Geistesblitz: Den Graubereich ausloten

3. Juli 2007, 19:46
posten

Stammzellen, Klonen, Identität und Orgasmusforschung: Barbara Prainsack untersucht die Folgen der Biomedizin

In Sciencefiction-Filmen werden Klone gerne als Zombies ohne eigene Identität, Gefühle oder Seele dargestellt. Barbara Prainsack, auf Biomedizin und Gesellschaft spezialisierte Politikwissenschafterin an der Uni Wien, wollte wissen, was es bedeutet, von vielen Menschen als eine Art Kopie gesehen zu werden. Also befragte sie zusammen mit englischen Kollegen Menschen, die von Natur aus identes Erbgut haben, zum Thema Identität: eineiige Zwillinge.

Im Rahmen von GEN-AU arbeitete die Forscherin mit der "UK Twin Research" Datenbank am Londoner King's College. Das vom Wissenschaftsministerium finanzierte Genomforschungsprogramm GEN-AU berücksichtigt die gesellschaftlichen Folgen und Begleiterscheinungen neuer Methoden und Möglichkeiten in den Life Sciences.

Aussicht auf Professur

Ihre Forschung ist also eng mit der Wahrnehmung des Körpers verknüpft: Früher machte den Menschen eine Ansammlung von Säften aus, dann Zellen und Organe und momentan eben das Genom. Im Moment arbeitet die 31-Jährige für ELSA, die Förderlinie "Ethical, Legal und Social Aspects" des Wissenschaftsministeriums, im September tritt sie am King's College ein unbefristetes Senior Lecturership an. Bei der Wahl ihrer Forschungsthemen ist sie selbstbewusst: "Wenn es mich interessiert, interessiert es auch andere", bei der Präsentation der geplanten Projekte an der renommierten Forschungseinrichtung schwitzte sie dennoch. Wenn sie genug publiziert, was ihr nicht schwerfällt, hat sie in England in fünf Jahren Aussicht auf eine Professur, "hier müsste ich noch ganz andere Dinge dafür tun".

Graubereiche des Lebens und die Zwiespältigkeit des Alltags sind der rote Faden ihrer Forschung, die eine Bandbreite von Stammzellen, Klonen, Identität bis DNA-Datenbanken und Orgasmusforschung umfasst. Sich für Politik zu interessieren sowie Macht und ihre Systeme zu studieren, war durch ihre Jugend in Kärnten einfach, geprägt von Aktivitäten gegen das politische Klima im südlichen Bundesland.

Patriarchalische Gesellschaft

Als Zweitfach inskribierte sie Arabistik und besuchte mehrmals Jordanien, wo die Kinder über ihr Hocharabisch lachten: "Du redest wie ein Fernsehapparat." Als dann der Brocken Bürgerliches Recht im anschließenden Jusstudium anstand, wartete ein Job an der Uni Wien auf sie. Ein halbes Jahr studierte sie in San Francisco. Dort war alles sehr effizient und meritokratisch nach dem Motto: Wer mehr leistet, kommt weiter. Nicht wie in Österreich, möchte man ergänzen. Den Gesundheitsfanatismus hielt sie allerdings nur schwer aus. Im angelsächsischen Raum ist der Ruf ihrer Disziplin im Vergleich zu den "harten Naturwissenschaften" besser, weil quantitativer gearbeitet wird, weiß Prainsack, die bereits in Bangkok unterrichtet hat. "Wir leben immer noch in einer patriarchalischen Gesellschaft, wo Zahlen gleichbedeutend mit Wissenschaft sind", sagt sie bestimmt. Quantifizierungen findet sie nicht grundsätzlich schlecht, "aber sie sind fast immer Verkürzungen, wenn sie soziale Realität abbilden".

Ihr Mann lebt in Amsterdam, was von London auch leichter zu erreichen sein wird als von Wien. Sechs Tage forscht sie, samstags tut sie "nichts Verwertbares", also ausruhen und Freunde treffen. Abends wird oft Fernsehserien gefrönt: "Life on Mars" liegt gerade im Abspielgerät, "Sex and the City" hat ihr nicht gefallen. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.7. 2007)

  • Am Sprung von Wien nach Oxford: Barbara Prainsack, Politologin.
    foto: standard/chris dematté

    Am Sprung von Wien nach Oxford: Barbara Prainsack, Politologin.

Share if you care.