Stauffenberg gegen Tom Cruise

16. Juli 2007, 11:39
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Deutschland gegen Hollywood: Der Bendlerblock in Berlin-Tiergarten ist ein Gebäude von historischer Bedeutung ...

Hier hatte Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 einen Anschlag auf Adolf Hitler verübte, sein Arbeitszimmer. Heute befindet sich im Bendlerblock die Gedenkstätte deutscher Widerstand.

Nun gibt es eine Konfusion um den Bendlerblock. Berichten vieler Medien zufolge hat der nicht zuständige CDU-Verteidigungsminister Jung nämlich eine Drehgenehmigung nicht erteilt, die möglicherweise gar nicht beantragt war, dafür aber anschließend auch vom zuständigen Finanzministerium ausgeschlossen wurde: Der Hollywood-Star Tom Cruise wird zwar aller Voraussicht nach im Film Valkyrie von Bryan Singer den Grafen Stauffenberg spielen, aber nicht im Bendlerblock.

Der Streitpunkt war in diesem Fall aber nicht, ob ein bedeutender Akt in der deutschen Geschichte von einem Schauspieler dargestellt werde, dessen Karriere von an Heldenrollen nicht arm ist. Das Skandalon liegt in der Mitgliedschaft des Privatmannes Tom Cruise bei der in Deutschland als totalitäre Sekte eingestuften Scientology. Die erste Stimme gegen Cruise als Stauffenberg kam aus der Familie des Widerstandskämpfers. Sohn Berthold Schenk Graf von Stauffenberg in der Süddeutschen Zeitung: "Er soll seine Finger davon lassen."

Diese Einschätzung teilten ein SPD-Abgeordneter und eine CDU-Sektenbeauftragte. Die Posse um den Bendlerblock entwickelte sich auf den Fluren der Berliner Republik und wäre wohl für das koproduzierende Studio Babelsberg zu verkraften gewesen dann.

Dann kam aber von erwartbarer Seite Zuspruch für das US-Projekt. Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck gefällt sich seit dem Gewinn des "Auslands-Oscars" für sein Stasidrama Das Leben der Anderen in der Rolle des kommerziellen Über-Ichs des deutschen Kinos.

Dessen Minderwertigkeitskomplex sieht er auch in der Kontroverse über Tom Cruise. Er hält messianisch dagegen: "Durch eine für Deutschland sagenhaft glückliche Fügung wählte sich nämlich in diesem Jahr einer der erfolgreichsten Filmemacher der Welt, Bryan Singer, ein Gigant des Hollywood-Kinos, der Junge wie Alte, Gebildete wie Ungebildete ins Kino zu ziehen versteht, wählte sich dieser Mann also zum Thema für seine neue Riesenproduktion ... unseren Stauffenberg!"

Und für die Hauptrolle wählte Singer den "allergrößten" Star – Tom Cruise. Indem Donnersmarck hier das Casting gewissermaßen direkt dem Weltgeist zuschreibt, stürzt er die deutsche Öffentlichkeit in ein altes Dilemma: Nur zu gern würde man sich in Babelsberg auf Augenhöhe mit Hollywood sehen. Während das US-Kino über Tom Cruise verfügt, hat das deutsche aber nur Bully Herbig. Die Tatsache, dass Deutschland mit beiden totalitären Verbrechersystemen im 20. Jahrhundert intensiv zu tun hatte, ist in diesem Zusammenhang ein Alleinstellungsmerkmal, das sich auch auf dem Weltmarkt der Bilder gut einsetzen lässt – erst unlängst hat der Historiker Timothy Garton Ash im New York Review of Books wieder auf diese Sonderstellung Deutschlands aufmerksam gemacht, von der auch Donnersmarck profitiert hat.

Valkyrie ist vor diesem Hintergrund Aufwertung und Enteignung. Die geschichtspolitisch kaum zu überschätzende Tat des Grafen Stauffenberg wird in einem amerikanischen Film zugleich überhöht und profaniert. Auf dieser Ebene ist die Diskussion inzwischen unübersehbar angelangt.

Dass Scientology erst kürzlich in Berlin eine neue Zentrale eröffnet hat und derzeit in der Hauptstadt offensiv Mitglieder wirbt, bildet einen motivischen Hintergrund. Im Streit um Valkyrie geht es nun aber nicht mehr nur um Tom Cruise, den Scientologen, sondern auch um Tom Cruise, den Star – und wieder einmal um Hollywood. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 11.07.2007)

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    Tom Cruise, umstrittener Stauffenberg-Darsteller, und sein ...

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    ... deutscher Fürsprecher, Oscar-Preisträger Florian Henckel.

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