Klimaschutz spaltet nicht

3. Juli 2007, 18:30
2 Postings

AKWs blasen zwar kein Treibhausgas in die Luft, aber Studien zeigen eindeutig, dass die Atomkraft kein Ausweg ist

Um der Erderwärmung gegenzusteuern, wird vermehrt der Ruf nach einem Ausbau der klimaschonenden Kernkraft laut. Immerhin: AKWs blasen kein Treibhausgas in die Luft. Studien zeigen jedoch eindeutig, dass die Atomkraft kein Ausweg ist. Im Gegenteil.


Die Klimaerwärmung wird als größte Herausforderung gehandelt, der sich die Welt heute stellen muss. Eine deutliche Verringerung der CO2-Emissionen sei erforderlich, wenn die Erderwärmung nicht zu dramatischen Schäden führen soll. Und schon wird in vielen Staaten wieder laut über die Forcierung der Atomkraft als schonende Alternative zu Öl, Gas und Kohle diskutiert.

Laut Statistiken des Atominstituts der Österreichischen Universitäten sind heute 440 Kernkraftwerke in 31 Staaten am Netz, 32 weitere in Bau. Das mit 1600 Megawatt Leistung größte wird in Olkiluoto in Finnland errichtet. Dieses bis 2009 fertig gestellte, gut drei Mrd. Euro teure AKW hat politische Sprengkraft: Mit dem Europäischen Druckwasserreaktor (EPR) soll ein rascher, einheitlicher Ausbau der Kernenergie möglich werden.

"Der EPR", erklärt Helmut Böck vom Atominstitut, "ist der erste Reaktor, der vorhandenen Vorschriften und Sicherheitsstandards in den EU-Ländern entspricht", quasi eine "EU-Zulassung" besitzt. Doch auch wenn das Risiko mit moderner Technologie gesenkt werden kann, die Erwärmung könnten AKWs laut heimischer Studie nicht stoppen. Antonia Wenisch vom Österreichischen Ökologie Institut, die für Wissenschaftsministerium, Regierung, EU und andere Institutionen und Parteien entsprechende Untersuchungen macht, konstatiert: "Atomenergie wird in relevanter Zeit nicht in der Lage sein, substanzielle Beiträge zum Klimaschutz zu leisten."

Um etwa den Anteil der Atomenergie an der globalen Stromerzeugung von heute 16 auf klimarelevante 33 Prozent im Jahr 2030 anzuheben, wären 1300 Gigawatt nukleare Kraftwerksleistung nötig. Bis 2030 müsse aber ein großer Teil der heutigen AKWs stillgelegt werden. Das bedeute, dass bis dahin alle sechs Tage ein neues AKW ans Netz gehen müsste. Der Uranbedarf würde von heute 70.000 auf etwa 210.000 Tonnen jährlich steigen. 2030 wären dann bereits vier Millionen Tonnen Uran verbraucht, etwa die gesamten heute bekannten Vorräte. Dies allein zeige die Sinnlosigkeit, die Atomkraft heute als Ausweg aus dem Klimaproblem zu diskutieren. Ganz abgesehen vom Sicherheitsrisiko, stellt Wenisch fest: "Die meisten in Bau befindlichen oder geplanten AKWs basieren auf technologischen Standards von 1980 oder noch früher." Moderne, sicherere Technologie sei nur schwer zu finanzieren.

Generell, bemängelt Wenischs Institutskollege Willi Sieber, gebe es in diesem Bereich keine Kostenwahrheit. Werde ein AKW heute betriebswirtschaftlich sinnvoll geführt, sei es doch volkswirtschaftlich ein Desaster. Staatliche Subvention, billige Kredite und Strom-Abnahmegarantien verzerrten die tatsächlichen Kosten ebenso wie nicht kalkulierte Kosten für Stilllegung und Endlagerung sowie limitierte Haftungen – die Haftung der Betreiber ist auf 700 Mio. Euro begrenzt, allein der GAU in Tschernobyl hat mehrere hundert Mrd. Euro gekostet, die die Allgemeinheit tragen muss. Demnach sei klassischer Atomstrom laut Sieber die teuerste und riskanteste Energie. Sind das alles Gründe, warum die EU von 580 Mio. Euro, die ab heuer jährlich in Atomforschung fließen, nur 30 Prozent in herkömmliche Spaltreaktoren buttert, das Gros jedoch in den internationalen Kernfusions-Forschungsreaktor Iter in Frankreich?

"Nein", dementiert Daniel Weselka, zuständiger Abteilungsleiter im Wissenschaftsministerium, "Iter ist weder Klimarettung noch Energiegewinnungsprojekt, sondern reine Forschung." Erst in 20 Jahren wisse man, ob es funktioniere, und weitere 20 Jahre später habe man in dem Fall den ersten Demo-Reaktor. Bis dahin sei der Mensch gegrillt, würde nichts geschehen. Doch sei es Österreich gelungen, dass die EU zumindest so viel Geld wie in die Kernspaltung in erneuerbare Energien steckt. In der Klimadebatte die Atomkraft zu bemühen, sei wissenschaftlich unsinnig, in vielen Staaten aber wirtschaftlich und politisch opportun. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.7. 2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Einfache Rechenübungen allein zeigen die Sinnlosigkeit, die Atomkraft heute als Ausweg aus dem Klimaproblem zu diskutieren.

Share if you care.