Versorgung für Wohnungslose

5. Oktober 2007, 16:46
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Der Verein neunerHAUS und FEM bieten erstmals nachhaltig gesundheitliche Versorgung für Obdachlose in Wien

Wien - "Wohnungslosigkeit bedeutet ein Leben unter großem physischen und psychischen Druck. Die Stadt Wien und die Wiener Gebietskrankenkasse setzen daher auf Gesundheitsangebote, die auf die besonders schwierigen Lebensbedingungen von Wohnungslosen zugeschnitten sind", erklärten die Wiener Gesundheits- und Sozialstadträtin Sonja Wehsely und Franz Bittner, Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, in einem gemeinsamen Mediengespräch mit Markus Reiter, Geschäftsführer des Neunerhauses.

Das Projekt

Seit März 2006 betreut das Projekt "Team Neunerhausarzt" Wohnungslose in Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe medizinisch. Parallel dazu bietet das Frauengesundheitszentrum FEM umfassende psychologische und gynäkologische Betreuung für die weiblichen PatientInnen an. Das "Team Neunerhausarzt" wird zur Hälfte von der Wiener Gebietskrankenkasse gefördert, 30 Prozent werden seitens der Stadt Wien finanziert, 20 Prozent kommen vom Neunerhaus selbst. Die Projektarbeit des FEM wird zur Gänze von der Stadt Wien finanziert.

Weitere Angebote

Als spezielles und umfassendes Hilfsangebot hat der Psychosoziale Dienst der Stadt Wien (PSD) zu derzeit insgesamt 17 Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe psychiatrische Liaisondienste eingerichtet. Ein weiteres Angebot ist der "Luisebus" der Caritas, der von Montag bis Freitag verschiedene Plätze in Wien, an denen sich obdachlose Frauen und Männer aufhalten, besucht. ÄrztInnen und ehrenamtliche HelferInnen bieten in dieser "mobilen Ordination" ihre medizinische Hilfe an.

Angst vor Ablehnung

"Die meisten Wiener Wohnungslosen haben mit einem schlechten Gesundheitszustand zu kämpfen. Rein rechtlich stünde dem Gang zum Arzt nichts im Wege: Rund 70 Prozent der Wiener Wohnungslosen besitzen eine e-card, die restlichen 30 Prozent könnten mit den Krankenhilfescheinen der MA 15 ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen", so Bittner. Die Zugangsbarriere zu Gesundheitsdienstleistungen sei bei Wohnungslosen bislang auf einer anderen Ebene gelegen. "Hemmungen, am 'gewöhnlichen' Leben zu partizipieren, Angst vor Ablehnung oder ein zu schlechter Allgemeinzustand halten Betroffene oft vom Arztbesuch ab.

Oberstes Gebot ist es, Gesundheitsangebote so zu organisieren, dass sie sozial benachteiligte Menschen erreichen. Mit dem 'Team Neunerhausarzt' wird eine Versorgungslücke geschlossen und jenen eine kontinuierliche medizinische Betreuung geboten, die nicht aus eigenem Antrieb zum Arzt gegangen wären", führte Bittner aus.

Stärken und ins Gesundheitssystem zurückführen

Reiter betonte, dass mit dem Angebot Wohnungslose soweit gestärkt werden sollten, dass sie wieder medizinische Dienstleistungen im regulären Versorgungssystem in Anspruch nehmen können. "Für uns ist es auch ein Erfolg, wenn Menschen nicht mehr von uns betreut werden müssen. Es geht uns darum, die Menschen in das bestehende Gesundheitssystem zurückführen. Auf Grund der schwierigen Lebensumstände benötigen Obdachlose alle körperlichen Ressourcen, um den Alltag zu bewältigen. Der eigenen Gesundheit widmen sie oft zuletzt Aufmerksamkeit.

Die umfassende medizinische und psychologische Betreuung durch das 'Team Neunerhausarzt' und das FEM hilft dabei, die Lebensqualität wohnungsloser Menschen nachhaltig zu verbessern. Denn erst, wenn sie gesundheitlich wieder stabil sind, haben die Menschen Kraft, wieder andere wichtige Themen in Angriff zu nehmen, wie etwa die Suche nach einem Wohnplatz oder einer neuen Arbeit", betonte Reiter.

Weibliche Wohnungslosigkeit

"Weibliche Wohnungslosigkeit ist weitgehend unsichtbar. Wohnungslose Frauen leben in prekären Wohnverhältnissen und gehen, um ein Dach über dem Kopf zu haben, Zweckgemeinschaften ein. Weibliche Wohnungslosigkeit ist geprägt von extremer Armut und Gewalterfahrungen. Mir geht es insbesondere darum, Frauen mit spezifischen Gesundheitsangeboten dort zu erreichen, wo sie leben, arbeiten und sich aufhalten. FEM arbeitet daran, diesen Frauen ihre Würde, Selbstachtung und ihr Körperbewusstsein zurück zu geben", so Wehsely.

