reißen, tut sich genau gar nichts. Wenn Sie es auf eine Seite drehen und Stunden so lassen, dann dreht er langsam. Ein Beispiel: Ich war unlängst bei der Zehnjahresfeier des Bundesrechenzentrums, das haben wir 1997 ausgegliedert, heute ist es etabliert. Das heißt: Es dauert lang, aber wenn man draufbleibt, kommt was raus. Das kann man auch in großen Unternehmen wie der OMV brauchen. Aber natürlich bin ich in der Wirtschaft besser aufgehoben als in der Politik, wegen meiner Ungeduld, meiner Dynamik.

STANDARD: Das Erdölgeschäft ist ein hochpolitisches ...

Ruttenstorfer: Ja, wir arbeiten auch in "high-risk-areas". Nicht alles ist Gänserndorf ...

STANDARD: ... und die OMV macht seit 1968 Geschäfte mit Russland. Sie kooperieren mit Gasprom, deren Chef ein Gaskartell aufziehen will, Russland dreht politisch unliebsamen Ländern wie der Ukraine oder Weißrussland das Gas ab. Gar kein Spundus?

Ruttenstorfer: Wir sind in Russland in Exploration und Produktion eingestiegen, weil wir das Risiko in dem sehr dynamischen Land unter Kontrolle halten wollen. Und dass die Russen ihrerseits in den Westen kommen, ist doch ganz klar. Keiner liebt das, aber es ist so. Für uns sind die Russen ein verlässlicher Lieferant. Diese Abschaltungen waren ein Preiskonflikt: Wenn Sie beim Bäcker nur die Hälfte zahlen wollen, werden Sie auch kein Brot bekommen.

STANDARD: Ich bin aber kein Staat, dessen Bürger der Bäcker hungern ließe.

Ruttenstorfer: Gut: Es war ein Preiskonflikt, aus dem ein politischer Konflikt wurde.

STANDARD: Was denken Sie, wenn die Freunde des Exoligarchen Chodorkowski eingesperrt werden, weil sie vor dem Lager, in dem er einsitzt, seinen 40er feiern?

Ruttenstorfer: Wir müssen dorthin gehen, wo es das Öl und das Gas gibt, wir können uns das nicht aussuchen. Wir selbst halten uns an unsere ethischen Regeln und unser Gewissen und kümmern uns um die Gasversorgung Mitteleuropas. Wir sind nicht zuständig für die Politik von Ländern. Dass die ganze Welt gut und schön wird – das geht über unsere Kompetenz hinaus.

STANDARD: Mir scheint, Sie ärgern sich ein wenig. Sie kokettieren gern damit, dass in Ihren "Adern Erdöl fließt": Ihr Vater war Raffineriechef, Sie wuchsen in einer ÖMV-Werkswohnung auf, haben Diplomarbeit und Dissertation über Erdöl geschrieben, an Tankstellen gejobbt, arbeiten mit kurzer Unterbrechung seit 31 Jahren für die OMV. Ihr Lieblingsfilm?

Ruttenstorfer: Warum?

STANDARD: Weil ich gern hätte, dass es "Giganten" ist, mit James Dean, der als Jett Rink Erdöl findet. In der Serie Dallas wurde er sozusagen J. R.

Ruttenstorfer: Mein Lieblingsfilm ist Forrest Gump. Hat nichts mit Erdöl zu tun.

STANDARD: Aber mit Pralinen und Äpfeln.

Ruttenstorfer: Apple, ja.

STANDARD: In den Medien nennt man Sie "Mister Cool", 2006 waren Sie der "Most Admired Manager". Zweifeln Sie manchmal an sich?

Ruttenstorfer: Cool? Mit dem Ruf kann ich leben, da bin ich leidenschaftslos. Ich glaube ja, dass ich privat herzlich bin. Aber die Funktion verlangt Abstand, Zurückhaltung. Und zweifeln? Nein.

STANDARD: Letzte Frage: Worum geht's im Leben?

Ruttenstorfer: Darum, aus seinen Anlagen das Beste zu machen. Darum, was G'scheites zu machen vor dem Sterben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8.7.2007)

Zur Person
Wolfgang Ruttenstorfer, 56 und Sohn eines Raffinerie-Chefs,kam 1976 zur OMV, durchlief von Energiepolitik über Finanzen bis Strategie alle Ressorts. 1997 machte Kanzler und Ex-OMV-Chef Viktor Klima den Sozialdemokraten zum Finanzstaatssekretär. 2000 wurde der zum dritten Mal verheiratete dreifache Vater, der gern läuft und am Wörthersee urlaubt, OMV-Vizechef. Seit 2002 führt er den größten Konzern des Landes.
  • OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer macht sich im Geschäft notfalls auch die USA zum Feind. Die Russen sind ihm verlässliche Lieferanten, "für die Politik von Ländern" ist er "nicht zuständig".
    foto: standard/andy urban

    OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer macht sich im Geschäft notfalls auch die USA zum Feind. Die Russen sind ihm verlässliche Lieferanten, "für die Politik von Ländern" ist er "nicht zuständig".

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