Harnoncourts stürmische Jahreszeiten

10. Juli 2007, 19:16
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In Graz zeigte er, dass der als biederer verschriene "Papa Haydn", auch Stürmer und Dränger und ein subtiler Alchemist der Klangfarben sein kann

Graz - "Was ihr fühlet, was euch reizet" intoniert der Ackermann in Haydns "Jahreszeiten". Und hinsichtlich Nikolaus Harnoncourts Zugriff auf dieses Oratorium heißt das: Detailversessenheit und Firnisentfernung. Schon in den grob-trotzigen, den Winter vertreibenden Bläserakkorden der in düsteren Mollfarben gehaltenen Einleitung macht er plausibel, was der als biederer "Papa Haydn" verschriene auch sein kann, ja sein muss: ein Stürmer und Dränger und ein subtiler Alchemist der Klangfarben.

Auch wenn er die Pauke schon mal brachial donnern und das Blech übermütig raunzen lässt, verlässt sich Harnoncourt nie auf die vordergründige Schilderung einer idyllischen Wetter- und Wiesenskizze. Selten hat man die Frühlingsboten und das damit einhergehende Schmelzen des Eises so plastisch geschildert vernommen. Natürlich findet das Grelle, Ausgelassene und Kratzbürstige seinen gebührenden Platz, doch über alles Naturalistische hinaus verweist uns der Dirigent immer wieder auf das Abgründige dieser Musik, auf die Seelenzustände der Landleute mit ihren Bekümmernissen.

Im Verband mit dem Concentus Musicus Wien findet Harnoncourt die Balance, die es ihm gestattet, Phrasierungen und subtilste Spannungsbögen bis in die feinsten Partikel der Partitur hinein agogisch auszuloten.

Und dass dem Nimmermüden dabei die authentische Praxis auf originalem Instrumentarium nie nur Mittel zum Zweck war und ist, zeigen letztlich immer wieder seine unbändige Lust am Musikantischen und das untrügliche dramaturgische Gespür. Mit Genia Kühmeier (Hanne), Werner Güra (als Lukas) und Christian Gerhaher als Simon standen ihm dabei stimmschöne und kultiviert artikulierende Sänger zur Seite. Der Schoenberg Chor brillierte ebenfalls. (sta/ DER STANDARD, Printausgabe, 4.7.2007)

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