Fall Kaprun: Wiener Opfer-Anwälte erschüttert

11. Juli 2007, 10:27
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Eingebauter Heizlüfter war für kein Fahrzeug erlaubt, da er nicht für einen bewegten Standort gebaut war

Salzburg - Der Wiener Opfer-Anwalt Johannes Stieldorf zeigte sich vom Ermittlungsergebnis der deutschen Polizei erschüttert: "Es hat sich das bewahrheitet, was ich schon immer kommuniziert habe: Von Seiten der Gletscherbahnen und der Firma Swoboda,die den Heizlüfter eingebaut hat, wurde nicht richtig gehandelt. Es gab damals jedoch keine vernünftigen Beweise."

In einem neuen Ermittlungsbericht der deutschen Polizei werden vier Mitarbeiter der Heizlüfterfirma Fakir und ein Mitarbeiter einer deutschen Kunststofftechnikfirma von jeglicher Schuld an der Seibahnkatastrohe von Kaprun am 11. November 2000 mit 155 Toten freigesprochen.

Heizlüfter nicht für Fahrzeuge geeignet

Die Stuttgarter Polizei ortete als Unglücksursache, dass der Heizlüfter nicht für einen Einbau in ein Fahrzeug bestimmt war. Laut Gebrauchsanweisung hätte der Heizlüfter in keinem Fahrzeug verwendet werden dürfen, weil der Heizlüfter ruhig stehen und sich nicht mit etwas bewegen sollte.

Seilbahn sei kein Fahrzeug

Der Salzburger Richter Seiss erklärte in seiner Urteilsbegründung, dass die Standseilbahn dem Gesetz nach nicht als Fahrzeug gelte. "Hier klopfte er auf Formalismen, wie es ärger nicht mehr geht", wetterte der Wiener Opfer-Anwalt Johannes Stieldorf, der bei der Katastrophe einen Sohn verloren hat.

Von Konstruktionsfehler ausgegangen

Den Freispruch aller 16 Beschuldigten im Februar 2004 hatte der Salzburger Einzelrichter Manfred Seiss damit begründet, dass am Heizlüfter ein Produktions- und Konstruktionsfehler vorgelegen sei.

Kritik von Gletscherbahnen Kaprun

Die Gletscherbahnen Kaprun, welche die Firma Fakir angezeigt hatte, kritisierte, dass dem deutschen Ermittlungsbericht ein Privatgutachten von Fakir sowie ein Gutachten des im Kaprun-Verfahren ausgeschiedenen Sachverständigen Anton Muhr zu Grunde liege.

Muhrs Gutachten sei "in allen Punkten von den anderen Gerichtsgutachtern widerlegt" worden, so Schiffl. Zudem "wurden für den Ermittlungsbericht keine neuen Untersuchungen gemacht." Der Bericht habe auch keine Antwort zu dem Vorwurf gegeben, dass der Heizlüfter Mängel aufgewiesen habe. "Zu sagen: Die Schuld liegt in Österreich, das verwundert uns schon."

Konsequenzen

"Es wäre ungewöhnlich, wenn die Staatsanwaltschaft Heilbronn das Verfahren gegen den deutsche Heizlüftererzeuger Fakir nicht einstellen würde", erklärte der Wiener Opfer-Anwalt Johannes Stieldorf auf den Ermittlungsbericht der Landespolizeidirektion Stuttgart. Das österreichische Verfahren könne aber nicht mehr aufgenommen werden, erklärte Stieldorf. Allerdings könnte auf Grund des Ermittlungsergebnisses eine Verbesserung der Fond-Datierung in der Kaprun-Vermittlungskommission erreicht werden. "Aus meiner Sicht besteht dazu eine moralische, aber keine juristische Verpflichtung."

Für den Opfer-Anwalt Podovsovnik "sind die Karten neu gemischt". Opfer-Anwalt Gerhard Podovsovnik will "sämtliche rechtliche Schritte überlegen, wie der Strafprozess wieder aufgenommen werden kann". Rechtsanwalt Podovsovnik erklärte, es müssten sich nun alle betroffenen Firmen überlegen, ob sie nicht doch zur Prozessvermeidung bereit seien, einen weitaus höheren Betrag in den derzeit mit 16 Mio. Euro gefüllten Topf der Vermittlungskommission einzuzahlen. Die nächste Sitzung ist für Anfang August geplant. (APA)

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    Der Heizlüfter in der Fahrerkabine hätte in kein Fahrzeug eingebaut werden dürfen, weil er nicht für einen bewegten Standort gebaut war

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