BBC-Reporter dankt Hamas

10. Juli 2007, 15:09
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Nach fast vier Monaten Geiselhaft im Gazastreifen wurde Alan Johnston befreit - Die Hamas will mit der Lösung der Geiselaffäre politische Reife demonstrieren

Am 12. März war Alan Johnston vor seiner Wohnung in Gaza von bewaffneten Palästinensern verschleppt worden, in der Nacht auf Mittwoch wurde ihm plötzlich befohlen, dass er sich anziehen solle. Nach "einer verrückten Fahrt ins Zentrum von Gaza durch Hamas-Checkpoints, die sich öffneten" begriff der BBC-Korrespondent, dass der "lebendige Albtraum" vorüber war.

Ehe er den Gazastreifen verlassen konnte, durfte oder musste der mager und blass wirkende Johnston noch ein Frühstück mit der Hamas-Führung einnehmen. Ein Ereignis, bei dem die befreite Geisel Hand in Hand mit dem abgesetzten Hamas-Premier Ismail Haniyeh auftrat und sich von diesem eine Schärpe in den Farben der PLO-Flagge umhängen ließ. Hamas-Vertreter machten keinen Hehl daraus, dass Johnstons gewaltlose Befreiung als politisches Signal an die internationale Gemeinschaft gedacht war.

Rasch verließ Johnston, der in der Gefangenschaft 45 geworden ist, dann den Gazastreifen Richtung Israel, um zunächst im britischen Konsulat in Jerusalem eine Erholungspause einzulegen. Er sei von den Entführern korrekt behandelt worden, sagte Johnston zuvor zu Reporterkollegen, "nur in den letzten 20 Minuten waren sie grob und böse."

Video-Auftritt

Einer der schlimmsten Augenblicke für Johnston war es, als er Ende Juni gezwungen wurde, mit einem umgeschnallten Sprengstoffgürtel eine Botschaft in eine Videokamera zu sprechen - die Bombe sei aber möglicherweise "nicht scharf" gewesen. Zur Identität der mysteriösen Gruppe, die ihn entführt hatte, machte Johnston nur vage Angaben: "Ich glaube, das war eine kleine djihadistische Gruppe - ich weiß nicht, wer dahinter steht." Die Entführer hätten ihn als "Gefangenen im Krieg zwischen Muslimen und Nichtmuslimen" bezeichnet. "Sie interessieren sich nicht so sehr für Israel und Palästina, sie wollten irgendwie Großbritannien treffen."

Bis zu einem gewissen Grad ist die kleine Gruppe, die sich "Armee des Islam" nennt und als halb krimineller Familienclan beschrieben wird, allerdings mit der Hamas verwoben. Die Entführung sei überhaupt nur "mit den Waffen der Hamas und mit dem Geld der Hamas" möglich gewesen, sagte der Fatah-Politiker Sufian Abu Saide. Nach ihrer Machtübernahme im Gazastreifen hatte die Hamas aber graduell den Druck auf die Gruppe erhöht. Das Areal, auf dem man Johnston festhielt, wurde umstellt, zum Schluss wurden sogar Gegengeiseln genommen, die dann gegen Johnston eingetauscht wurden. Von irgendeiner Bestrafung der Entführer wurde nichts bekannt.

Aus Sicht der Hamas zeigt das Ende der Affäre, dass die Islamisten imstande seien, für Ruhe und Ordnung zu sorgen: "Nachdem die Hamas in Gaza die Kontrolle übernommen hat, wurden die Spielregeln geändert", so Hamas-Sprecher Ghasi Hamed. "Wir versuchen der Welt zu erklären, dass die Hamas eine gemäßigte Organisation ist."

Mit Johnstons Freilassung wurde in Israel wieder die Frage aktuell, wann der vor einem Jahr in den Gazastreifen verschleppte israelische Soldat Gilad Shalit freikommt. Zum Unterschied von Johnston wird Shalit aber von der Hamas als eine Art Kriegsgefangener betrachtet, der nur im Tausch gegen palästinensische Häftlinge herausgegeben werden kann. Für die israelische Führung ist der Fall Johnston ein Beweis dafür, dass die Hamas ein Doppelspiel betreibt, da sie sehr wohl wisse, wo sich die Entführungsopfer befänden. (Ben Segenreich aus Tel Aviv, DER STANDARD, Print, 5.7.2007)

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    Johnston umgeben von Hamas-Kämpfern, die ihn befreit haben sollen

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    Ein stolzer Haniyeh präsentiert das Ergebnis seines Verhandlungserfolgs: Johnstons Freilassung.

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