Das Jahrhundert der Auswanderung

7. Juli 2007, 13:00
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Über die Hamburger "BallinStadt" verließen fünf Millionen Menschen den Kontinent - ein Viertel stammte aus der österreichisch-ungarischen Monarchie

Hamburg - Drei niedrige Ziegelbauten in einer grünen Wiese am Stadtrand von Hamburg erinnern an fünf Millionen Menschen, die an dieser Stelle Europa verlassen haben, um in Übersee ein neues Leben zu beginnen: Die Erlebniswelt BallinStadt, ein modernes Museum über die Auswanderer, wurde diese Woche im Stadtteil Veddel eröffnet.

Ein Viertel der Emigranten und Emigrantinnen, die hier zwischen 1850 und 1934 Richtung USA ablegten, stammte aus der österreichisch-ungarischen Monarchie. Meist waren es wirtschaftliche Gründe, welche die Menschen aus ihrer Heimat trieben - ähnlich wie bei der größten Emigrationsgruppe, den Deutschen. BesucherInnen des Museums können an Terminals kostenlos in den Passagierlisten nach den Namen Verwandter stöbern, die über Hamburg ausgewandert sind.

Anders verhielt es bei der drittstärksten Auswanderer-Gruppe, jener aus Russland: Nach den polnischen Teilungen und unter der Herrschaft des russischen Zaren war es zu Pogromen an der jüdischen Bevölkerung gekommen. Vielen von ihnen blieb nur die Flucht nach Übersee.

Geschäftschance

Albert Ballin, ein aus Dänemark stammender Jude, der später Generaldirektor der größten Schifffahrtslinie der Welt, der Hapag, wurde, erkannte die Geschäftschance. Nach einer Choleraepidemie 1892 hatte die Stadt Hamburg keine weiteren Auswanderungen über die Stadt mehr zugelassen. Ballin gründete eine Agentur und baute am Stadtrand auf 60.000 Quadratmetern 30 Auswandererhallen mit besonderen hygienischen Standards, so dass Emigration über Hamburg wieder möglich wurde. Geschäfte, ein Hafen, eine Kirche und Speisesäle machten aus dem abgezäunten Areal eine kleine Stadt. Für Juden ließ Ballin eine Synagoge und einen Speisesaal für koschere Verpflegung bauen. Bis zu 5.000 Menschen konnten hier gleichzeitig untergebracht werden.

Von den 30 Bauten blieb nur ein einziger erhalten. Die beiden anderen des nunmehrigen Museums wurden nach alten Plänen wieder errichtet. 13 Millionen Euro wurden in den vergangenen beiden Jahren von der Stadt und von Sponsoren in den Museumsbau gesteckt.

Erfahrungsberichte

Lebensgroße Puppen in historischem Gewand erzählen den BesucherInnen ihr Schicksal, an alten Telefonapparaten können die Erfahrungen von Ausgewanderten in der Neuen Welt gehört werden. Auf Knopfdruck lassen sich Texte auf ein riesiges Buch projizieren, in denen über die Gründe der Auswanderung Auskunft gegeben wird.

Im mittleren Bau wurde ein Schiffsbug nachgebaut, in dem der Chaplin-Film "The Imigrant" gespielt wird. Nach Verlassen des Schiffs findet sich der Besucher in Ellis Island vor New York. Mehr als 80 Prozent der Emigranten und Emigrantinnen blieben nach ihrer Ankunft in den USA. Von dort erhoffen sich die Veranstalter auch regen Besuch des Hamburger Museums, denn immerhin jeder fünfte Amerikaner hat Vorfahren aus Deutschland. (APA)

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    Plakat der typischen Ladung eines Dampfers, der Auswanderungswillige nach Amerika brachte

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