"Wertschätzung ist die Basis, aber kein 'quick win'"

8. Juli 2007, 17:00
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Lebensmittel-Profi und Sanierer Friedrich Seher wechselt an die Interspar-Spitze. Ein Gespräch über gute Führung und Fehler der Chefs

Der Standard: Sie haben sich in Ihrer Berufslaufbahn von einer Menge Leute getrennt. 44 Führungskräfte der ersten Ebene waren auch dabei. Tut es weh zu feuern?
Seher: Weh tun sollte es nicht. Wenn nachhaltiger Schmerz bleibt, dann ist etwas grob falsch gelaufen. Dann waren nämlich die Regeln nicht klar. Natürlich ist es kurzfristig nicht angenehm.

Der Standard:Wie betroffen darf man sein, um Sanierungsjobs, um Führungsjobs überhaupt machen zu können? Seher: Insgesamt kommt es in der Tageshektik – ich rede nicht von Kündigungssituationen – viel zu kurz, Beteiligte zu Betroffenen zu machen. Es gibt einen Spruch der Cherokee-Indianer: Warte nicht auf das Schreien, achte auf das Flüstern. Das fehlt heute.

Der Standard: Ist es unfairer geworden?
Seher: Ja, es ist unfairer geworden, wegen des Zeitmangels, wegen des Leistungsdrucks. Es fehlt die Zeit, um Verständnis aufzubauen. Ich beobachte einen Verlust des Zwischenmenschlichen. Da ist eine Schere offen.

Der Standard: Was ist für Führungskräfte ganz wichtig?
Seher: Reflexion. Aber leider: Je höher in der Hierarchie, desto blasser werden oft die Spiegel, und es wird auch gar nicht mehr gewollt, dass der Spiegel blank poliert ist.

Der Standard: Was sind für Sie Ressourcen in der Führungsarbeit?
Seher: Emotionen. Sonst kann ich auch nicht motivieren. Allerdings ist dabei die Quadratur des Kreises, dass Mitarbeiter personenloyal werden, nicht unternehmensloyal. Dafür habe ich auch noch keine Lösung gefunden.

Der Standard: Stehen Sie sonst noch vor ungelösten großen Themen in Führungsfragen? Oder anders: Warum, glauben Sie, ist die Stimmung in einigen, vielleicht vielen Unternehmen so schlecht?
Seher: Eine bittere Erfahrung ist für mich, dass wirtschaftlicher Erfolg kurzfristig nicht mit Unternehmenskultur korrelliert. Ein gutes Klima bringt kurzfristig nicht mehr Profit. Wertschätzung ist zwar die Basis, aber kein „quick win“. Deswegen wird sie wohl auch oft vergessen.

Der Standard: Ist Gerechtigkeit im heutigen Wirtschaftsleben herstellbar?
Seher: Ich fürchte nicht. Fairness aber sehr wohl. Das ist Führungsaufgabe. Ich lüge nie, aber ich sage wohl, dass ich die ganze Wahrheit auch manchmal verschweige.

Der Standard: Gibt es einen wich_tigen Grundsatz, der sich in den vergangenen Jahrzehnten Ihrer Führungstätigkeit bewährt hat?
Seher: Ja, zum Beispiel: Meide die Negativlinge, jene, die mit sich selbst nicht im Reinen sind.

Der Standard: Sie haben in der Vivatis-Holding selbst eine ganze Seminarreihe zum Führungsthema aufgebaut. Was ist für Sie die Quintessenz guter Führung?
Seher: Das ist eigentlich sehr einfach und ergibt sich aus zigtausenden Seiten der Leadership-Literatur: Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.

Der Standard: Welche sind denn die Schlimmsten unter den Chefs?
Seher: Die Fehlerlosen, die Makellosen, die glauben, noch nie einen Fehler gemacht zu haben und auch nie einen zu machen.

Der Standard: Sie sind leidenschaftlicher Koch und hatten immer eine hohe Affinität zu Lebensmitteln, aber: Warum haben Sie die Branche nie verlassen? Angebote gab es ja genug. Auch aus dem Ausland.
Seher: Ich bin überzeugt davon, dass man nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Produkte gern haben muss, sonst führt man nicht gut. Im Ausland habe ich nicht gearbeitet, weil ich nicht überzeugt bin, dass ich meine Botschaften interkulturell so übertragen könnte, wie ich das wollte. Standard: Ihre Kraftquellen? Seher: Ich suche, abgesehen von meiner Familie, auch ganz bewusst die Feuerstellen anderer auf. Weil: Ohne ein, zwei ganz intime Freunde ist man wirklich ein armer Hund. (Karin Bauer, Der Standard, Printausgabe 7./8.7.2007)

Zur Person: Friedrich Seher (58) ist einer der „alten Hasen“ in der Lebensmittelbranche, ab 1. 9. wird er für 60 Großmärkte der Interspar mit rund 1,2 Mrd. Euro Umsatz verantwortlich sein. In den 90er-Jahren hat er Spar ausgebaut, wechselte dann zur AMF, sanierte diese unter dem Holding-Namen Vivatis und baute daraus ein Flaggschiff heimischer Marken. Er ist in Wien geboren, wohnt in Leonding und ist Vater von fünf Kindern.
  • Die Quintessenz guter Führung ist für Friedrich Seher sehr einfach und gar nicht schwer zu erklären: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.“
    foto: vivatis

    Die Quintessenz guter Führung ist für Friedrich Seher sehr einfach und gar nicht schwer zu erklären: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.“

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