Gift für die Integrationsbemühungen

20. Juli 2007, 11:20
179 Postings

Man würde den Terroristen in die Hände spielen, wenn MuslimInnen einmal mehr unter Generalverdacht gestellt würden

Noch weiß niemand, welche Motive die Attentäter von London und Glasgow tatsächlich hatten. Langsam nur sickern Informationen über Herkunft und Beruf der Attentäter durch, denn wie schon bei den Anschlägen von London agieren die britischen Behörden zurückhaltend.

Die bislang bekannt gewordenen Informationen zeigen aber einmal mehr, dass es alles andere als leicht ist, die Ursachen des Terrors zu ergründen. Wie schon die Attentäter von 7. Juli 2005, so scheinen auch die bisher verhafteten Verdächtigen "ganz normale Jungs von nebenan" gewesen zu sein, die weder bei Nachbarn noch bei Angehörigen Misstrauen erregt haben. Noch dazu scheinen es nicht die underdogs Muslime "par excellence" gewesen zu sein, sondern Ärzte sowie Medizin-Studenten (zwei angeblich aus Saudi-Arabien), die sich anscheinend ein Studium im Ausland leisten konnten.

Schon werden in Großbritannien Forderungen laut, die Auswahl ausländischer Ärzte müsse verschärft werden. Nur was soll verschärft werden? So weit bislang bekannt ist, war niemand der Verhafteten in Afghanistan oder Pakistan, und auch die irakische Herkunft wird wohl kaum als Verdacht ausreichen, um jemanden nicht ins Land zu lassen.

Als wären die versuchten Anschläge nicht schon schlimm genug. Verkürzte Debatten wie diese aber sind Gift für die Bemühungen um die Integration ausländischer MitbürgerInnen. Genau hier aber liegt die große Herausforderung. Nicht weil alle MuslimInnen potentielle AttentäterInnen sind, sondern vielmehr weil man den Terroristen in die Hände spielen würde, wenn MuslimInnen einmal mehr unter Generalverdacht gestellt würden.

Die Anschläge dürfen nicht dazu führen, dass MuslimInnen einmal mehr unter Generalverdacht gestellt werden. Die von MuslimInnen immer wieder geforderte klare Distanzierung von Anschlägen suggeriert, dass all jene den Terrorismus implizit unterstützen, die dieser Forderung nicht nachkommen. Nur wie kommen in Europa lebende MuslimInnen dazu, sich ein weiteres Mal für Fanatiker rechtfertigen zu müssen. Nichts desto weniger ist es ein wichtiges Signal, dass sich führende britische Muslime von den versuchten Anschlägen klar distanziert haben.

Umgekehrt ist das Mindeste, was die Mehrheitsgesellschaft tun kann, Diskriminierungen muslimischer MitbürgerInnen zu bekämpfen, statt Lippenbekenntnissen sollte die österreichische Regierung endlich Taten in der Integrationspolitik zu setzen. Denn wenn sich die Kluft vertieft, steigt auch das Potential für eine Radikalisierung von MuslimInnen. Genau das wäre im Sinne der Terroristen und in diese Falle zu tappen wäre wohl das Dümmste, was man machen könnte. (Sonja Fercher, derStandard.at, 4.7.2007)

Share if you care.