"Hier alt zu werden, war nie vorgesehen"

5. Juli 2007, 22:08
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Soziologe Christoph Reinprecht im derStandard.at-Interview über das prekäre Altern von ArbeitsmigrantInnen nach der Gastarbeit

Der Wiener Soziologieprofessor Christoph Reinprecht forscht seit über zehn Jahren zum Thema Migration und Altern. Im Zuge seiner Projekte beschäftigt er sich besonders mit der Lebensrealität von älteren ArbeitsmigrantInnen, die ab Anfang der 1960er-Jahre aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei nach Österreich zugewandert sind. derStandard.at sprach mit ihm über den Alltag dieser Menschen, ihre Fragen und Probleme nach der Pensionierung, den Traum von der Rückkehr ins Herkunftsland und über Österreich als "Einwanderungland wider Willen".

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derStandard.at: Ihr Forschungsschwerpunkt ist das prekäre Altern in der Einwanderungsgesellschaft nach der Gastarbeit. Was genau ist daran prekär?
Christoph Reinprecht: Das prekäre Altern bezieht sich ganz besonders auf die ArbeitsmigrantInnen der ersten Generation, die seit den 60er-Jahren nach Österreich gekommen ist. Wenn man versucht, die Situation dieser Gruppe zu umreißen, dann erlaubt schon der Begriff "Ältere ArbeitsmigrantInnen" eine erste Annäherung: Die Merkmale Alter, Arbeit und Migration wirken hier zusammen.

Es ist nicht das Faktum Alter und Migration alleine - zu den über 50-jährigen MigrantInnen zählen ja auch noch andere Gruppen, etwa Personen, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit oder als Flüchtlinge gekommen sind - sondern Alter und Migration vermittelt über Arbeit, also über ganz bestimmte soziale Positionierungen, die vorgenommen wurden: Es geht hier um MigrantInnen, die als Arbeitskräfte angeworben wurden, um befristet in Österreich zu bleiben. Ein Teil ist danach zurückgegangen, ein Teil ist geblieben. Jene, die geblieben sind, sind als ArbeiterInnen gekommen, im ArbeiterInnenstatus verblieben und haben die unteren, niedrig entlohnten, körperlich verschleißenden Segmente des Arbeitsmarktes nicht verlassen können.

derStandard.at: Mit welchen Problemen sind diese Menschen konfrontiert?
Reinprecht: In den unteren Segmenten des Arbeitsmarktes beim Übergang in das Alter erwerbstätig zu sein, heißt, ganz unabhängig vom Faktor Migration, ein hohes Risiko der Altersarbeitslosigkeit, gesundheitliche Probleme infolge anstrengender körperlicher Tätigkeit und niedrige Einkommen, die sich in geringen Pensionen fortsetzen. Bei den ehemaligen GastarbeiterInnen kommt nun zusätzlich der Faktor Migration ins Spiel – der dafür gesorgt hat, dass die Betroffenen zusätzlich zu ihren niedrigen Statuspositionen mit erheblicher Unsicherheit konfrontiert waren und sind: Die Art und Weise, wie Gastarbeit organisiert war, zielte darauf ab, diese Personengruppe in instabilen Positionen zu halten, damit wurde soziale Mobilität erschwert und ihre Verfügbarkeit als Arbeitskraft erhöht.

Darüber hinaus verfügt diese Personengruppe häufig über kürzere und lückenhafte Versicherungszeiten, was den Übergang in die Pension sehr viel schwieriger gestaltet bzw. hinauszögert. Der Zugang zu den tragenden und stützenden Institutionen des Wohlfahrtsstaates erweist sich insgesamt als hürdenreich.

