Die Welt der Terroristen

2. Juli 2007, 18:30
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(Selbst-)mörderischer Fanatismus als breite Bewegung ist kein Alleinstellungsmerkmal nahöstlicher, "vormoderner" Gesellschaften

Der am ganzen Körper brennende Mann wehrte sich dagegen, gerettet zu werden. Er habe um sich getreten, berichtet ein Augenzeuge in Glasgow und dabei immer wieder gerufen: "Allah, Allah, Allah."

"Diese Leute leben in ihrer eigenen Welt, in die ihnen niemand folgen kann, der klar denken kann", sagte ein anderer Augenzeuge. Das mag auf den ersten Blick so scheinen, weil solche Taten für das westlich-rationale Hirn unbegreiflich sind. Aber ein geschlossenes Wahnsystem ist in der modernen Geschichte nichts Neues. Bevor wir uns über nahöstlich-muslimischen Fanatismus verbreiten, sollen wir uns an die eigene Geschichte erinnern: Vor etwa über 60 Jahren gab es auch bei uns genügend Leute, die mit dem Ruf "Führer befiehl, wir folgen Dir!" sich selbst und andere in den sicheren und sinnlosen Tod führten; Leute, die noch fanatisch weiterkämpften, als der Krieg längst verloren war und die jene, die nicht mehr mitmachen wollten, an die Wand stellten.

Oder: Die japanischen Kamikaze-Piloten, die sich mit ihren Sprengstoff-gefüllten Flugzeugen auf US-Schiffe stürzten, obwohl auch hier der Krieg sichtbar verloren war.

(Selbst-)mörderischer Fanatismus als breite Bewegung ist kein Alleinstellungsmerkmal nahöstlicher, "vormoderner" Gesellschaften. Er kommt allerdings in Gesellschaften, die von einer Tradition des westlich-rationalen Denkens geprägt sind, so gut wie nicht vor. Und um das gleich zu beantworten: Nazi-Deutschland und das von einer Militärkaste beherrschte Japan gehörten bei aller technologischen Modernität damals nicht zu den westlich-rationalen Gesellschaften, weil sie einem völkisch-rassistischen Wahn huldigten.

Gemeinsam war Hitler-Deutschland und dem militaristischen Japan das tiefe Gefühl, benachteiligt zu sein, nicht den gebührenden Platz unter den Staaten und Völkern einnehmen zu können. Deshalb führte Hitler einen "Lebensraum"-Krieg in Osteuropa und Japan besetzte halb China und drei Viertel Südostasiens. Sie wollten - mit größtmöglicher Brutalität - ihren "Platz an der Sonne".

Die arabischen, pakistanischen, afghanischen, indonesischen, philippinischen, malaysischen iranischen Muslime, die zum Al-Kaida-Netzwerk und anderen, geistesverwandten Gruppen gehören, empfinden sich ebenfalls als Benachteiligte. Der Westen ist schuld an der eigenen Rückständigkeit, Machtlosigkeit und Demütigung.

Das ist natürlich nicht wahr. Ebenso wenig wie die "jüdisch-bolschewistisch-plutokratische Verschwörung" oder "der Imperialismus" schuld war an der vermeintlichen Unterdrückung Deutschlands oder Japans, ist "der Westen" schuld an der Rückständigkeit der muslimischen Welt. Es gab Fehler und möglicherweise auch Verbrechen des Westens, aber die Hauptursache liegt in den Defiziten der muslimischen Gesellschaften selbst. Diktaturen, "failed states", nicht legitimierte Herrschafts-Cliquen, Ungerechtigkeit und die Abwesenheit von Zivilgesellschaften dominieren.

Das bedeutet in der Praxis, dass diese Gesellschaften noch sehr lange Terroristen produzieren werden. Deren sinnloser, nicht zu gewinnender Krieg wird uns noch lange bedrohen. An neuen Rekruten mangelt es offenbar nicht. Wenn Wahnideen einmal zur breiten Bewegung werden, und das ist der Terrorismus geworden, bedeutet das einen langen, harten Kampf. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 3.7.2007)

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