Tausende Iranerinnen klären ihre Landsfrauen über ihre Rechte auf und rufen Irans größte Frauenbewegung ins Leben - Frauenaktivistin Tohidi im derStandard.at-Interview
Wien - Sie reden sie auf der Straße an, im Bus, in Parks und gehen zu den Leuten nach Hause. Ihr Lockmittel: eine Broschüre und eine Petitionsliste. Sie gehören zu keiner Sekte oder verdeckten Guerilla-Bewegung. Mit der Kampagne "Eine Million Unterschriften für die Änderung diskriminierender Gesetze" fordern iranische Frauen unterschiedlicher Denkschulen, Schichten und Altersgruppen seit August 2006 was ihnen längst zusteht: gleiche Rechte. Die Kampagne zählt zu den größten Frauenkampagnen, die das Land erlebt hat. Zehntausende haben bereits unterschrieben. Zwei Jahre Zeit geben sich die Frauen um die Millionen-Grenze zu erreichen. Anschließend wird die Petition dem Parlament vorgelegt. Zu den prominenten Unterzeichnern gehören Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi sowie die Dichterin Simin Behbahani oder Regisseur und Preisträger zahlreicher Filmfestivals Jafar Panahi. Auch Nayereh Tohidi zählt zu den ersten Unterzeichnern der Kampagne. Die Soziologin, tätig an der California State University, gehört zu den bekanntesten internationalen Sprecherinnen der Kampagne.
derStandard.at: Inwiefern unterscheidet sich diese Kampagne von bisherigen Protest-Aktionen?
Tohidi: Die Aktivisten sind im permanenten Dialog mit normalen Leuten. Sie gehen zu ihnen nach Hause, treffen sie in der Arbeit, im Bus, im Zug, in Parks. Mit der leicht verständlichen Broschüre klären sie die Frauen über ihre Rechte auf und selbst wenn die Leute nicht unterschreiben, sind sie zumindest informiert. Die Bewegung ist sehr transparent. Es ist keine Untergrund-Bewegung, und nicht militant. Sie fordern das Recht heraus ohne dagegen zu verstoßen. Die Regierung wird nervös, weil die Kampagne immer größer wird und Einfluss auf die Leute hat. Deswegen werden die Aktivisten auch verhaftet und man wirft ihnen vor, die nationale Sicherheit zu bedrohen.
derStandard.at: Sie haben bei einem Vortrag zur iranischen Frauenbewegung gesagt, dass es sich bei der Kampagne um eine unabhängige Bewegung handelt, frei von jeglichen Ideologien oder westlicher Schirmherrschaft. Kann sie dadurch mehr in der iranischen Gesellschaft bewirken?
Tohidi: Vielleicht. Weil die Initiative sehr breit gefasst ist. Die Kampagne ist unabhängig von der Regierung, politischen Parteien, aber auch vom Westen. Das heißt nicht, dass die Bewegung nicht informiert ist über die Erfolge des westlichen Feminismus. Aber man hat gelernt nicht nur auf westliche Modelle zu schauen, sondern auch Eigenheiten in der Region zu berücksichtigen.
derStandard.at: Hat so eine Kampagne um Frauenrechte jetzt eine Zukunft, wenn sich die Leute zurzeit mehr Gedanken darüber machen, dass das Benzin rationiert wird oder sich der Iran wegen seiner Atompolitik isoliert?
Tohidi: Die Kampagne muss auch nicht mit diesen Themen mithalten. Wenn Frauen über Forderungen sprechen, heißt es immer: jetzt ist nicht die Zeit für Frauen und es gibt Wichtigeres. Natürlich machen sich mehr Leute Gedanken um ihre Jobs, die steigenden Preise, die Wohnungssituation, etc. Aber diese Bewegung ist etwas Langfristiges. Für Frauen der Mittelschicht sind diese Themen sehr wichtig.
derStandard.at: Inwiefern hat sich die Situation in der Ahmadinejad-Ära für Frauen verändert?
Tohidi: Verbesserungen habe ich keine gesehen. Bei den Frauenagenden gibt es mehr Einschränkungen. Während die Frauen in den letzten vier Jahren der Khatami-Ära Seminare abhalten und sich versammeln durften, ist es unter Ahmadinejad nicht erlaubt sich zu treffen. Es herrscht eine gewisse Paranoia. Jeder ist verdächtig.
derStandard.at: Bezüglich der Frauenagenda: Erst kürzlich hat Innenminister Mostafa Pour Mohammadi vorgeschlagen die Kurzehe (Anm. Mündlicher Vertrag zwischen Mann und Frau. Kann von einer Stunde bis zu mehreren Monaten dauern. Beinhaltet Vereinbarungen z.B. Beischlaf gegen Unterhalt) beliebter zu machen. Versucht man hier nur Prostitution zu legitimieren oder kann man das als Toleranz gegenüber vorehelichen Beziehungen interpretieren?
Tohidi: Das glaube ich nicht. Es ist nicht das erste Mal, dass eine Regierung für die Kurzehe wirbt. Es gibt derzeit eine regelrechte Ehe-Krise. Es ist teuer zu heiraten und eine eigene Familie zu gründen. Die Regierung sollte wissen, dass die Kurzehe nichts lösen wird, sondern sie damit der Prostitution ihren Sanktus gibt. Die Kurzehe bedroht die Familie. Außerdem ist sie diskriminierend. Alle Männer dürfen eine Kurzehe schließen, während es bei den Frauen nur Singles und Witwen dürfen. Sie verhindert, dass die Leute tatsächlich heiraten. Warum sollten sie auch, wenn sie so viele Kurzehen wie möglich haben können. Aus diesem Grund sind auch einige religiöse Autoritäten dagegen.
derStandard.at: Wie schätzen Sie die Einschüchterungspolitik der Regierung ein, wenn sie laufend IranerInnen, ob JournalistInnen oder UniversitätsdozentInnen wie Haleh Esfandiari mit doppelter Staatsangehörigkeit, unter Hausarrest stellen, nicht ausreisen lassen oder sogar inhaftieren?
Tohidi: Das hat verschiedene Gründe. Einerseits hat man etwas gegen die Amerikaner in der Hand wegen der fünf inhaftieren Iraner – den so genannten "Diplomaten" - in der nordirakischen Stadt Erbil. So kann man Druck auf die Amerikaner ausüben. Andererseits will man jene Iraner, die eine Doppelstaatsbürgerschaft haben, im Ausland leben und pro-demokratische Bewegungen unterstützen, einschüchtern. Man will verhindern, dass sie in den Iran kommen und auch dass Iraner das Land verlassen und Kontakt zu internationalen Organisationen knüpfen.
derStandard.at: Haben Sie vor demnächst in den Iran zu fahren?
Tohidi: Nicht in näherer Zukunft. Das letzte Mal war ich 1994 dort.
(Solmaz Khorsand, derStandard.at/3.7.2007)
Zur Person:
Nayereh Tohidi lebt seit 28 Jahren in den Vereinigten Staaten. Derzeit ist die Soziologin Leiterin des "Women’Studies Department" der California State University. Tohidi forscht zu Themen wie Gender, Religion und Demokratisierung im Nahen Osten sowie in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Außerdem hat sie unter anderem als UN-Beraterin für Projekte der UNICEF und UNDP (United Nation Development Programme) gearbeitet.
Link:"One Million Signatures Demanding Changes to Discriminatory Laws" "