Wirtin half 5000 Juden bei der Flucht

4. Juli 2007, 09:31
29 Postings

Salzburg plant, einen nach Liesl Geisler benannten "Preis der Menschlichkeit" zu vergeben

...Die frühere Wirtin des Krimmler Tauernhauses half 1947 tausenden Juden bei ihrer Flucht.

* * *

Salzburg - Landesrätin Doraja Eberle (VP) will einen eigenen Salzburger "Preis der Menschlichkeit" ausschreiben. Die Auszeichnung soll zu Ehren der 1985 verstorbenen Wirtin des Krimmler Tauernhauses Liesl-Geisler-Preis heißen. Damit wird posthum die Rolle von Liesl Geisler bei der Flucht von zirka 5000 osteuropäischen Juden im Sommer 1947 von Salzburg über den rund 2600 Meter hohen Krimmler Tauern nach Italien gewürdigt. Details wie Dotierung oder Vergabekriterien des Preises sind derzeit noch keine bekannt.

Die Flüchtlinge hatten sich, nachdem es in Polen 1946 zu Pogromen gekommen war, illegal auf den Weg in das britische Mandatsgebiet Palästina gemacht. Bei der zweitägigen Flucht der ausgemergelten Überlebenden der Konzentrationslager vom Pinzgauer Saalfelden über den alpinen Übergang nach Italien war das auf 1600 Meter Seehöhe gelegene Tauernhaus-Raststation. Der Marsch durch das Krimmler Achental war der spektakulärste Teil der gesamten Flüchtlingsbewegung. Er wurde notwendig, nachdem das französische Militär den Weg durch Tirol gesperrt hatte. Insgesamt wurden bis zur Gründung Israels 1948 rund 250.000 Juden aus Osteuropa durch Österreich geschleust.

Kinder versorgt

Die nun geehrte Tauernhauswirtin Geisler versorgte hunderte Säuglinge und Kinder mit "Mehlpapperl" und Suppen. Sie habe sich dabei "als eine Säule der Menschlichkeit" weit über "die Bande der Verwandtschaft" erwiesen, formulierte der Linzer Theologe Peter Hofer im Rahmen einer Würdigung von Geisler bei der Gedächtniswanderung "Alpine Peace Crossing" Ende vergangener Woche. "Von solchen Leuchtfeuern der Humanität lebt unsere Gesellschaft mehr als von Deklarationen und Parteitagsbeschlüssen", so Hofer.

Bei der Gedächtnistour "Alpine Peace Crossing" anlässlich der 60-jährigen Wiederkehr des Exodus folgten rund 150 Teilnehmer dem Weg der Flüchtlinge von Salzburg nach Italien. Darunter auch Zeitzeugen, welche die Route vom Tauernhaus entlang des Achen- und des Windbachtals über den 2634 Meter hohen Pass ins Südtiroler Ahrntal bereits 1947 bewältigen mussten. Der vom Gebietsleiter der Nationalparkverwaltung Hohe Tauern, Hans Lerch, betreute Gedächtniszug im hochalpinen Gelände erforderte einiges an Logistik: Die zum Teil völlig bergunerfahrenen Teilnehmer wurden von Bergführern, Nationalparkrangern, Bergrettungsmännern, Sanitätern und einer Pferdestaffel des Bundesheeres begleitet.

Thema Asyl

Neben der Erinnerung an die Ereignisse vor sechs Jahrzehnten sollte mit der - vom Österreich-Direktor der französischen Bank BNP Paribas, Ernst Löschner, initiierten - Veranstaltung auch auf die aktuelle Flüchtlingssituation hingewiesen werden. So forderte der Wiener Caritas-Direktor Michael Landau bei einem Friedensgespräch im Vorfeld der Alpenüberquerung einmal mehr "raschere, faire und vor allem qualitätsvolle Asylverfahren" in Österreich. Ebenfalls forciert und "fair" sollte auch über das Bleiberecht in Österreich diskutiert werden. (Thomas Neuhold/DER STANDARD-Printausgabe, 03.07.2007)

  • Artikelbild
    foto: alpine peace crossing/hans lerch
Share if you care.