Grenzerfahrung mit Grillfleisch

10. Juli 2007, 17:00
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Vor dem größten Blechblasen des Balkans fabuliert Harald Fidler über Pleskavica - und bittet schon wieder um Tipps, diesmal für Balkan in Wien

Herr Hilberg, der sich ansonsten an dieser Stelle schändlich rar macht, schickte mir vor kurzem eine Kopie aus der Wiener Zeitung. Ein sympathischer, nahezu sportlich wirkender Herr mit Bierflasche in der einen und Lötlampe in der anderen Hand vor dem Grill, vielleicht etwas unvorteilhaft von unten aufgenommen. Bildtext (dem Sinne nach): Alkohol und Gaskartusche haben in der Nähe des Rosts nichts verloren.

Roheiten vom Schmecks-Grill

Also bisher hatte Herr Hilberg keinen Grund, sich über meine Feuerriten im Schrebergarten zu beschweren. Im Gegenteil: Der gute Mann geruhte das auf dem Grill von mir gerade zart angewärmte Eineinhalbkilotrumm vom Schneebergbeef trotz vorangegangenen Konsums von Lammbratwürsteln und -rippchen, Meeresgetier und sonstigem Gargut gar gierig zu verschlingen. Wie sich der Großteil der Schmecks-Posse plötzlich wieder hungrig über diese zarte Rohheit hermachte.

Aber zugegeben, Anzündwürfel habe ich inzwischen als Fortschritt anerkannt, die Lötlampe hat also inzwischen Pause. Über die Sache mit dem Alkohol indes möchte ich noch etwa ein, zwei Jahre nachdenken.

Nicht einmal denken aber darf ich daran, beim bevorstehenden Grillen in der strengen Schmecks-Runde die passendste aller Musiken aufzulegen. Nun ja, die passendste aus meiner bescheidenen Sicht. Die ich allerdings mit sehr grundlegender Erfahrung belegen kann.

Blechblasen braucht Barbecue

Blechblasen braucht Barbecue - natürlich ist das der falsche Begriff um einer schiefen Alliteration willen. Es braucht Spanferkel, ganze Lämmer am Spieß und vor allem Pleskavica, die flachen (Rind-)Fleischlaberl ohne unnötige Bindemittel wie Semmelwürfel drin. Ich hab's 2005 ausprobiert, an Ort und Stelle in Guca.


Kleines Süppchen in Guca

Sie wissen schon: 4000-Einwohner-Nest südlich Belgrads, das im Sommer für ein paar Tage auf ein paar Hunderttausend anschwillt, weil Scharen von Blechblaswahnsinnigen beim Wettkampf um die goldene Trompete dabei sein wollen, an dem der Blechblasgott Boban Markovic nicht mehr teilnehmen darf, weil er alles gewinnt, und sein Sohn Marko (mit dem aufblasbaren Hals) das wohl nicht mehr nötig hat und in Guca Filme über sich dreht. Von 8. August bis 12. August ist es heuer soweit laut http://www.guca.co.yu.

Trinksprüche für Fortgeschrittene

Gibt übrigens auch einen eigenen Nebenbewerb für Trinksprüche. Ausreichend Rakija zum Üben ist vorhanden. Nur Hirsche trainieren mit Jelen Pivo aus der Petflasche, nur Hoffnungslose mit dem für unsere sprachunkundigen Ohren besonders assoziativ benannten Apatinsko Pivo.


Bester Trinkspruch 2005

2005 dauerte das Festival von Guca gut eine Woche, was eine ausgewogene Diät von Bier, Rakija, Kaffu (oder doch nur ein f?), den köstlichen, natürlich mit Faschierfleisch gefüllten Burek unserer Vermieterin (und heimlichen Bürgermeisterin von Guca), Olga, und vor allem Pleskavica im Dauertest ermöglichte. Bekommt hervorragend, wärmt (im damals saukalten, regnerischen August) ungemein, und führt erst bei längerfristiger Anwendung zu ernsteren Ausfalls- oder/und Mangelerscheinungen.

