Falsche Diplomatie

4. Juli 2007, 18:34
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Die jüngste umfassende Umfrage des Pew Forschungsinstitutes ergibt in den letzten fünf Jahren in 26 von 33 Ländern einen Rückgang des Vertrauens zu den Vereinigten Staaten

Die US-Botschafterin Susan McCaw wird Österreich nach knapp einem Jahr "aus persönlichen Gründen" vorzeitig Ende des Jahres verlassen. Sie ist eine der 43 amerikanischen Botschafter, die als Nicht-Berufsdiplomaten ausschließlich wegen ihrer namhaften Zuschüsse für die Wahlkampagnen von Präsident Bush ohne diplomatische Erfahrung und Kenntnisse des Gastlandes ernannt wurden. In einem vernichtenden Aufsatz mit dem Titel "Botschaften zu verkaufen" hat kürzlich der bedeutende amerikanische Historiker Paul Kennedy die negativen Folgen dieser Praxis, sowohl für das Ansehen der USA als auch für die Stimmung im US-Außenministerium, beschrieben. In so wichtigen Staaten wie Deutschland, Italien, Brasilien und auch bei der Europäischen Union vertreten steinreiche Bush-Freunde die Vereinigten Staaten.

Auf seiner achttägigen europäischen Blitztour hatte Präsident George W. Bush unter anderem drei Stunden in Polen und acht in Albanien verbracht. Eine angenehme Ausnahme war Rom, wo er zwei Nächte in der Residenz seines alten Schulfreundes, des US-Botschafters Ronald Spogli, verbracht hatte. Er vertritt dort die USA, freilich nicht wegen der gemeinsamen Erinnerungen an die Harvard Business School, sondern schlicht und einfach deshalb, weil er jeweils 100.000 Dollar für die zwei Bush-Wahlkampagnen aufgebracht hat. Kennedy weist auch auf die merkwürdige Sitte hin, dass bei einem Präsidentenwechsel alle Botschafter demissionieren müssen. Er stellte die Frage: Wie wäre es, wenn alle Generäle auch abtreten müssten?

Es gab freilich auch positive Ausnahmen, wie zufällig zwei gebürtige Wiener - der "Time"-Chefredakteur Henry Grunwald, US-Botschafter in Wien, und der Bankier Felix Rohatyn in Paris. Man kann allerdings Paul Kennedy vorbehaltlos zustimmen: Die Praxis der Ernennung von reichen Amateuren trägt im Allgemeinen zur Schwächung des US-Ansehens bei.

Die jüngste umfassende Umfrage des Pew Forschungsinstitutes ergibt in den letzten fünf Jahren in 26 von 33 Ländern einen Rückgang des Vertrauens zu den Vereinigten Staaten. Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright verbindet die anti-amerikanische Stimmung mit dem Krieg im Irak, der "größten Katastrophe in der Geschichte der US-Außenpolitik." In Frankreich und Spanien haben jeweils 60 Prozent, in Deutschland sogar 66 Prozent der Befragten einen negativen Eindruck von den USA. Die positive Einstellung zu den amerikanischen Demokratieideen fiel zwischen 2002 und 2007 zum Beispiel von 64 auf 46 Prozent in Tschechien, von 54 auf 36 Prozent in der Slowakei und von 43 auf 23 Prozent in Frankreich.

Der berühmte Ausspruch des Dichters und Diplomaten Sir Henry Wotton wird oft zitiert: "Ein Botschafter ist ein ehrlicher Mann, der ins Ausland geschickt wird, um im Interesse seines Landes zu lügen." Dieses giftige Bonmot ist freilich kein Maßstab, um die Tätigkeit der Diplomaten zu beurteilen. Harold Nicolson zählt in seinem Buch "Diplomatie" als wichtigste Erfordernisse auf: Aufrichtigkeit, Präzision, Gemütsruhe und Bescheidenheit.

Die zitierten Umfragen lassen klar erkennen, dass gerade in der Zeit der Globalisierung eine von allen Seiten - oft ungerecht - kritisierte Weltmacht mehr denn je gut ausgebildete Diplomaten braucht. Es wirkt auch für den eigenen diplomatischen Dienst entmutigend, oft sogar empörend, wenn wohlhabende Industrielle, Immobilienmakler und Börsenspekulanten als US-Botschafter entsandt und die Aufstiegsmöglichkeiten der Berufsdiplomaten von vornherein eingeschränkt werden. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2007)

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