Aufsuchende Gesundheitsversorgung

Seit März 2006 suchen die vier AllgemeinmedizinerInnen des "Teams Neunerhausarzt" die BewohnerInnen von zehn "Sozial betreuten Dauerwohneinrichtungen" sowie Übergangswohneinrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe auf und betreuen diese medizinisch. Gleichzeitig stellt das Frauengesundheitszentrum FEM gynäkologische, psychosoziale, psychologische und therapeutische Angebote in sieben Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe bereit. "Sowohl die ÄrztInnen als auch die klinischen und GesundheitspsychologInnen nehmen sich sehr viel Zeit für die PatientInnen, damit diese wieder Vertrauen in ihre gesundheitliche Versorgung gewinnen. ÄrztInnen und PsychologInnen suchen die PatientInnen regelmäßig in ihrem Zuhause auf, arbeiten eng mit den SozialarbeiterInnen vor Ort zusammen und vernetzen sich mit ExpertInnen", so Reiter.

Dringend nötig

Wie dringend die medizinische Betreuung des "Teams Neunerhausarzt" benötigt wird, zeigt auch die Auswertung der PatientInnenstatistik nach einem Jahr Projektlaufzeit. Insgesamt wurden 661 Personen im Rahmen von 3.392 Konsultationen betreut.

Frauenspezifische Gesundheitsarbeit

Zwischen 20 und 25 Prozent der alleine auf der Straße stehenden Menschen sind Frauen. Sie sind innerhalb der Gruppe der sozial benachteiligten Personen eine noch stärker benachteiligte Gruppe, weil sie eine deutlich höhere Armutsgefährdung aufweisen, unter Mehrfachbelastungen leiden und nicht zuletzt wesentlich häufiger Gewalt ausgesetzt sind. Der Anteil an psychischen bzw. psychiatrischen Krankheitsbildern ist dem entsprechend enorm hoch. Die Behandlung und Beratung ist durch vielfältige Barrieren für wohnungslose Frauen schwierig. Trotzdem erreichte das Frauengesundheitszentrum FEM im ersten Projektjahr ein Drittel der Frauen, die in den Einrichtungen wohnen. Insgesamt fanden 746 Beratungen statt. (red)

Siehe
Obdachlose sind mehrfach krank
Zahnarztpraxis geplant

Links
Neunerhaus
FEM

Der Verein NeunerHAUS

Der Verein NeunerHAUS ist eine Wiener Sozialorganisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, obdachlosen Menschen ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Wohnen zu ermöglich. Der 1999 gegründete Verein betreibt seit 2001 zwei Wohnhäuser für Obdachlose. Derzeit leben ca. 100 Menschen in den beiden Neunerhäusern Hagenmüllergasse und Billrothstraße. Als große inhaltliche Weiterentwicklung gilt das Team Neunerhausarzt, ein medizinische Betreuungsprogramm für ehemals wohnungslose Menschen.

Das Institut für Frauen- und Männergesundheit

Das Institut für Frauen- und Männergesundheit ist ein gemeinnütziger Verein mit drei Standorten: dem Frauengesundheitszentrum FEM in der Semmelweis-Frauenklinik, dem Frauengesundheitszentrum FEM Süd im Kaiser Franz Josef-Spital und dem Männergesundheitszentrum MEN im Kaiser Franz Josef-Spital. Ziel ist es, Frauen und Männern in allen Lebenslagen niederschwellige Anlaufstellen für geschlechtsspezifische Gesundheitsförderung zur Verfügung zu stellen – unabhängig von Alter, Bildung, Religion, sexueller und kultureller Zugehörigkeit. Finanziert wird das Institut für Frauen- und Männergesundheit durch den Wiener Krankenanstaltenverbund, die Magistratsabteilung 17, das Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend sowie durch Projektfinanzierungen (Wiener Programm für Frauengesundheit, Fonds soziales Wien, Fonds Gesundes Österreich etc.).

Wiener Programm für Frauengesundheit

DieSie - das Wiener Programm für Frauengesundheit im Fonds Soziales Wien sorgt für die Qualitätsverbesserung der medizinischen, sozialen und psychologischen Dienstleistungen für Frauen. Das Programm setzt auf Methoden der modernen Gesundheitsförderung, zeigt Problemfelder auf und sensibilisiert für frauengesundheitliche Anliegen.
  • Das Team neunerHAUSARZT
    foto: neunerhaus

    Das Team neunerHAUSARZT

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