Jörg Kalt 1967–2007

5. Juli 2007, 17:07
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Der Filmregisseur, Absolvent der Wiener Akademie ("Richtung Zukunft durch die Nacht"), beging Selbstmord

Wien – In seinem vielleicht schönsten Film lief die Zeit nicht wie üblich ab. Der junge Koch, der sich in eine Schauspielerin verliebt hat, erwacht in einer Zukunft, in der alles ein wenig aus dem Takt geraten ist. Im Rückwärtsgang durch die jüngere Vergangenheit, Bild und Ton sind dem Geschehen entsprechend angepasst, wird allmählich klar, dass auch das Bild der Liebe nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. "Was hat dich bloß so ruiniert", singen Die Sterne.

"Richtung Zukunft durch die Nacht" hieß der Film, mit dem Jörg Kalt die Filmakademie Wien abgeschlossen hat – ein zur Komödie verbogenes Melo eigentlich, das im gegenwärtigen österreichischen Kino ganz für sich selbst blieb. 1967 in Suresnes bei Paris geboren, hatte sich Kalt nach einer Journalistenlaufbahn in der Schweiz erst 1991 dem Film verschrieben; zuerst studierte er an der Prager Famu, 1994 wechselte er dann nach Wien zu Regisseur Peter Patzak.

Schon seine Studentenfilme waren durch abgründige Komik geprägt, stilistisch zeigte sich Kalt stets experimentierfreudig: Im morbiden Kurzfilm "Meine Mutter war ein Metzger" reisen zwei Studenten mit einer Leiche im Zug – die Arbeit wurde auf mehreren Festivals gezeigt. Ein humoresker Blick auf im Grunde verfahrene Lebenssituationen bestimmte noch "Crash Test Dummies", einen Ensemblefilm, der zum Zeitpunkt der EU-Erweiterung Bewegungen durch Wien auffängt.

Zuletzt arbeitete Kalt an Drehbüchern mit ("Immer nie am Meer"), er feilte auch an mehreren eigenen Projekten. Die Zeit ist wieder aus dem Takt: Vergangenes Wochen ende beging Jörg Kalt, "für Familie und Freunde unerwartet", Selbstmord. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.7.2007)

  • Der Filmregisseur und Autor Jörg Kalt
    foto: amour fou

    Der Filmregisseur und Autor Jörg Kalt

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