Limit ist das Firmament

5. Juli 2007, 17:00
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Nach einem fast tödlichen Motorradunfall 2004 meldet sich Marc Almond mit dem Album "Stardom Road" zurück

Vorspiel auf dem Theater. Londons "hidden theatre", Wiltons Music Hall, ein viktorianisches Theater mit historischen Deckenfresken und Holzintarsien, bietet mit seiner Baufälligkeit und einem speziellen Charme desolée den Rahmen für einen intimen Event. In rotes Licht gehüllt ebnen Baby Dee mit einem berührenden, teils verstörenden Auftritt und der Poet Jeremy Reed mittels Rezitation eines seiner Gedichte, einer Hommage an seinen Freund, dem Star des Abends, den Weg zurück auf die Bühne.

Erster Akt. Ein beinahe schüchternes Betreten der Bühne. Langsamen, bedachten Schrittes, die Hände am Rücken, erscheint aus dem Halbdunkel Marc Almond. Im grauschwarzen Nadelstreifanzug mit schwarzem Hemd und einem Lächeln nimmt der sichtlich gerührte Sänger noch vor dem ersten Lied minutenlang Standing Ovations entgegen. In fulminanter Spiellaune, vokal und körperlich bestens disponiert, absolviert der im Herbst 2004 bei einem Motorradunfall als Beifahrer beinahe ums Leben gekommene große Trägöde des Pop und des Chanson dann erstmals wieder ein Konzert; erlesene Songs seines neuen Albums Stardom Road sowie aus seiner 25-jährigen Karriere, begleitet nur von Klavier und Gitarre. Unter Aussparung der kommerziellen Seite seines Schaffens widmet sich das Programm Torch & Romance den großen Themen des Daseins: "Love and death, heaven and hell". Dazu Liebe, Genuss, Ekstase, Verlassenheit, Zweisamkeit, Einsamkeit, Sex und Toleranz, Krieg und Frieden, wiederum Liebe und Tod.

Zwischen den Songs parliert Almond über sein Leben, respektive seine Leben - die gelebten, die verlebten, die verpassten, die verprassten, die, an die er sich erinnern kann, und jene, die er nicht mehr präsent hat, wegen der Amnesia Nights, der Exzesse - und das Leben, das er vor sich hat. Ohne auf seinen Unfall explizit einzugehen, beschäftigen sich seine Songs mehr denn je mit dem Tod. Über das Älterwerden räsoniert er mit einem Augenzwinkern, unter Verwendung neuer Chansons wie dem programmatischen I Have Lived oder älterer wie When I Was A Young Man oder der Ballad Of The Sad Young Men. Theatralisch, mit exzessiven Posen, Gestik wie Mimik, unterstützt er seine Songs, als würde er sie durchleben. Jede Zeile, jeder Satz hinterlässt Spuren: Songs of Love And Hate. Songs of War And Death. Ein Agent der Liebe ist er, ein Agent Provocateur großer Gefühle und der Konsequenzen, die daraus entstehen: "Having fun and being gay ..." Auch das ist ein Thema, aber ebenso einfühlsam und differenziert betrachtet wie all seine Sichtweisen des Lebens. If You Go Away berührt im Zugabenteil, aus dem das Publikum den Künstler nicht entlassen will. Ein denkwürdiger Abend, eine zelebrierte Messe geht zu Ende. Ein neuer Song, in Ablösung des bislang unabdingbaren Say Hello & Wave Goodbye markiert das Finale: The Curtain Falls. "It was fantastic and amazing", dankt Almond dem von ihm verzauberten Auditorium im Abgang. Wieder Standing Ovations. Vorhang.

Intermezzo und zweiter Akt. In seinem Buch In Search Of The Pleasure Palace, (2002), dem Sequel seiner Autobiographie Tainted Life, beschreibt der einstige Soft-Cell-Sänger (Tainted Love!) Reisen an Orte seiner Karriere. Ähnliches unternimmt er nun mit dem neuen Album in musikalischer Form: Vergangenheitsbewältigung. So erzählt er von einem wiederkehrenden Traum als eine Art Krönung seiner Karriere: mit Frank Sinatra auf der Bühne zu stehen. Von jenem angekündigt zu werden - aber blöderweise mit falschem Namen. Ironie, Selbstzweifel, Selbstverliebtheit. Kommenden Montag zelebriert Almond mit diesen ewigen Zutaten auf der Bühne des Londoner Shepherds Bush Empire Theatre seinen 50. Geburtstag.

Nachspiel, backstage. Das neue Album des als Peter Marc Sinclair Almond geborenen Briten stellt eine emotionale Reflexion und musikalische Zeitreise durch sein bisheriges Leben und Schaffen dar. Es beinhaltet - mit einer Ausnahme - ausschließlich Coverversionen, deren Auswahl in Beziehung zum Interpreten stehen. Er interpretiert Lieder von Aznavour, David Bowie, Dusty Springfield oder Shirley Bassey. Im Gegensatz zur Live-Performance dominieren opulente Streicher und Chöre das Album, abwechselnd in retrospektiver Big-Band-Manier, klassischer Art oder in der eines burlesquen Cabaret-Orchesters. Stardom Road zeigt einen Mann in der Mitte seines Lebens, auf der Suche nach seiner inneren Mitte. Exzesse, Obsessionen, Dämonen sind Vergangenheit. Emotionen aber bleiben intensiv und ohne Reue. Ein einziger Song ist von Almond: Redeem Me, das sich auf ein Zitat Dostojewskis bezieht: "Schönheit wird die Welt erlösen." Almond, skeptisch-ironisch, variiert es aber zu "The beauty that will save the world / is the love that shares the pain."

Bei allem Pathos, aller flehender Beschwörung des Glücks überkommt einen das Gefühl, dass, je intensiver er von Schönheit, Happy Hearts und ähnlichem singt, sich hier ein einsamer Mensch in all seiner Verwundbarkeit offenbart. Bei allen an der oder über die Kitschgrenze schrammender bombastischer Streicher- und Chorarrangements, sind Sarkasmus, Bitterkeit, Zynismus nicht weit. Almond reflektiert die schizophrene Situation des öffentlichen Künstlers und des privaten Menschen: Intensiv in Stardom Road, berührend in Backstage, I'm Lonely, fulminant im Duett mit Antony Hegarty. Vielleicht ist aber das gesamte Album ein Zerrbild, im Vexierspiegel selbstverliebter wie selbstironischer Betrachtungsweisen. Schade um den eigentlich geplanten Titel Me, Myself & My Life. So oder so: Ein reifes, virtuoses, ein packendes Werk. (Gregor Auenhammer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.7.2007)

  • Marc Almond: "Stardom Road" (Sanctuary Records/Edel)
    foto: sanctuary records/edel

    Marc Almond: "Stardom Road" (Sanctuary Records/Edel)

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