It’s a Chopper, Baby

5. Juli 2007, 17:00
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Ein neuer Cruiser am Sternenhimmel: Guido Gluschitsch glitt mit der XVS1300A Midnight Star von Yamaha

Ich hatte ja schon beinah ein Klingeln, so sehr sind sie mir in den Ohren gelegen: "Schreib einmal was über einen Chopper." Chopper. Dabei muss ich immer an den Willis Bruce denken, wie er in dem Tarantino-Film "Pulp Fiction" zu seiner Prinzessin sagt: "Das ist kein Motorrad, das ist ein Chopper, Baby".

Gerade noch kam er mit dem Leben davon, der böse Bruce, und dann tritt er vor seiner Gangsterbraut mit einem "Chopper, Baby" auf. Der Film ist blutrünstig. Ich denk mir oft: "Voll arg, bitte." Aber bei der Szene denk ich mir immer: "Mei, süß!"

Schwarzenegger springt auch einmal mit einem Chopper durch die Luft, dass dem Herrn Pastrana schwindlig wurdert. Aber ich? Ich weiß nicht. Das pöhse Bikerklischee von den pöhsen Phuben auf den tscheppernden Choppern kommt bei mir nicht so an.

Irgendwie will mir da anscheinend irgendwer einreden, dass die schweren Eisen einen ganz wilden Hund aus mir machen. Ich glaub es nicht. Hätte ich die Geschichte mit dem Rockerl nicht schon gemacht – jetzt warat die Zeit reif dafür gewesen. Das würde die Klischees in den Grundfesten wackeln lassen.

Yamaha glaubt es anscheinend auch nicht und pfeift still und heimlich auf das, was da sein muss, will man das Klischee bedienen. Nein, man riskiert jetzt keine Lichtmaske der R1, die man gewagt auf einen Cruiser verbaut, aber mit der XVS1300 ist man doch einen anderen Weg gegangen. Setzen S’ Ihnen hin, und geben S’ Acht. 100 x 83! Ganz was Neues. Zu wenig Info? Na gut: 100 mm Bohrung bei 83 mm Hub. Da schauen S’ jetzt doch, was? Genau.

Yamaha baut in einen Cruiser einen Kurzhuber ein. Stimmt schon, das hat sich Harley Davidson auch schon getraut, aber Kurzhuber im Cruiser-Segment sind trotzdem die Ausnahme. Dabei, einen V2-Motor zu verbauen, ist man aber geblieben.

Für unsereins heißt das nun: 1304 ccm, 53,5 kW (72,8 PS) bei 5.500 Umdrehungen und 106 Nm bei 4000 Umdrehungen. So weit die Angaben von Yamaha. Da sind wir also auf der sportlichen Seite unterwegs. Den Motor kann man schon einmal ein wenig auf Touren bringen – am Drehmoment wurde aber trotzdem nicht gespart.

So wirklich restlos sportlich wird die Fahrerei dennoch nicht. Auch wenn es Spaß macht, einmal so richtig loszuböllern, knieschleifend am Pann seh ich mich mit dem Eisen nicht. Hätte ich ja auch kein Leiberl. Gut, ich hab am Ring mit keinem Motorrad ein Leiberl, aber das mein ich gerade nicht. Worauf ich anspielen will, sind die 283 Kilogramm trocken. Also ohne Sprit, Öl, Wasser und vor allem ohne den nassen Sack, der auf der Reiben sitzt. Das ist bitte kein Bemmerl nicht.

Ebenso unbescheiden ist der Radstand von 1690 mm. Die ganze Fuhre bringt es auf eine Länge von fast zweieinhalb Metern. Lenkkopfwinkel 32,4 Grad und ein Nachlauf von 110 mm. Auf gut Deutsch: Die technischen Daten der Midnight Star machen es eigentlich unmöglich, mit dem "Chopper, Baby" irgendeine Kurve zu fahren.

>>>Strafverschärfung

In Echt ist die Sache aber ganz anders. Die Midnight Star ist so handlich – wenn sie einmal rollt – dass ich mich ab und an sogar in guter alter Trial- oder Enduromanier in die Rasten – äh, auf die Trittbretter – gestellt hab, um ein paar enge Kreise zu fahren. Nicht schlecht für einen fetten Cruiser, nur dass man wegen des breiten Tanks nicht schön stehen kann. Soll man aber eh nicht.

Schräglagen zu fahren war ebenfalls viel unkomplizierter als ich mir das vorstellte. Unterstützung erhält man hier vom 170er-Hinterbock. Mit einem 240er-Schlapfen könnte man wohl wirklich nimmer umlegen. Als Schräglagenbegrenzer dienen außerdem die Fußbretteln. Die schleifen bald einmal am Boden.

Aber ein schöner Hang-off geht sich wegen der "Nasser Sack"-Sitzposition eh nicht aus. Sitzen wie auf einem gekürzten Barhocker und dann der strafverschärfende Lenker. Also, daran muss ich mich noch gewöhnen.

Fein indes ist die Fünf-Gang-Schaltung. Die tut ganz brav. Darf man nicht schimpfen. Und ein sechster Gang ist mir eigentlich auch nicht abgegangen. Zum Herumheizen ist die Midnight Star eh das falsche Gerät und für einen lässigen Ampelstart rühr ich ohnehin nicht am oberen Ende des Getriebes herum.

Das Hinterrad wird übrigens über einen Zahnriemen angetrieben. Das macht nur Gewöhnungstätern Probleme, die den Samstagabend damit verbringen, die Kette zu schmieren, weil Wartungsarbeiten gibt es am Riemen so gut wie keine. Und die überschüssige Zeit kann ja locker dafür verwendet werden, den "Chopper, Baby" auf Hochglanz zu polieren.(Text: Guido Gluschitsch, Fotos: Martin Sulzbacher, derStandard.at, 5.7.2007)

Guido Gluschitsch ist Redakteur beim Motorradmagazin

Yamaha XVS1300A Midnight Star

Preis: EUR 11.995,-

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Viertaktmotor, 8 Ventile, Katalysator. Hubraum 1304 cm³, Leistung 53,5 kW (72,8 PS) bei 5500/min, 106 Nm bei 4000/min. E-Starter. Antrieb: 5-Gang, Zahnriemen. Fahrwerk: 41 mm Telegabel vorne, Monocross hinten. Bremsen: Zwei Scheiben vorne, eine hinten. Trockengewicht: 283 kg, Sitzhöhe: 715 mm. Tank 19 l.

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Yamaha

  • Cool, smart und unpackbar männlich - Gluschitsch beim Posing-Check auf der Yamaha XVS1300A Midnight Star.
    foto: sulzbacher

    Cool, smart und unpackbar männlich - Gluschitsch beim Posing-Check auf der Yamaha XVS1300A Midnight Star.

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