derStandard.at: Was bedeutet Älterwerden für diese Personengruppe?
Reinprecht: Der Alterungsprozess ist für GastarbeiterInnen deshalb so prekär, weil zum einen die Belastungen, denen ArbeiterInnen insgesamt ausgesetzt sind, durch das Faktum der Migration verschärft werden. Die innere Vorbereitung darauf, was es heißt, älter zu werden, und dies auch zu strukturieren und zu planen, das fällt bei vielen weg, weil das Älterwerden in Österreich ursprünglich nicht vorgesehen war. Ich bezeichne das als eine "Leerstelle" im Prozess der Migration: Weder die Politik, die GastarbeiterInnen angeworben hat, noch die ArbeiterInnen, die gekommen sind, haben an das Älterwerden hier gedacht. Beide Seiten dachten an Rückkehr.

derStandard.at: Wie war die Situation in den 60er-Jahren, als die ArbeitsmigrantInnen nach Österreich gekommen sind? Was hat sie hier erwartet? Reinprecht: In der ersten Welle in den 1960er-Jahren bis zum Anwerbestopp nach der Ölkrise 1973 wurden Arbeitskräfte gezielt im Ausland angeworben: In Städten wie Ankara oder Belgrad gab es dafür Büros der österreichischen Handelskammer in Kooperation mit den Botschaften. Frauen wurden vorrangig für die Nahrungsmittel- und Textilindustrie gesucht, Männer für den Bau oder andere nicht verstaatlichte Branchen der Industrie. Die Arbeitgeber haben den Beschäftigungsvertrag für die ArbeitnehmerInnen beantragt.

Die Idee war zunächst, die Arbeitskräfte in einem Rotationssystem für zwei bis drei Jahre hier zu beschäftigen, und dann sollten neue kommen. Allerdings waren die Arbeitgeber nicht daran interessiert, MitarbeiterInnen, die sich bewährt haben, wieder weg zu schicken – und es haben sich viele bewährt, weil sie ja gekommen waren, um Geld zu verdienen und Leistung zu erbringen.

derStandard.at: Sie sprechen von Österreich als "Einwanderungland wider Willen" und davon, dass Österreich sich lange nicht als Einwanderungsgesellschaft sehen wollte...
Reinprecht: Ein Drittel der Bevölkerung Wiens ist nicht in Österreich geboren – selbst unter den über 50-Jährigen ist etwa ein Fünftel außerhalb Österreichs geboren. Die Zahl der über 50-jährigen ArbeitsmigrantInnen hat sich innerhalb der letzten 15 bis 20 Jahre etwa verzehnfacht – also ein enormer Zuwachs. Aber: Österreich hat sich sehr, sehr lange gegen den Gedanken gesträubt, dass die Einwanderung ein Element dieses Landes ist, ein Element, das auch dazu beiträgt, dass sich dieses Land weiter entwickeln kann.

Seit einigen Jahren ist ein Umdenkprozess zu beobachten, der dazu führt, dass Österreich stärker als früher den Gedanken, faktisch eine Einwanderungsgesellschaft zu sein, in das Selbstkonzept hereinnimmt. Wenn etwas faktisch ist, dann muss man sich irgendwann auch damit auseinandersetzen. Eine konkrete Folge etwa war, dass im Zuge der bislang letzten Volkszählung 2001 das bis dahin geltende Staatsbürgerschaftsprinzip durchbrochen wurde, indem auch das Geburtsland erhoben wurde.

derStandard.at: Was bedeuten das bisherige "Nicht-sehen-wollen" und das aktuelle Umdenken für die Situation von MigrantInnen 50+?
Reinprecht: Mir fällt dazu ein bekanntes Zitat aus einem Gedicht von Bertold Brecht ein: "Wo gingen die Maurer am Abend hin, als die große Mauer fertig war?". Das Gedicht ist in einem anderen Zusammenhang entstanden, aber die Situation ist ähnlich: Die ArbeitsmigrantInnen haben ihre Arbeit getan und die Gesellschaft putzt sich die Hände ab und beschäftigt sich nicht weiter mit ihnen – vielleicht in der impliziten Annahme, dass sie "eh zurückgehen" werden. Dass ein Teil geblieben ist, dass sich die Frage der zweiten Generation ganz stark stellt, zum Beispiel in den Schulen, und dass diese Frage natürlich mit deren Eltern verbunden ist, die auch hier leben - diese Verknüpfung wurde kurioserweise nicht vorgenommen.

