Generalisierte Abschreckung

11. Juli 2007, 17:47
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Wie Tiere genießbarer Beute fernbleiben, wenn sie der ungenießbaren ähnelt

London - Fressen und gefressen werden: Der ewige Wettlauf zwischen Jäger und Gejagtem ist einer der Hauptantriebe der Evolution und hat ständig neue Verteidigungsmechanismen hervorgebracht. So gibt es zum Beispiel diverse Schmetterlingsarten, die ihren Körper mit bitteren und giftigen Substanzen vollstopfen, um Angreifern den Appetit zu verderben. In der Regel sind solche Spezies auffällig gefärbt. Diese "aposematischen Arten" senden ein Warnsignal aus: "Achtung, ungenießbar!" Vögeln und anderen Räubern soll eine Abneigung anerzogen werden. Bis es allerdings soweit ist, müssen viele Individuen der giftigen Art ihr Leben lassen, denn meistens überleben sie die brutalen Attacken nicht.

Nicht jede Spezies verfügt über eine wirksame Verteidigung. Die meisten setzen auf Tarnung und verstecken sich, andere dagegen imitieren einfach nur das Aussehen der Wehrhaften und profitieren so von deren Abschreckungspotenzial. Fachleute bezeichnen dies als Mimikry. Oft sind solche Doppelgänger selbst vollkommen wehrlos, einige jedoch haben sich im Laufe der Zeit eigene Waffen zugelegt, auch wenn diese meist nicht so wirksam wie die ihrer Vorbilder sind. Man geht davon aus, dass die abwehrlosen Arten gewissermaßen auf der Erziehungsleistung der Aposematen parasitieren. Gilt das auch für die leicht bewaffneten? Um die komplexen Wechselwirkungen unter kontrollierten Bedingungen zu testen, entwarf ein Team aus finnischen und britischen Forschern eine bisher einzigartige Versuchsanordnung. Sie fingen wilde Kohlmeisen (Parus major) und ließen diese in speziell gestalteten Volieren Jagd auf künstliche "Beutetiere" machen. Letztere bestanden aus in Papier verpackten Mandelstückchen, welche von den Wissenschaftlern unterschiedlich markiert wurden. Es gab Getarnte, deren Äußeres sich kaum vom Kreuzmuster des Käfigbodens unterschied, und solche mit deutlich sichtbaren, schwarzen quadratischen Markierungen, entsprechend den Warnzeichen von Insekten in der Natur.

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Die Mandelstückchen der Auffälligen hatte man mit unterschiedlichen Konzentrationen einer bitteren Substanz behandelt, die unter Kreuzen getarnten Gegenstücke waren alle wohlschmeckend. Schon nach einer kurzen Trainingsphase zeigten sich die Meisen kooperativ und erkannten die Päckchen als potenzielles Futter. "Wir waren erstaunt über ihre Lernfähigkeit", berichtet die Biologin Hannah Rowland.

Die Forscher verglichen das Vorgehen der Vögel bei unterschiedlichen Angeboten an künstlicher Beute. Es waren immer 60 getarnte Päckchen vorhanden sowie wechselnde Anzahlen markierte, mit stark oder mild bitterem Inhalt. Ein einzelnes Experiment dauerte so lange, bis das Versuchstier 50 Päckchen auseinander genommen hatte. Dann ging es ans Auswerten.

Die Ergebnisse erschienen heute in der Fachzeitschrift Nature. Sie bestätigen erstmalig, dass Original und begrenzt wehrtaugliche Imitatoren gemeinsam die Wirksamkeit der Abschreckung verstärken. Beide profitieren. Ein noch halbwegs gut schmeckendes Exemplar wird verschmäht, wenn es dem ungenießbaren ähnelt. Die Meisen wichen eher auf das getarnte Futter aus, auch wenn sie mild-bittere Mandelstückchen durchaus verschluckten. Die Tiere lernen also nicht, zwischen verschieden gut schmeckenden "Opfern" zu unterschieden, sondern vielmehr, die Tarnung innerhalb der Umwelt (in diesem Fall Kreuze) als solche zu erkennen. (Kurt F. de Swaaf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. Juli 2007)

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