"Höhere Familienbeihilfe für Studierende"

22. Jänner 2008, 10:14
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Die neue Boku-Rektorin Ingela Bruner im STANDARD-Interview über ihre "normale" Frauenkarriere, Emanzen und wie sie die Studiengebühren "elegant" abdecken würde

Mit überraschenden Vorschlägen, die in der Rektorenkonferenz noch für einige Kontroversen sorgen dürften, lässt die erste Uni-Rektorin Österreichs im Standard-Interview aufhorchen: Ingela Bruner, die als neu gewählte Rektorin der Universität für Bodenkultur (Boku) als erste Frau eine staatliche Universität leiten wird, spricht sich klar gegen eine "von außen dekretierte Studienplatzbewirtschaftung" aus – jedenfalls für "ihre" Boku. Das wäre "katastrophal". Sie meint damit, wenn von der Politik gesagt würde, so viele Plätze werden finanziert, so viele können studieren. Die bis jetzt rein männlich zusammengesetzte Rektorenkonferenz fordert eben diese Studienplatzbewirtschaftung seit Langem. Die Studiengebühr möchte Bruner "elegant abdecken" durch eine "Erhöhung der Familienbeihilfe um monatlich 60 Euro" für Studierende. Mit ihr sprach Lisa Nimmervoll.

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Standard: Welche Bedeutung messen Sie selbst der Tatsache bei, dass sie als erste Frau die Uni-Spitze erklommen haben?

Bruner: Mir kommt das ganz normal vor. Aber es ist auch eine Verantwortung, dass es nicht bei einer Rektorin bleibt. Ich freue mich und warte auf Rektorin Nummer zwei, drei und weitere, und werde mich da sicher engagieren.

Standard: Für Sie ist es ganz normal. Die Zahlen zeigen eine andere "Normalität". Je höher die Hierarchie, umso männlicher. Warum ist das in Österreich noch immer "normal"?

Bruner: Ich habe dazu einen Gedankenansatz. Wenn die Entscheidungsgremien ausgeglichen besetzt werden könnten und müssten, bin ich überzeugt, dass Bewegung hineinkommen würde. Die öffentliche Hand könnte das machen.

Standard: Ein Plädoyer für Quoten in diesen Gremien?

Bruner: Ich mag den Begriff Quoten nicht, aber paritätisch ja. In einem Land, wo es ein hohes Verständnis für die paritätische Besetzung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gibt, denke ich, müsste es auch eine Selbstverständlichkeit sein, dass man auch zwischen Männern und Frauen paritätisch besetzt.

Standard: Sind Sie Emanze?

Bruner: Was ist eine Emanze?

Standard: Vermutlich wird das jeder Frau "vorgeworfen", die wie Sie alles will: Top-Karriere und Familie auch noch dazu.

Bruner: Mir bedeuten Familie und Freunde sehr viel. Ohne die könnte ich mir das alles gar nicht vorstellen. Das Frau- Sein würde ich nie negieren.

Standard: Wie würden Sie heute in Zeiten der "Autonomie" der Unis die politische Verantwortung des Staates oder des Ministeriums definieren?

Bruner: Das Themenfeld Autonomie, Unabhängigkeit und Freiheit der Universitäten ist wichtig. Ich werde sicher darum kämpfen, dass die autonomen Unis ihre Freiheit nicht verlieren. Es ist die Verantwortung des Wissenschaftsministeriums, uns zu unterstützen, zu begleiten, zu schützen, damit die Freiheit gewahrt bleibt.

Standard: Universitäre Freiheit hat sicher auch mit den zur Verfügung stehenden Finanzen zu tun. Haben die Universitäten im Moment genug Geld?

Bruner: Nein. Es ist sicher nicht genug Geld im Hochschulsystem. Geld wird auf so vielen Ebenen benötigt – für Infrastruktur, für die Finanzierung der bestmöglichen Rahmenbedingungen für das Studieren, vor allem für unseren wissenschaftlichen Nachwuchs und die Forschung. Ich kenne beide Seiten der Forschung: in der Wirtschaft und in der Wissenschaft. Die Forschung ist wie eine Pipeline. Diese "Pipeline"“ muss wirklich von den allerersten Gedanken im Erforschen neuen Wissens zur angewandten Forschung und Produktentwicklung reichen. Nur der Staat kann dies sicherstellen. Deswegen mein Plädoyer, dass unser Steuergeld im Bildungs- und Forschungsbereich sehr gut investiert ist.

Standard: Sind die Unis heute noch Stätten für Humboldts Geist, der die Einheit von Forschung und Lehre propagiert?

Bruner: Die Universität muss ein Hort des Denkens sein, des Diskurses, wo auch Richtungsstreite möglich sind. Nur Universitäten können wirklich Orientierungshilfe für die Gesellschaft sein. Dafür brauchen wir unsere Boku. Die Wirtschaft steht vor quartalsmäßigem Erfolg, vor der Konfrontation mit Analysten, auch die Periode der Politiker und Politikerinnen ist relativ kurz. Die Unis als langlebige Institutionen sind wahrscheinlich einer der wichtigsten Beiträge zur Demokratie.

Standard: Womit dürfen oder müssen die Angehörigen und Studierenden der Boku unter Rektorin Bruner rechnen? Alles neu, alles umgekrempelt?

