Panikattacken: Hilfe lässt auf sich warten

28. April 2008, 13:55
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Auf offener Bühne sind sie für den Kabarettisten Werner Brix ein schweres berufliches Risiko - Doch bis zur Psychotherapie auf Krankenschein ist es ein steiniger Weg

Wien - Dass Angstanfälle auch das Berufsleben schwer beeinträchtigen, weiß der Wiener Kabarettist Werner Brix aus eigenem Erleben. "Ich habe auf offener Bühne mehrere Panikattacken erlebt. Sie können mir glauben, so etwas ist nur sehr schwer zu bewältigen", schildert er.

Psychotherapie auf Krankenschein?

Vor wenigen Wochen hatte der 42-Jährige genug von dieser Quälerei. Er entschloss sich, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen - auf Krankenschein, wie sie von den heimischen Krankenkassen seit fünf Jahren angeboten wird. Als Beitragszahler bei der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) - so meinte er - habe er ein Anrecht auf diese Leistung.

Doch beim Wiener "Verein für ambulante Psychotherapie", einer der beiden Stellen, die in der Bundeshauptstadt Behandlungsplätze vermitteln (siehe Wissen) erlitt der Künstler eine Abfuhr: Die Kassenkontingente für 2007 seien bereits ausgeschöpft. Wenn er also rasch Psychotherapie brauche, so müsse er sich diese - von einem kleinen Zuschuss abgesehen - selber bezahlen - hieß es dort.

Gefahr der Chronifizierung

Brix jedoch wollte auf die Therapie nicht verzichten: "Ich habe bei einem Bekannten erlebt, was es für Folgen haben kann, wenn man ein Angstproblem anstehen lässt. Das geht vom Burnout bis hin zum totalen Zusammenbruch". Diese Prognose bestätigt Eva Mückstein, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie: "Psychische Probleme neigen zur Chronifizierung". Und nimmt Brix' Ärger zum Anlass, um das "Versorgungschaos bei Psychotherapie auf Krankenschein in Österreich" zu kritisieren.

"Zumutung"

Nicht nur - so Mückstein - gingen etwa in Wien und Niederösterreich "den meisten Kassen um die Jahresmitte regelmäßig die Psychotherapie-Kontingente aus". Sondern auch insgesamt sei der Zugang zur Kassen-Therapie "für viele behandlungsbedürftige Menschen eine Zumutung". In Wien etwa müssten "ganze Therapeutenlisten durchtelefoniert werden". Wenn dann kein bezahlter Platz zur Verfügung stehe, verliere so mancher die Motivation.

Kassenplatz nach Protest

Die SVA sei daran sicher nicht schuld, meint dazu der dortige Pressesprecher Erich Bierbaumer. "Unsere Kontingente für 2007 sind nicht erschöpft. Wenn es keine Therapieplätze gibt, so muss das also am Vermittlungsverein liegen". Dort jedoch liest eine Mitarbeiterin ein Schreiben vor, wonach alle Therapiewilligen seit 26. Juni auf eine Warteliste einzutragen seien. Brix indes nicht: Sein Protest führte dazu, dass er einen Kassenplatz ergattern konnte. (DER STANDARD, Printausgabe, Irene Brickner, 3.7.2007)

Wissen

Eine Stunde Psychotherapie kostet in Österreich von 60 Euro aufwärts. Für viele Menschen ist das schwer bezahlbar, zumal eine Behandlung selten kürzer als 30 Stunden dauert. Ihnen soll Psychotherapie auf Krankenschein helfen, wie sie zwischen Sozialversicherern und Therapieverbänden 2002 vereinbart, doch seither nur in Stückwerken umgesetzt wurde.

Tatsächlich existieren österreichweit sieben verschiedene Zugangsregeln zu dieser Leistung, die je ein Bundesland betreffen. In Kärnten und Vorarlberg herrschen andere Systeme. Sind die von den Kassen alljährlich gewährten, gedeckelten Therapiekontingente verbraucht, steht Patienten nur ein Zuschuss von 21,80 pro Stunde zu. (bri)

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psychotherapie.at
  • Sieht Psychotherapie als ihm zustehende Kassenleistung an: Kabarettist Werner Brix geht mit seinem Angstproblem an die Öffentlichkeit
    foto: privat

    Sieht Psychotherapie als ihm zustehende Kassenleistung an: Kabarettist Werner Brix geht mit seinem Angstproblem an die Öffentlichkeit

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