derStandard.at: Wie wirkt sich das auf den Alltag der Betroffenen aus? Wie leben ältere ArbeitsmigrantInnen?
Reinprecht: Es ist schwierig, das generell zu beantworten, aber es gibt ein paar Punkte, die fast alle Menschen dieser Gruppe betreffen: Zum einen haben viele sehr geringe materielle Ressourcen, wobei der Familienverband hier teilweise ausgleichen kann. Zweitens leben viele in beengten und schlecht ausgestatteten Wohnverhältnissen: Der Anteil der Kategorie-D-Wohnungen ist hoch, die Wohnungen sind vielfach überdurchschnittlich klein.

Im Alltag älterer ArbeitsmigrantInnen spielt die Familie häufig eine entscheidende Rolle: Im Familienverband erhalten viele ältere MigrantInnen eine Funktion, die Anerkennung und Achtung sicherstellt. Im Alltag bedeutet das, sehr stark auf die Verwandtschaft und die Familie hin orientiert zu leben. Durch diese Abhängigkeit ist aber die Angst davor, im Stich gelassen zu werden, keine anderen Kontakte mehr zu haben, und letztlich isoliert und in der Fremde einsam zu sein, überaus ausgeprägt. Es ist interessant zu beobachten, dass Familie und Verwandtschaft den Älteren Schutz und Aufgaben geben, gleichzeitig aber Abhängigkeit und Ängste erzeugen. Für unsere Forschungen war das eine der ganz zentralen Einsichten, diese Ambivalenz der so genannten starken sozialen Netze.

derStandard.at: Wo liegt dabei der konkrete Unterschied zu einheimischen älteren Menschen – die genannten Ängste sind ja häufig auch bei diesen zu beobachten...
Reinprecht: Das Älterwerden ist bei den einheimischen Älteren zwar auch mit Sorgen befrachtet, doch sind diese weniger stark ausgeprägt. Sie beherrschen die Sprache, verfügen über Ortskenntnisse, Wissen, Zugang zu Informationen, Kontakte mit Personen außerhalb der Familie. Sehr viel davon fehlt älteren MigrantInnen.

derStandard.at: Ist das Thema Altersheim eine Option für MigrantInnen?
Reinprecht: Ich würde sagen, das ist wie bei den einheimischen älteren Menschen: Der überwiegende Teil der Pflege und Versorgung wird von der Familie und von Verwandten geleistet. In dem Augenblick jedoch, wo dauerhafte Pflege nötig ist und entsprechende alters- und pflegebezogene Kompetenzen erforderlich sind, ist die Familie überfordert.

Objektiv gesehen gibt es einen sehr hohen Bedarf an Pflege und Betreuung, im stationären wie im ambulanten Beerich, aber es gibt teilweise auch relativ starke Vorbehalte gegenüber diesen Einrichtungen. Das hat zum einen damit zu tun, dass man die Institutionen nicht kennt und man mit Institutionen generell häufig schlechte Erfahrungen gemacht hat. Teilweise gibt es auch kulturelle Vorbehalte. Dazu kommt, dass die Betreuung im Pflegeheim nicht vorübergehend, sondern in den meisten Fällen dauerhaft nötig ist – der Lebensmittelpunkt verlagert sich, und zwar weg vom zentralen und schützenden Familienzusammenhang.