Bruner: Umkrempeln gehört sicher nicht zu meinem Vokabular. Die Boku-Angehörigen und Studierenden dürfen damit rechnen, dass ich zuhören werde. Das setzt auf beiden Seiten Offenheit und Ehrlichkeit voraus. Ich werde Transparenz bieten und einfordern. Mir ist ein partizipativer Führungsstil wichtig. Die Einbindung in Entscheidungen, auch wenn ich weiß, dass es Entscheidungen gibt, die ich auch alleine treffen werde.

Standard: Sie übernehmen eine relativ unpopuläre Entscheidung Ihres Vorgängers. Werden Sie die Teilabsiedlung nach Tulln basisdemokratisch rückgängig machen?

Bruner: Der Vertrag ist unterschrieben. Ich muss jetzt Einblick in den Vertrag und in den Stand der Verhandlungen nehmen. Wenn Tulln, dann muss Tulln ein Erfolg werden. Das setzt kompromisslose Qualitätsanforderungen voraus und die Bereitschaft, auch mir die Zeit zu geben, dass wir das in Tulln bestmöglich sicherstellen können.

Standard: Sollen jeder und jede alles studieren dürfen?

Bruner: Wir müssen alles tun, um den angehenden Studentinnen und Studenten zur Seite zu stehen, um ihnen die bestmögliche Studienwahl zu erleichtern. Das ist die Verantwortung der Unis selbst, sie kann uns nicht abgenommen werden. Von mir kommt ein ganz klares Plädoyer für die offene Tür der Boku. Das ist mir ein Herzensanliegen.

Standard: Die Empfehlung des Wissenschaftsrats nach obligatorischen Zulassungsverfahren an allen Universitäten und in allen Fächern lehnen Sie ab?

Bruner: Mein Wunsch wäre ein Pilotprojekt an der Boku. Das heißt ein Selbsttest im Rahmen des Inskriptionsverfahrens, der nicht benotet wird. Dazu ein Motivationsschreiben und idealerweise ein persönliches Gespräch. Es geht um die Auseinandersetzung zwischen Interessen, Begabungen und Anforderungen. Ein solches Verfahren ist sicher aufwändig, zeit- und geldintensiv, wäre aber eine notwendige Investition. Numerus Clausus lehne ich kategorisch ab. Und was ich für katastrophal erachte, wäre eine von außen dekretierte Studienplatzbewirtschaftung für die Boku.

Standard: Da haben Sie viel Diskussionsstoff für die Rektorenkonferenz. Die Herren Rektoren wünschen sich das nämlich schon lange.

Bruner: Für diesen Diskurs stehe ich mit größter Freude zur Verfügung. Ich glaube, dass die Rahmenbedingungen für die großen Universitäten andere sind als für kleinen, spezielleren Unis.

Standard: Die Rektorenkonferenz kritisiert wie viele andere die frühe Trennung der Kinder mit zehn Jahren in Hauptschüler und AHS-Schüler als mitverantwortlich für die geringe Studierendenzahl. Was ist Ihre Meinung dazu?

Bruner: Ich ergänze mit einer Forderung nach einem verpflichtendem Vorschuljahr.

Standard: Hätten Sie, falls sie die verantwortliche Politikerin gewesen wären, auch die Studiengebühren eingeführt?

Bruner: Auch wenn ich über den Diskussionsverlauf im vergangenen Herbst sehr unglücklich war, so lautet ein englisches Sprichwort "Never cry over spilled milk." Einen Lösungsansatz hätte ich, der leicht administrierbar wäre: die Erhöhung der Familienbeihilfe um monatlich 60 Euro für die jungen Menschen, die sich in der tertiären Ausbildung an Unis befinden. Für diese elegante Abdeckung der Studiengebühren trete ich ein. Das wäre durchaus vertretbar. (DER STANDARD Printausgabe, 5. Juli 2007)

Zur Person
Ingela Bruner (54) hat einen bunten, polyglotten und in vielem doch ungewöhnlichen Lebenslauf. Geboren wurde die freie Wissenschaftsmanagerin als Tochter eines kanadischen UNO-Diplomaten und einer schwedischen Mutter, zuerst auch im diplomatischen Dienst, dann Schriftstellerin, in Schweden. Ingela (damals noch Newton) landete bereits als Baby mit ihrer Familie im Nahen Osten, dann in Paris, Neu-Delhi, nochmal Paris und später in Wien, wo sie mit 16 Jahren das „Baccalaureat“ im französischen Schulsystem abschloss. Nebenwirkung des Nomadentums: Sie kann Französisch, Englisch, Schwedisch und Deutsch. 1979 promovierte Bruner als erste Frau in Österreich an der TU Wien in Maschinenbau. Dort lernte sie ihren Mann, auch Maschinenbauer, kennen. Tochter Mimi ist 19. Die neue Rektorin war bereits Gründungspräsidentin der Donau-Uni Krems und davor OMV-Forschungsdirektorin. (nim)

  • Ingela Bruner will "alles tun, um den angehenden Studentinnen und Studenten zur Seite zu stehen, um ihnen die bestmögliche Studienwahl zu erleichtern."
    foto: standard/cremer

    Ingela Bruner will "alles tun, um den angehenden Studentinnen und Studenten zur Seite zu stehen, um ihnen die bestmögliche Studienwahl zu erleichtern."

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