Das virtuelle Böse ist immer online

16. Juli 2007, 09:50
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Das Problem an den Gefahren ist, dass die ältere Generation nicht gewarnt wurde

Kleinen Kindern bringt man bei, nicht mit fremden Menschen mitzugehen, von Fremden keine Geschenke anzunehmen, und generell beaufsichtigt man sie, so gut man kann. Später lernen sie hoffentlich andere Vorsichtsmaßnahmen, welche Orte und welche Gesellschaft man meidet, und ein "Restrisiko" bleibt immer, aber so ist das Leben.

Eltern wurden nicht gewarnt

Das Problem mit dem Online-Verhaltenskodex, der uns vor Schaden schützen könnte, besteht darin, dass die Erwachsenen, die heute Oldies sind, in ihrer Kindheit und Jugend vor keinen Gefahren der Onlinewelt gewarnt wurden, weil es diese noch nicht gab. Und so sind sie selbst in Gefahr und ihre Kids gleichermaßen, weil sie von ihren Oldies mangels Wissens kaum Hilfestellung erhalten.

Virtuelles Paralleluniversum

Aber wie viel Gefahr birgt dieses virtuelle Paralleluniversum überhaupt, das sich über Nacht in fast allen Bereichen unseres Alltags breit gemacht hat? Auf der Plusseite gibt es ein paar nicht unerhebliche Vorteile des Cyberspace. Physische Gewalt, Gefahr für Leib und Leben, ist fast ausgeschlossen - wenn man sich nicht in Chatrooms oder per Mail zu realen Begegnungen verabredet und dabei gängige Sicherheitsinstinkte ignoriert. Und gegen psychische Verletzungen gibt es einen Schutzmechanismus, der aber auch eine Kehrseite hat: die Möglichkeit, ein Onlinepseudonym zu verwenden, was schützende Distanz schafft - aber eben auch im Gegenzug bedeutet, dass wir Online-Kontakte mit Pseudonym nicht wirklich kennen. Betrug ist, soweit bekannt (und Banken und Kreditkartenfirmen haben darauf im eigenen Interesse ein sehr waches Auge), online eher geringer als offline, was nicht ausschließt, dass unvorsichtige und naive User erheblichen Schaden nehmen können.

Wie auch Offline

Was wären die wichtigsten Vorsichtsmaßnahmen? Teils nicht unähnlich unserem Offlineverhalten: Es wird einem im Leben nichts geschenkt, schon gar nicht eine Millionenprovision für irgendwelche Freundlichkeiten. Kreditkartendaten nur bei bekannten Institutionen und nicht bei Websites in unsicheren Ländern verwenden. Nicht von Unbekannten und nicht ohne vorherige Recherche bei unbekannten Sites einkaufen. Sicherheitssoftware installieren, die vor Viren und Trojaner schützt und betrügerische Webseiten (Phishing-Sites, die vorgeben, jemand anderer zu sein) blockiert. Keine Mail von unbekannten Absendern öffnen, enthaltene Anhänge oder Internet-Links nicht anklicken.

Kinder brauchen Schutz

Wie im "richtigen" Leben brauchen Kinder besonderen Schutz: Dazu gehört, herauszufinden, in welchen Welten sich Kinder und Jugendliche bewegen. Auf Gefahren und Vorsichtsmaßnahmen aufmerksam machen. Auf jedem PC oder Mac lässt sich eine Kindersicherung aktivieren und definieren, welche Websites Kinder besuchen können (auch auf dem unbeaufsichtigten PC im Kinderzimmer, wenn man nur will). Natürlich gibt es gegen jeden elterlichen Rat und jede Schutzmaßnahme auch jugendliche Rebellion - kein Grund, darauf zu verzichten.

Über- und Unterschätzung

Die größten Gefahren sind aber immer noch die von Über- und Unterschätzung: Überschätzung bei denen, die wenig eigene Onlineerfahrung haben und (Horror-)Geschichten lesen über Kinderporno-Ringe, Kreditkarten- und Identitätsdiebstahl und finanziellen Betrug gewaltigen Ausmaßes bei Onlinebanking und Ebay-Versteigerungen, die in Wirklichkeit keine sind. Und Unterschätzung und Leichtsinn bei denen, die wegen des virtuellen Charakters der Onlinewelt glauben, sie können keinen realen Schaden nehmen.(Helmut Spudich/DER STANDARD, Printausgabe vom 5.7.2007)

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