Image und Klischee

3. Juli 2007, 19:20
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Positive Klischees können eine Zeitlang nützlich sein - aber sie können auch zur Falle werden

Die Polen haben zur Zeit eine miserable Presse in Europa. Das Gleiche gilt für die Amerikaner. Österreich hatte dieses Schicksal während der Waldheim-Zeit, es hat sich davon seither nur teilweise erholt.

Die notwendige Verkürzung und Vereinfachung durch die Medienberichterstattung bringt es mit sich, dass eine ganze Nation einen schlechten Ruf bekommt, wenn sich ihre Regierung schlecht benimmt. Dann sind "die Polen" fundamentalistische Deutschenhasser, "die Amerikaner" betonköpfige Kriegstreiber, "die Österreicher" verlogene Opportunisten.

Klischees haben ein langes Leben. Und sie sind auch nicht durchwegs ungerecht, denn schließlich sind die Politiker, die international Kopfschütteln auslösen, von ihren Völkern ja frei gewählt worden. Dass viele Polen über ihre Repräsentanten unglücklich sind, hilft da wenig.

Und es stimmt ja auch, dass die Werte, für die die regierenden Kaczinski-Zwillinge stehen, im Volk tief verwurzelt sind: Nationalismus, Misstrauen gegenüber den deutschen und russischen Nachbarn, ein militanter Katholizismus, eine Tendenz, Rezepte für die Gegenwart in der Vergangenheit zu suchen und das Gefühl, immer die Opfer anderer, Mächtigerer, zu sein.

Als Präsident Lech Kaczinski beim letzten EU- Gipfel sagte, Polen müsste mehr Stimmengewicht haben, denn wenn die Deutschen im Krieg nicht so viele Leute umgebracht hätten, dann wäre die polnische Bevölkerung entsprechend zahlreicher, fanden alle anderen diese Begründung mit Recht unmöglich. Aber ganz falsch war sie nicht.

Noch vor einigen Jahren waren die Polen die Lieblinge der internationalen öffentlichen Meinung. Da dachte man an den Sieg der Solidarnos, an den Papst, an den heroischen Warschauer Aufstand, an die vielen Freiheitskämpfe der polnischen Geschichte mit ihren edlen Helden und schönen tapferen Damen.

All das gehört zur schönen Seite des polnischen Klischees, und diese ist mindestens genauso zutreffend wie die weniger schöne Seite, die jetzt im Vordergrund steht.

Ähnliches gilt für die Amerikaner und auch für die Österreicher.

Die Amerikaner wurden lange Zeit als unerschütterliche Vorkämpfer der Demokratie bewundert. Unter George Bush verwandelte sich dieser Kampf gegen undemokratische Regimes allmählich in sein Gegenteil, und es dauerte einige Zeit, bis die Mehrheit der US-Bürger das merkte.

Ebenso galten die Österreicher jahrzehntelang als nette, charmante, ein wenig leichtlebige Menschen, die im Gegensatz zu den Deutschen die Dinge nicht so bierernst nehmen.

Als die österreichische Lebenslüge vom "ersten Opfer Hitlers" offenbar wurde, schlug die Stimmung um. Wir hatten uns so sehr an das Klischee vom netten Österreicher gewöhnt, dass wir zunächst nicht einsahen, dass nun ein Umdenken angesagt war. Man kann auch ein Opfer des eigenen Images werden.

Der Imageverfall des heutigen Polen ist geradezu ein Lehrstück für diesen Vorgang. Die derzeitigen Machthaber klammern sich so inbrünstig an die glorreiche und opferreiche Geschichte ihres Landes, dass sie diese selbst entwerten.

Wer die Helden der Vergangenheit als Waffe im politischen Kleinkrieg der Gegenwart benutzt, macht sie klein. Wir in Österreich wiederum sind in Gefahr, unsere Kulturgrößen der Vergangenheit, von Mozart bis Klimt, so lange zu instrumentalisieren, bis sie zu Kitsch geworden sind.

Positive Klischees können eine Zeitlang nützlich sein - aber sie können auch zur Falle werden. Polen zeigt, wie man's nicht machen soll. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.7.2007)

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