Nostalgie und Fragezeichen beim Jazzfest Wien

5. Juli 2007, 17:50
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Professionalismus und Niederlage: Paul Anka, Lionel Loueke und John Scofields Reunion mit Medeski, Martin & Wood

Wien – Ist es möglich, dass jemand eine perfekte, hochprofessionelle Show abliefert und diese dennoch als Niederlage empfunden wird? Es ist.

Paul Anka bescherte dem Rezensenten Mittwoch beim Jazzfest in der Staatsoper jenes denkwürdige Erlebnis: einen gut disponierten Rock-'n'-Roll-Altstar, der aus seiner Sicht zweifellos alles richtig machte. Uralt-Hits von "Diana" bis "You Are My Destiny" wurden, eingerahmt von Streichern aus der Synthesizer-Retorte bzw. einem 13-Mann-Orchester, mit Verve und altersloser Stimme über die Rampe gebracht, dazwischen Tonband-Duette mit Frank Sinatra ("My Way") und Sammy Davis jr. angestimmt.

Oldie-Abend

Dann und wann wurde auch eine Nummer aus dem aktuellen Album "Rock Swings" vom originalen ins historische Pop-Idiom der 50er übersetzt – was im Falle von Nirvanas Generation-X-Hymne "Smells Like Teen Spirit" zumindest bizarr anmutete. Charmant, als Anka, der jugendhafte 66-Jährige, einen Fan-Wunsch spontan mit Stegreiftext erfüllte.

Dennoch wurde man das Gefühl nicht los, im falschen Film zu sitzen. War das das Jazzfest oder doch ein Oldie-Abend? In Letzterem wären Paul Ankas vokale Anspruchslosigkeiten, befreit von allen kreativen Ambivalenzen, von allen Fragezeichen, die selbst bei weitester Dehnung des Jazzbegriffs noch immer dessen Essenz ausmachen, zweifellos adäquat gewesen.

Eine Forschernatur ist hingegen Lionel Loueke. Der aus Benin stammende Shootingstar formulierte im Rahmen seines Solokonzerts im Kunstforum aus, was er im Vorjahr in der Band Herbie Hancocks nur andeuten konnte. Die Klänge von Kora-Harfe und Kalimba überträgt dieser Mann – teils über diffizile Flageolett-Strukturen – auf die Gitarre, um so zu einem höchst eigenwilligen, sehr flexiblen Stil zu finden. Dazu kommen rhythmisch akzentuierte und Vocoder-verzerrte Vokalisen, die mitunter freilich auch belanglos anmuten. Von diesem Herrn steht noch einiges zu erwarten.

Mit Erwartungshaltungen konfrontiert sehen sich hingegen bereits John Scofield und Medeski, Martin & Wood anlässlich ihrer Reunion. Im WUK deuteten sie zehn Jahre nach dem Funk-Jazz-Knaller "A Go Go" ihre Grooves verstärkt in Richtung rockig-raue Trash-Sounds, zudem gaben sich die vier Herren improvisationsfreudiger als bei der ersten Begegnung.

Eine Wiedervereinigung mit Mehrwert. (Andreas Felber / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.7.2007)

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    Paul Anka in der Wiener Staatsoper

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