Der Songcontest des Literaturbetriebs

25. Oktober 2007, 15:57
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Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, lautet das wahrscheinlich berühmteste Zitat der Namensgeberin des karinthischen Wettlesepreises

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, lautet das wahrscheinlich berühmteste Zitat der Namensgeberin des karinthischen Wettlesepreises, der soeben zum 31. Mal stattfand und als "Tage der deutschsprachigen Literatur" in sicher nicht seichten Gewässern (wenn auch mit Trinkwasserqualität) vor sich hindümpelte - live, also lebendig ausgestrahlt vom dauerübertragenden Kultursender 3sat. Und ist der Bachmannpreis dem Menschen noch zumutbar?

Bereits am Freitag um 17:23 Klagenfurter Ortszeit war abzusehen, dass PeterLicht mit seiner (den Kameras) entrückten Performance garantiert etwas gewinnen würde: Als er seinen skurrilen Parforceritt über den eigens aufgestauten Wörtersee mit denselben Satz abschloss, mit dem er etwa 20 Minuten zuvor ins kalte Wasser der Selbstbehauptung gesprungen war: "Es ging mir gut." Eingeladen wurde derjenige, der nun am meisten vom öffentlichen Getue profitieren wird, von der Jury-Vorsitzenden Iris Radisch.

Er könne der Literatur etwas völlig Neues hinzufügen, meinte sie in ihrer Laudatio und unterstützte PeterLichts schräge Attitüde, sein Gesicht verbergen zu wollen. Na gut, könnte man meinen, Iris Radisch vertritt ja auch die kuriose Ansicht, dass gute Schriftsteller immer wieder dasselbe Buch schreiben müssten.

Die Juryvorsitzende brachte dem Ansinnen ihres Schützlings großes Verständnis entgegen. Und schon hatte der sich solcherart "verweigernde" Autor die intellektuell gelangweilten Lacher auf seiner Seite. Dazu ein flockiger Text, der mehrmals großspurige Behauptungen aufstellt, sich aber mit jedem weiteren Satzargument ad absurdum führt. Und dazu auf dem Amboss seiner glühenden Musikwerkstatt (noch als Meinrad Jungblut, PeterLichts richtiger Name) Slogan-taugliche Texte geschmiedet wie dereinst das Sonnendeck (2000) oder der Safarinachmittag (2003).

Und das Konzept ging auf. Er heimste den mit 5.000 Euro dotierten Publikumspreis und auch den 3sat-Preis über 7.500 Euro ein. Der gekürte Text war wie auch schon im Vorjahr (unter Siegerin Kathrin Passig "Sie befinden sich hier") ein eigens auf den Bewerb und auf die kollektive Jurorenseele hingedrechselter Beitrag, den kaum ein nennenswerter Verlag in dieser Gestalt annehmen oder gar veröffentlichen würde.

Der Zweite als Erster

Aber - und daran weist sich das Wesen des aktuellen Literaturgeschäftes - seit Freitag 17:23 Klagenfurter Ortszeit ist der Hype ausgebrochen, auch wenn PeterLicht nicht als großer Sieger vom Platz ging. Wir erinnern uns: Auch Christina Stürmer war nicht Erstplazierte bei Starmania, und wer kennt heute noch den "Sieger" Michael Tschuggnall? Möglicherweise wird es dem heurigen Bachmannpreisträger Lutz Seiler ("Turksib") ebenso ergehen.

Und hier sieht man Parallelen zum darbenden Musikgeschäft. Der Markt, sagt man, reguliert sich selber. Mitnichten! Er muss gesteuert werden, das ist das erste Gesetz des "freien" Marktes. Keinesfalls darf er sich selbst überlassen werden. Und nachdem jahrzehntelang die spezielle Form der sowohl handlungs- wie auch aktions- wie auch humorfreien Schreibe dominierte, ist nun Dadaismus als intellektuell erweiterte Spielart der Spaßkultur angesagt. Vorbei die Zeit der beklemmenden Frust- und leidvollen Depressions-Literatur, als noch vollkommen schicksalsergeben passiv und ereignislos gelangweilt werden konnte. (Thomas Bernhard sagte im legendären Krista-Fleischmann-Interview über Preisträger-Literatur: "Bis da einer einmal bei der Tür draußen ist, sind schon mindestens dreißig Seiten um.")

Selbstinszenierung

Seit PeterLichts Antreten erscheint der Literaturwettbewerb wie ein Skurril-Auftritt beim Eurovision Songcontest, welcher ebenfalls länderübergreifend aus- und weitergestrahlt wird. Und dieser Auftrittsort oder Vermarktungsplatz verkam in den letzten Jahren zum Spiel- und Tummelplatz der Selbstinszenierungs-Genies.

