Die Lust des jungen Nagers

3. Juli 2007, 19:45
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Ziesel-Männchen beteiligen sich nur dann an der Aufzucht des Nachwuchses, wenn sie froh sein müssen, eine "Partnerin" ergattert zu haben

Die Pubertät ist eine schwierige Zeit: Nicht genug damit, dass die Hormone sich wild gebärden, stehen auch Entscheidungen an, die den Rest des Lebens beeinflussen können – das gilt zwar auch für den Menschen, noch viel mehr aber für Ziesel, jene Nager, die man immer seltener auf Trockenrasen im Osten Österreichs findet.

Eine der wichtigsten (unbewussten) Entscheidungen, die ein junges Ziesel zu treffen hat, ist die zwischen Wachstum und Vermehrung, denn beide Aktivitäten brauchen Zeit und Energie – zwei Ressourcen, die Zieseln nur in sehr begrenztem Ausmaß zur Verfügung stehen: Ihr Winterschlaf dauert sechs bis sieben Monate, und zwischen März und September müssen sie nicht nur die Fortpflanzung absolvieren, sondern sich auch genug Fett für den nächsten Winterschlaf anfressen. Zudem besteht immer die Gefahr, Räubern zum Opfer zu fallen.

Von Tieren mit solchen Vorgaben würde man eigentlich erwarten, dass sie in diesem kurzen Zeitraum wenig Spielraum haben, unterschiedliche Strategien zu entwickeln. Wie langjährige Forschungen von Eva Millesi und ihren Mitarbeiterinnen vom Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien zeigen, ist jedoch das Gegenteil der Fall: Im Rahmen ihrer Möglichkeiten zeigen die kleinen Nager eine erstaunliche Plastizität im Verhalten. Im Rahmen eines über den Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projektes beschäftigte sich Millesis Gruppe mit einem Phänomen, das sich im Zuge früherer Untersuchungen ergeben hatte: Spätestens nach ihrem zweiten Winterschlaf sind alle Männchen sexuell aktiv, doch bei Jährlingen (das sind Tiere, die erst einen Winterschlaf hinter sich haben), gibt es zwei Möglichkeiten: Sie können geschlechtsreif aus dem Bau kommen, oder aber sie können noch ein Jahr damit warten. Wie Millesi und ihre Gruppe herausfanden, wird dies von der Populationsdichte beeinflusst: Leben viele Ziesel in einem Gebiet, werden die allermeisten männlichen Jährlinge erst im nächsten Jahr geschlechtsreif. Ist der Bestand jedoch niedrig, sind fast alle Jährlinge sexuell aktiv.

Das ist nicht unlogisch, denn wenn es viele Ziesel gibt, sind darunter naturgemäß auch viele ältere und damit größere Männchen, die es aufgrund der beengten Verhältnisse oft schaffen, mehrere Weibchen für sich zu beanspruchen. Schmalbrüstige Jungmänner kommen unter diesen Umständen kaum zum Zug und tun besser daran, stattdessen noch eine Weile zu wachsen. Ist das Areal jedoch nur dünn mit Zieseln besiedelt, sind die Distanzen zwischen den Weibchenbauten größer, und es kommt eher darauf an, paarungsbereite Weibchen zu lokalisieren. Da die Konkurrenz durch Ältere geringer ist, haben auch junge Männchen eine gute Chance auf Paarung.

Preis des Erfolges

Der frühe Fortpflanzungserfolg hat jedoch auch seinen Preis: Wie Millesis Untersuchungen ergaben, sind sexuell aktive Jährlinge am Ende der Saison kleiner und leichter als nicht-reproduzierende Männchen und weisen eine verminderte Immunabwehr auf, was möglicherweise ihre Überlebenschancen verringert.

Auf welchem Wege sich die Populationsdichte den jugendlichen Zieseln physiologisch mitteilt, ist vorläufig ungeklärt, doch denkbar ist, dass die Anwesenheit älterer Männchen den Verlauf der Pubertät beeinflusst. Aus Versuchen in naturnahen Gehegen wissen die Forscherinnen, dass juvenile Männchen, die mit älteren geschlechtsreifen gehalten werden, mehr aggressiven Auseinandersetzungen ausgesetzt sind, weniger wachsen und eine verstärkte Tendenz zur Abwanderung zeigen als solche, die ohne ältere Geschlechtsgenossen aufwachsen.

Doch nicht nur Jährlingsmännchen haben Möglichkeiten, ihr Verhalten an die herrschenden Verhältnisse anzupassen, sondern auch erwachsene: Prinzipiell beteiligen sich Ziesel-Männchen in keinster Weise an der Aufzucht der Jungen. Jedes Tier hat einen eigenen Bau, und Weibchen graben einen speziellen Wurfbau, in den sie nach erfolgter Paarung übersiedeln. In Zeiten hoher Dichte jedoch entfallen die meisten Paarungen auf einige wenige Männchen, und viele müssen froh sein, eine einzige Partnerin zu ergattern. Solche Männchen konnten Millesi und ihre Mitarbeiterinnen oft dabei beobachten, dass sie am Wurfbau eines Weibchens gruben und in der Nähe wachten. Die Weibchen hatten dadurch mehr Zeit und Energie zur Futtersuche, und obwohl die Jungen selbst keine väterliche Fürsorge genossen, zeigte der Nachwuchs der unterstützten Mütter beim ersten Auftauchen aus dem Bau ein erhöhtes Gewicht gegenüber dem von Weibchen, die alles allein machen mussten.

Da Geburtsgewicht ein wesentlicher Faktor für die Überlebenswahrscheinlichkeit von Jungtieren ist, liegt nahe, dass die Männchen ihren Fortpflanzungserfolg auf Umwegen optimieren: Bei nur einer Partnerin haben sie zwar weniger Junge, aber diese haben dafür erhöhte Chancen, das Erwachsenenalter zu erreichen. – Die Männchen sind erstaunlich flexibel: Wenn der brave Familienvater im nächsten Jahr die Chance hat, viele Weibchen zu beglücken, wird er sang- und klanglos wieder zum Macho. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.7. 2007)

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Ziesel-Männchen beteiligen sich nicht an der Aufzucht der Jungen. Es sei denn, sie bemühen sich um ein
Weibchen, weil sie froh sein müssen, 
sie als "Partnerin" ergattert zu haben.
    foto: standard/claus j. böswarth

    Ziesel-Männchen beteiligen sich nicht an der Aufzucht der Jungen. Es sei denn, sie bemühen sich um ein Weibchen, weil sie froh sein müssen, sie als "Partnerin" ergattert zu haben.

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