Bild eines feministischen Bildes

5. Juli 2007, 07:00
2 Postings

Bestimmte Ambivalenzen des Feminismus werden in der MAK-Ausstellung "Held together with water" ausgelassen - eine Kritik

Bestimmte Ambivalenzen des Feminismus wie die angebliche Konzentration auf Körper-Performanz versus die raumgreifende Kunst von Künstlerinnen wie Valie Export werden in der MAK-Ausstellung "Held together with water" ausgelassen. Eine Kritik von Kerstin Kellermann.

Wien – Vor kurzem wanderten hier noch riesige, schwarze Schriften über den Boden, die Wände und die Decke. Der große Saal im Museum für Angewandte Kunst war von oben bis unten voll mit einer Lichtinstallationen der Künstlerin Jenny Holzer, die Textausschnitte aus Elfriede Jelineks "Die Liebhaberinnen" (1975) und "Die Ausgesperrten" (1980) zum Klettern brachte. Nun steht ein Persönchen mit grauen, langen Haaren in der Mitte des Saales und spricht über die "Kunst des Feminismus", denn "es gibt keine feministische Kunst, sondern allein Kunst, die von feministischer Praxis und Theorie beeinflusst wurde." Die Kunsthistorikerin Abigail Solomon-Godeau wundert sich, dass sie das Werk der österreichischen Künstlerin Birgit Jürgenssen erst so spät, sprich anlässlich der Ausstellung, entdeckte. Feministinnen überall und viele Künstlerinnen werden erst jetzt mit dem romantischen Revival wieder entdeckt. "Doch während die Erkenntnisse der feministischen Kritik inzwischen generell Eingang ins progressive Denken gefunden haben, ist – von einigen bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen – die feministisch beeinflusste Kunst, die parallel zur Herausbildung einer feministischen Theorie entstand, nicht auf vergleichbare Weise akzeptiert oder integriert worden", analysiert Solomon-Godeau.

Anders als in der äußerst lebendigen Ausstellung, in der Museumsdirektor Edelbert Köb vor einigen Jahren im Museumsquartier Flugblätter, Plakate, Fotos der feministischen Bewegung zeigte, die ihm von diversen feministischen Gruppen persönlich vermacht worden waren, werden im MAK in der Ausstellung aus der Sammlung Verbund großteils hintergründige "Selbstporträts" von Künstlerinnen aus den 70er Jahren gezeigt. Unter dem Titel "Perfomanz" gibt es z.B. frühe Werke von Cindy Sherman zu sehen, in denen sie sich in verschiedenen Verkleidungen selbst ablichtete. Identität, eine Debatten-Strömung unserer Zeit, ist das Thema. "Sherman zeigt keine isoliert fassbare Identität, sondern führt uns eine 'Vielheit von Möglichkeiten bestehender Identitäten' vor und wir können erahnen, wie 'Identität durch die Übernahme von Rollen sozial konstituiert sein kann'", schreibt Kuratorin Gabriele Schor im Katalog. Wobei Sherman vor allem der Zustand der Ambivalenz interessierte: "The female characters I took on were really ambivalent about themselves and the world around them..., it was that ambivalence I was interested in." 1966 verkleidete sich die 12-jährige Cindy Sherman gemeinsam mit einer Freundin als alte Dame: "Bald darauf sollte das Auffächern von Identitäten, die Zersplitterung des Subjekts und die Maskerade zum künstlerischen Prinzip erhoben werden", schreibt Schor. "Gender" was born...

Bessere Hälften

Die zweite Hälfte der MAK-Ausstellung zum Thema "Räume/Orte" zeigt, um es ganz klassisch "altmodisch" feministisch zu kritisieren, beinahe ausschließlich Werke von Männern. "Zeitlich parallel zur 'performativen Wende' begann sich auch eine andere künstlerische Strömung heraus zu bilden, die als 'Verräumlichung der Kunst' bezeichnet wird", schreibt Schor. Bilder von urbanen Randgebieten oder Fördertürme, Gasbehälter oder Kalköfen sind z.B. hier ohne Menschen ins Bild gesetzt. An der "Schnittstelle" (wie im Katalog steht) zwischen "Performanz" und "Räume/Orte" werden zwei Künstlerinnen präsentiert. Loan Nguyen stellt Figuren in leere Landschaften.