Und PeterLicht kommt ebenfalls aus dem Musikbusiness und weiß, wie dort - vermarktungstechnisch gesehen - der Hase läuft. Sowohl zur Auslosung wie auch zur Preisverleihung entsandte er seinen Verleger. Der Forderung, während seiner Lesung die Kameras abzuschalten und den Saal zu verdunkeln, konnte der Veranstalter jedoch nicht Folge leisten, weil dieses divenhafte Gehabe die vom Fernsehen mitorganisierte Veranstaltung (wie seinen Text) ad absurdum geführt hätte.

Das Kameras durften nur seine Rückenansicht einfangen und erklärten immer wieder mittels Insert: "PeterLicht will sein Gesicht nicht zeigen". - O welch feine Ironie, o welch grobe Vorführung der zusehenden Menschheit. Zur Präsentation seines Buches auf der Leipziger Buchmesse im März 2006 absolvierte er allerdings schon seinen ersten öffentlichen Live-Auftritt, im September 2006 startete er seine erste Live-Tournee mit dem Buch "Wir werden Siegen. Buch vom Ende des Kapitalismus" (Blumenbar Verlag, München). Eine Sammlung von Geschichten, Gedichten, Tagebuchfetzen, Slogans, Songtexten und Zeichnungen, also Literatur nur im weitesten Sinne des Wortes. - Verweigerung? Schon eher perfekte Strategie. Dabei war die Kunst- und Kultfigur PeterLicht auch bereits auf zahlreichen Ankündigungsfotos zu sehen, wie auch beim "Steirischen Herbst" im Vorjahr.

Affektiertes Marketing

Als "Affentheater" bezeichnete der gestrenge Juror und Robert-Musil-Biograf Karl Corino diese affektierte Marketingmasche, obwohl die anderen Juroren vor dem Dada-Texter auf dem Boden lagen. "Jazz im Helge Schneiderschen Sinne, wunderbarer Unsinn, eine fröhliche Apokalypse", applaudierte etwa Klaus Nüchtern, der sich bei anderen Gelegenheiten weitaus kritischer zeigt.

Die Inszenierung ist alles, Stil und Inhalt sind sekundär. "Was von vielen als Marketinggag, als Kokettieren mit Eitelkeiten, als unnötiges sich nicht an Spielregeln halten verstanden wird, ist mir äußerst sympathisch", befand die Abgesandte des Alternativsenders FM4. Und weiter: "Denn die Kunstfigur PeterLicht wehrt sich gegen Bilder!" - Ahso? "Es geht nicht um mich, es geht nicht um meine Person, es geht um die Texte". Deswegen floss auch alles über diese Haltung in den FM4-Bericht und keine einzige dürre Zeile über den vorgetragenen Text, um den es ja angeblich und ausschließlich gehen soll.

Da könnte er sich ein Beispiel an Kollegen Max Goldt nehmen, der das konsequent betreibt, indem er keine Interviews über seine Bücher gibt. Und PeterLicht im O-Ton weiter: "Die mediale Vervielfältigung bzw. das, was Fernsehen für mich bedeutet, ist etwas, wo ich nicht stattfinden möchte oder wo ich nicht nach den Gesetzen stattfinden möchte, die da herrschen." Und dann tritt er beim Wettlesen im Fernsehen auf und nicht bei einem PoetrySlam im Gasthaus seines Vertrauens? (Karl Weidinger, DER STANDARD/Printausgabe, 03.07.2007)

Karl Weidinger (45) ist Schriftsteller und Übersetzer mit mittlerweile sieben Buchveröffentlichungen in 13 Jahren. Zuletzt erschien der Gesellschaftskrimi "Die schönsten Liebeslieder von Slipknot".

Links:

www.kawei.at

www.androkles.com

  • Ist der Bachmann-Preis dem Menschen noch zumutbar? Anmerkungen zu einem Literaturwettbewerb, in den nun auch die Spaßkultur eingekehrt ist - und in dem der gewinnt, der die beste Performance (und nicht den besten Text) einbringt. (Foto: Ingmar Erdös)
    foto: ingmar erdoes

    Ist der Bachmann-Preis dem Menschen noch zumutbar? Anmerkungen zu einem Literaturwettbewerb, in den nun auch die Spaßkultur eingekehrt ist - und in dem der gewinnt, der die beste Performance (und nicht den besten Text) einbringt. (Foto: Ingmar Erdös)

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    Verweigerung als kalkuliertes Spiel mit medialer Öffentlich-keit? PeterLicht ließ sich beim Klagenfurter Wettlesen nur von hinten aufzeichnen.

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