"ÖH soll mehr Gewicht bekommen"

29. Oktober 2007, 15:05
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Nach turbulenten Wahlen und Verhandlungen: Die ÖH-Vorsitzenden im Antritts-Interview über ihre Pläne

Seit einer Woche bilden Hartwig Brandl, Lisa Schindler und Verena Czaby das neue Vorsitzteam der Österreichischen Hochschülerschaft. Andrea Heigl sprach mit ihnen über Feminismus, ihre Wünsche für die ÖH und den Dauerbrenner Studiengebühren.

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Standard: Sowohl VSStÖ als auch GRAS haben im Wahlkampf auf Feminismus gepocht. Nun ist der neue ÖH-Vorsitzende ein Mann. Ist das ein Widerspruch?

Schindler: Es ist sicher eine Herausforderung, die feministischen Themen trotzdem zu repräsentieren. Aber ich habe Hartwig als einen Menschen kennen gelernt, dem Feminismus ein großes Anliegen ist.

Czaby: Wir sind ein gleichberechtigtes Vorsitzteam, in dem zwei Frauen sind, also mehr Frauen als in den meisten politischen Gremien. Außerdem denke ich, dass Hartwig ein sehr feministischer Mann ist. Brandl: Ich habe gelernt, dass in Teams, wo gleich viele Männer und Frauen sind, die Arbeit leichter fällt und mehr Spaß macht.

Standard: Die FLÖ haben bis zuletzt sowohl mit der AG als auch mit VSStÖ und GRAS verhandelt. Was gab den Ausschlag für Rot-Grün?

Brandl: Für uns hat sich die Frage gestellt, wie wir die Interessen der Studierenden in den nächsten Jahren am besten umsetzen können. Das Gesamtpaket mit GRAS und VSStÖ war einfach besser.

Standard: Können Sie das konkretisieren?

Brandl (überlegt lange): Es war einerseits der Fokus auf ausländische Studierende an Kunstuniversitäten und andererseits die Geschlechtergleichstellung, wo wir mit der AG Probleme gesehen hätten.

Standard: Ist es nicht ein Widerspruch, wenn die stark basis-orientierten FLÖ plötzlich in der Exekutive der ÖH-Bundesvertretung sitzen?

Brandl: Es ist eine geniale Chance, die Bundesvertretung wesentlich näher an die Studierenden zu rücken und mit den Universitätsvertretungen und Studienvertretungen enger zusammenzuarbeiten. Beide Ebenen sind sehr wichtig.

Standard: Der rot-grünen ÖH hat man oft vorgeworfen, zu wenig Service zu bieten.

Schindler: Aber wenn man sich ansieht, was wirklich passiert ist, war das mehr Image als Realität. Die FLÖ bringen sicher neue Impulse.

Czaby: Ich glaube auch, dass die rot-grüne Exekutive genug Service geboten hat. Sie hat es nur nicht so betont.

Standard: Den FLÖ sagt man nach, sie wären links.

Brandl: Im Wahlkampf in Graz haben uns die Freiheitlichen Studenten vorgeworfen, wir seien kommunistisch, während die Kommunisten meinten, wir seien rechts. Ich glaube, das sagt alles.

Standard: Welche Themen-Prioritäten wollt ihr setzen?

Schindler: Wichtig ist die Unterstützung von ausländischen und berufstätigen Studierenden. Czaby: Ich denke vor allem an die Reform des Universitätsgesetzes 2002.

Brandl: Wichtig wird auch die Ausweitung des Bezieherkreises für die Stipendien sein.

Standard: Eure Fraktionen treten vehement gegen die Studiengebühren auf. Kämpft ihr da nicht gegen Windmühlen?

Brandl: Die Abschaffung muss ein langfristiges Ziel sein, an dem wir aktiv arbeiten.

Schindler: Es ist ganz sicher keine finanzielle Frage. Die Erbschaftssteuer wurde abgeschafft, als nächstes wird die Schenkungssteuer fallen. Das sind finanzielle Bereiche, die ungefähr im Volumen der Studiengebühren liegen. Es ist also alleine eine Frage des politischen Willens.

Standard: Die neue Rektorin der Universität für Bodenkultur, Ingela Bruner, hat im Interview mit dem Standard vorgeschlagen, die Familienbeihilfe zu erhöhen und so die Studiengebühren abzudecken. Wärt ihr damit zufrieden?

Brandl: Ich bin dafür, dass die Familienbeihilfe erhöht wird, aber das ändert nichts daran, dass die Studiengebühren abgeschafft werden müssen.

Schindler: Knapp die Hälfte der Studierenden bezieht gar keine Familienbeihilfe. Grundsätzlich finde ich aber die Aussage der Rektorin sehr schön und richtig, auch wenn der konkrete Vorschlag nicht optimal ist.

Standard: Nächste Woche findet euer Antrittsgespräch bei Wissenschaftsminister Hahn statt. Was wollt ihr da aufs Tapet bringen?

Schindler: Das Studienförderungsgesetzes und die Zugangs-Thematik. Die Beschränkungen laufen ja im Herbst aus, und die Frage ist, wie wir es schaffen können, dass die Zugangsbeschränkungen in möglichst vielen Studienrichtungen abgeschafft werden.

Brandl: Wichtig wird es sein, eine konstruktive Arbeitsbeziehung aufzubauen.

Standard: Wenn ihr in zwei Jahren den Vorsitz übergebt, was soll dann passiert sein?

Brandl: Wichtig ist, dass die Studierenden auf die Interessenvertretung stolz sind. Ich finde, die ÖH soll auch bei Entscheidungsträgern wesentlich mehr Gewicht bekommen.

Schindler: Mein Ziel sind Stipendien, die Studierende lückenlos unterstützen, und gut finanzierte Unis ohne Zugangsbeschränkungen.

Czaby: Ich wünsche mir, dass wir erreichen, dass bei der Universitätsgesetznovelle einiges neu geregelt wird, zum Beispiel eine paritätische Besetzung der Uni-Gremien.  (DER STANDARD Printausgabe, 7./8. Juli 2007)

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Zu den Personen
Hartwig Brandl (24), ÖH-Vorsitzender und Mandatar der Fachschaftslisten (FLÖ), studiert Telematik an der Technischen Uni Graz. Lisa Schindler (22), 1. Vize-ÖH-Vorsitzende und Mandatarin des Verbandes Sozialistischer StudentInnen (VSStÖ), studiert Jus und Sozio_ökonomie in Wien. Verena Czaby (24), 2. Vize-ÖH-Vorsitzende und Mandatarin der Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS), studiert Betriebswirtschaft an der Wirtschafts-Uni Wien.

  • Zwei emanzipierte Frauen und ein "feministischer Mann": Hartwig Brandl (FLÖ), Lisa Schindler (VSStÖ) und Verena Czaby (GRAS) sind seit 1. Juli das neue ÖH-Vorsitzteam.
    foto: standard/newald

    Zwei emanzipierte Frauen und ein "feministischer Mann": Hartwig Brandl (FLÖ), Lisa Schindler (VSStÖ) und Verena Czaby (GRAS) sind seit 1. Juli das neue ÖH-Vorsitzteam.

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