Diätabschluss

Deshalb musste vor dem Abflug aus Belgrad noch wenige Kilometer vor der Hauptstadt die Krönung her, direkt an der Bundesstraße von Guca in die City, mit authentisch Lkw-lautem, großem Vorgartendreispitz und einem bestimmt wunderbaren Namen, den ich leider verdrängt habe (in Downtown Belgrad selbst versorgt zB das Vuk mit ordentlich Fleisch, siehe Adressenliste). Aber es geht ohnehin um das Phänomen, und das finden Sie auf dem Balkan zuhauf: Der Ober empfiehlt: Wenn schon Pleskavica, dann punjene.


Pleskavica punjene in der Verarbeitung

Gefüllt heißt das, habe ich später nachgeschlagen. Und hat offenkundig eine doppelte Bedeutung: Der gewaltige Grillfleischlaib (von einem Laibchen kann man hier nicht schreiben, Schuhgröße 46 bis 48 etwa) ist gefüllt nach gnadenloser Cordon-bleu-Tradition mit Schinken und ordentlich Schmelzkäse, immerhin nicht paniert, aber oben noch gut bestreut mit weiteren Käseflocken. Die Füllung überträgt sich unmittelbar auf den Konsumenten, kann ich berichten. Gosti punjeni quasi, gefüllte Gäste (so zirka jedenfalls, fürchte schon die sprachkundigen Poster).

Salat war ein Fehler

Deshalb winkte ich heuer ein gutes Stück weiter nordwestlich wissend ab, als mir der um mein Wachstum besorgte XL-Kellner im Zagreber Pri zvoncu "punjene?" auf meine Pleskavica-Bestellung entgegnete. Danke, nein, muss heut nicht sein. Ich hab trotz örtlicher Bierbegleitung (die fehlte vor Zagreb) nur zwei Drittel geschafft - schon wieder eine Schuhgröße hoch in den Vierzigern.


Zum Pleskavica: Pri Zvoncu in Zagreb

Mein taktischer Fehler: Der Salat mit (ordentlichst) Schafkäse drauf als erster Gang kam auch in einem gewaltigen Gebinde. Da muss man sich schon entscheiden: Vitamine oder Fleisch! Wobei: Genossen hab ich beides. Aber der Kellner hatte beim Abräumen nur mitleidige Blicke für mich. Fühlten sich ähnlich an wie jene der p.t. User, die mir lückenhafte Recherche bei meiner Zagreb-Erkundung nachwiesen - ich sage nur: Rubelj! Aber Zvoncu schreib' ich inzwischen mit c, natürlich ohne das an die große Glocke zu hängen.

Balkan, bitte, aber in Wien

Jetzt aber Pleskavica: Da fällt mir in Wien quasi automatisch das Beograd ein. Schon immer da, praktisch ewig Küche, eh immer gut, aber nicht ganz, fand ich auch diesmal nach einer Laberl-Kostprobe, ungefüllt und glücklicherweise etwas kleiner als bei meinen Grenzerfahrungen zwischen Zagreb und Belgrad. Sehr weich, sehr intensiver Holzkohlengeschmack.

Bis Sie mir eine bessere Quelle in Wien und Umgebung verraten (Rubelj lasse ich nicht mehr als Umgebung gelten), versuch' ich's vielleicht mit einem Riesenfaschiertem, womöglich punjene, auf dem Grill statt Schneebergbeef. Da greift, glühende Kohle hin oder her, auch Herr Hilberg grillend zur Flasche. Rakija, versteht sich.

Autoput und gut

PS: Hilberg erklärt mir übrigens gerade, er schwört in Sachen Pleskavica auf das Galaxie in der Märzstraße. Portionen wie weiland an der Autoput, und zudem gut. Muss ich mir ansehen. Aber vielleicht postet Herr Hilberg ja noch einen kleinen Erfahrungsbericht.

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.
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