Kolbenreiber im Blumentrog

7. Juli 2007, 17:00
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Mit Kapuzinerkresse einen gärtnerischen Totalschaden hinzulegen ist schon eine Kunst, argwöhnt Ute Woltron

Es gibt normalerweise überhaupt keine dodelsicherere Pflanze als Kapuzinerkresse. Die gedeiht selbst unter den Fingern von Unmenschen, die Heu nicht von Stroh unterscheiden können, und zwar unter folgenden geradezu lächerlich simplen Voraussetzungen: Man kaufe, ernte oder raube von anderen Kapuzinerkressegärtnern Samen, werfe sie zwanglos irgendwohin - unter Stauden, Bäume, in Töpfe oder Rabatte - es ist so gut wie egal. Dann scharre man sie fleißaufgabenmäßig ein wenig unter die Erde - und schaue beim Wachsen zu, welchselbiges mit erfreulicher Geschwindigkeit vonstatten geht, weil die Kapuzinerkresse diesbezüglich eine Art Formel-1-Bolide unter den Pflanzen ist.

Das Einzige, was sie benötigt, ist der Treibstoff Wasser in ausreichenden Mengen - und Gießen werden Sie ja wohl noch können, oder?

Na sicher, Sie sind ja nicht Ihr Grünzeug, das nunmehr nach jahrelangen rauschenden Kapuzinerkressetriumphen die zweite Saison in Folge empfindliche, nachgerade rufschädigende Kapuzinerkressecrashes erleiden muss. Zumindest der heurige Totalschaden ist unerklärlich.

Gefährliche weiße Pünktchen

Nach einem ausgesprochen verheißungsvollen Frühjahrsstart, der in meterlange, sattgrüne Horizontalen samt Blütenansätzen mündete, kam es zu einem plötzlichen unerklärlichen Stillstand. Auf dem ansonsten immer so tadellos-silbrigen, mit dem Lotuseffekt gesegneten und dadurch extrem säuberlichen Blattwerk begannen sich gefährliche weiße Pünktchen abzuzeichnen, die irgendwie was von extraterrestrischen Parasiten aus ganz bösen 70er-Jahre Sci-Fi-B-Movies hatten. Diese Pünktchen wuchsen und bemächtigten sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit der gesamten Pflanze.

Irgendetwas Übles war im Gange, das war klar - aber was? Es wird nicht mehr herauszufinden sein, weil die quasi zu papieren raschelnden Mumien degenerierten Opfer sind bereits im Misthaufen begraben. Der Mantel des Humus breite sich über diese Schande, und das Letzte, was man in solchen Fällen brauchen kann, ist Mitgefühl oder schlechte Nachrede.

Von Letzterer gibt es sowieso noch genug, und zwar seit dem Vorjahr. Damals standen die Kapuzinerkressen jung und rank, stark und saftig wie die Einser in den Trögen, und es war eine einzige große Freude mit ihnen. Doch dann kam der heiß-trockene Tag, an dem man spätabends von der Fron heimkehrte und die Guten im Scheinwerferkegel des Autos durstig hingestreckt auf dem Kies liegen sah.

Erste Hilfe

Kurz aufschreien, aus dem Auto springen, den beglückenderweise bereits gefüllten Gießamper ergreifen und Erste Hilfe leisten war eins, der glasklare Moment der Erkenntnis wenige Augenblicke später ein anderes. Denn mit den letzten Tropfen vermeintlich lebensspendender Feuchtigkeit entquoll der Gießkanne auch ein kleines, nicht aufgelöstes Restchen des Unkrautsalzes, das darinnen sorgfältig und kräftig dosiert am Vortag angerührt worden war, um eben jenen Kies einer pedantischen Makellosigkeit zuzuführen. Fix, wie kann man so etwas nur vergessen!

Was soll man noch sagen. Hektisches, von unflätigen Flüchen begleitetes Ausschwemmen nützte natürlich rein gar nichts, alle Wiederbelebungsversuche scheiterten. Ein paar Tage war zwar noch Hoffnung, doch dann war alles vorbei. Die Verblichenen hingen schlapp über die Trogränder. Es war, als hätte man einem Formel-1-Boliden Sprit mit Zucker verabreicht: Kolbenreiber - aus.

Wir halten erst Anfang Juli, also könnte noch eine rasche Kapuzinerkresseaussaat in Erwägung gezogen werden. Wer weiß, wofür's gut ist. Einerseits ist es schade, einen Sommer ohne ihren Anblick, aber erst recht ohne den köstlichen Geschmack ihrer Blüten zu verbringen. Andererseits geht ja auch diese Kolumne weiter. Vielleicht ergibt sich schon demnächst wieder die Gelegenheit, an dieser Stelle Selbstentäußerung in Form von Totalschadenberichten zu üben. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/06/07/2007)

Tipp

Vor allem die Blüten der Kapuzinerkresse schmecken ausgezeichnet. Sollten Sie bereits im Garten einen kleinen frisch-scharf-süßen Snack zu sich nehmen wollen - schütteln Sie etwaige Bienen vorher aus den Blütentrichtern heraus ... Dann verdauen sich 285 Milligramm Vitamin C auf 100 Gramm doch weit angenehmer. Das hierzulande einjährige Kraut stammt im Übrigen aus Südamerika, es wurde im 17. Jahrhundert in Europa eingebürgert und gegen Skorbut verabreicht.
  • Das Einzige, was sie benötigt, ist der Treibstoff Wasser in ausreichenden Mengen.
    foto: ute woltron

    Das Einzige, was sie benötigt, ist der Treibstoff Wasser in ausreichenden Mengen.

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