Laura Ribero inszeniert sich als melancholisches Hausmädchen. "Die Performanz verliert hier ihre autonome Logik und verbindet sich mit einem spezifischen Ort", meint Kuratorin Gabriele Schor. Schwierig wird es aber beim nächsten Satz: "Nguyens performativer Akt ist aber von sensibler Zurückhaltung, die sich dem Ort meditativ angleicht und ihm seine eigene Poesie belässt." Künstlerinnen ordnen sich Räumen "meditativ" unter statt raumgreifend zu wirken. Hier zeigt sich ein grundlegender Widerspruch, der sich durch die Verbund-Ausstellung in ihrer Aufteilung nach "Performanz" und "Räume/Orte" zieht. Es ist nämlich ein Missverständnis, dass feministische Künstlerinnen in den 70er Jahren ausschließlich allein im stillen Kämmerlein mit Spiegel oder ohne, mit ihrem eigenen Körper als künstlerischem Mittel gearbeitet hätten. Verkürzt und eben "altmodisch"-feministisch könnte frau der Ausstellung eine alte Zweiteilung unterstellen: "Die Festschreibung eines scheinbar getrennten gesellschaftlichen Außen (Öffentlichkeit) und individuellen Innen (Privatheit) gehört zu den vernaturalisierten Konstanten der Geschlechtergeschichte", schrieb die Wiener Kunsthistorikerin Irene Nierhaus in einer Architekturzeitschrift zum Thema "Geschlecht und Raum". Auch in den 70er Jahren betrieben feministische Künstlerinnen bereits raumgreifende Kunst.

Überlagerung durch Körperbilder

2005 stellte Valie Export im Wiener Ambrosi-Museum "Serien" von Landschaften, Häusern, Straßen, Leitern und Zügen aus. In Brüchen, Verzerrungen und in verschiedenen Winkeln und Wiederholungen. Es ging ihr um die Zurichtung des Wirklichen mit Hilfe der fotografischen Apparatur, um die "unhaltbare Illusion eines objektiv Sichtbaren", um die "Darstellung der Vorstellung der Wahrnehmung" (Export). Es kommt zu einer Spaltung des Blicks über die Beweglichkeit der Kamera. Im Riss, im Schnitt sehen wir ein für uns neues, ebenfalls "wirkliches" Bild. Der Grossteil der im Ambrosi-Museum ausgestellten Arbeiten stammt aus den gleichen 70er Jahren, wie Exports berühmte Perfomance-Fotos, z.B. die vom Verbund angekaufte "Aktionshose: Genital-Panik" (1969). Bloß wurden diese anscheinend bisher nicht so beachtet, von den provokanten, spektakulären Körperbildern überlagert.

"In unseren Köpfen haben wir kein Foto, sondern das Bild eines Bildes", erklärte Valie Export damals. Sie wollte mit ihren Fotos, mit den Brüchen in ihren Bildern, bewusste Transformationen möglich machen: Die Grenzen zwischen realer und möglicher Wirklichkeit sollen sich öffnen, eine bewusste Zwischenzone, die zwischen der Wirklichkeit und ihrem Abbild liegt, entstehen. Noch eine Klammer zu den Körper-Performances. "Ich trenne nicht die feministische Theorie von der Praxis", sagt Abigail Solomon-Godeau vor Valie Exports Fotos im Wiener MAK. "Ihre Praxis produzierte Theorie." "Gerade weil sie eine solche Vielfalt an Materialien, Methoden, Medien und Bezügen aufweist, ist die schöne Kunst des Feminismus, wie ich sie hier nenne, nicht ohne weiteres zu definieren", schreibt Solomon-Godeau im Katalog.

Link

Feminismus ist Politik
Abigail Solomon-Godeau, führende feministische Kunsthistorikerin und Autorin, kam zu einem Vortrag über die feministische Avantgarde nach Wien

  • Cindy Sherman
Untitled Film Still # 17, 1978
S/W-Fotografie auf Barytpapier, 20,3 x 25,4 cm
    foto: mak/cindy sherman/courtesy metro pictures, new york
    Cindy Sherman
    Untitled Film Still # 17, 1978
    S/W-Fotografie auf Barytpapier, 20,3 x 25,4 cm
  • Bernd und Hilla BecherFördertürme, Deutschland, Frankreich und Belgien, 1966-1975
    foto: mak/bernd und hilla becher/sammlung verbund
    Bernd und Hilla Becher
    Fördertürme, Deutschland, Frankreich und Belgien, 1966-1975
  • Valie Export
Körperkonfiguration, 1972
s/w Fotografie, schwarze Tusche
(Dieses Bild wird nicht im Rahmen der Ausstellung gezeigt, sondern von Valie Export über die Charim Galerie für dieStandard.at zur Verfügung gestellt)
    foto: valie export/charim galerie
    Valie Export
    Körperkonfiguration, 1972
    s/w Fotografie, schwarze Tusche
    (Dieses Bild wird nicht im Rahmen der Ausstellung gezeigt, sondern von Valie Export über die Charim Galerie für dieStandard.at zur Verfügung gestellt)
Share if you care.