derStandard.at: Es gibt also tendenziell sehr wenige MigrantInnen in österreichischen Alters- und Pflegeheimen?
Reinprecht: In Pensionistenwohnhäusern leben nur sehr vereinzelt MigrantInnen, da der Zugang zu den nicht-privaten Einrichtungen häufig noch immer an die österreichische Staatsbürgerschaft gekoppelt ist. Bei den Pflegeheimen ist die Situation etwas anders, hier ist aber aus den genannten Gründen der Widerstand groß. Wie hoch der Anteil von MigrantInnen in Altenwohnhäusern und Pflegeheimen aber tatsächlich ist, das wissen wir nicht – darüber gibt es keine Zahlen und keine Forschung. Hier kommen wir wieder zur "Leerstelle" des Alterns in der Migration zurück: Es hat sich lange niemand Gedanken darüber gemacht, Pflege-, Wohn- und Altersheime für MigrantInnen zu adaptieren – das gehört zur Verneinung des Problems. Ganz langsam beginnt aber auch in diesen Einrichtungen ein Wandel, und man fängt an, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

derStandard.at: Wie stark ist heute noch das Interesse der ersten GastarbeiterInnen-Generation, in ihr Herkunftsland zurückzugehen?
Reinprecht: Die meisten ArbeiterInnen kamen mit dem Wunsch, irgendwann wieder zurückzugehen, aber die Lebensdynamik durchkreuzte diese Pläne. Die Migrationsforschung spricht in diesem Zusammenhang von "Einwanderung ohne Einwanderungsentscheidung". Mit der Pensionierung wird der ursprüngliche Rückkehrwunsch vielfach re-aktualisiert, die faktische Lebensrealität steht zu seiner Verwirklichung jedoch in Widerspruch: So leben die Kinder mit ihren Familien hier, die Brücken ins Herkunftsland erweisen sich bei näherer Hinsicht als weniger tragfähig als gedacht, schließlich erschweren die gesundheitlichen und materiellen Ressourcen eine Remigration. Daher bleiben vielfach auch jene, die dies nicht vorhatten, nach der Pensionierung in Österreich.

Der Verbleib im Migrationsland beruht jedoch keineswegs nur auf einer Nicht-Realisierung des Rückkehrwunsches, für viele MigrantInnen ist die Bleibeentscheidung durchaus positiv besetzt.

derStandard.at: Welche Gedanken und Fragen beschäftigen ältere MigrantInnen, wenn sie sich aus dem Erwerbsleben zurückziehen?
Reinprecht: Migration ist ein lebensgeschichtliches Projekt. Die Motivation des Kommens hat sehr viel zu tun mit dem Lebensgefühl im Alter: Jene MigrantInnen, die das Gefühl haben, sie konnten sich durch die Wanderung selbst verwirklichen oder für ihre Kinder etwas schaffen, ihnen etwas mitgeben, sind im Alter oft zufriedener. Deshalb lässt sich das Thema Altern und Migration nicht auf eine materielle Dimension reduzieren, sondern berührt die Frage des Gelingens des Lebens in seiner ganzen Vielschichtigkeit.

(Das Interview führte Isabella Lechner.)

>>>Lesen Sie hier das Interview in der Langversion

Zur Person:
Christoph Reinprecht ist Professor für Soziologie an der Universität Wien. Aktuelle Forschungen zur Lebenssituation und sozialen Partizipation älterer ArbeitsmigrantInnen, zu den Bewältigungsstrategien von Jugendlichen in prekärer Beschäftigung sowie zur Lebensqualität in benachteiligten Stadtregionen.

Reinprecht leitete in den Jahren 1997-1999 sowie 2002-2005 zwei umfangreiche empirische Forschungsprojekte zum Thema Altern und Migration in Wien und ist in diesem Bereich auch in mehrere europäische Forschungskooperationen involviert. Sein Buch "Nach der Gastarbeit. Prekäres Altern in der Einwanderungsgesellschaft" erschien 2006 im Braumüller Verlag, Wien.

  • Soziologe und Experte für "Alter und Migration" Christoph Reinprecht
    foto: privat

    Soziologe und Experte für "Alter und Migration" Christoph Reinprecht

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