Robuste Zerbrechlichkeit

10. Juli 2007, 19:14
11 Postings

Juliette Greco, die Greco, dieses Symbol des Nachkriegsparis, gastierte mit ihren stolzen 80 Jahren in der Wiener Staatsoper beim Jazzfest Wien

Wien - Sie ist vielleicht nicht unbedingt die Erste, an die man denken würde, wenn es darum ginge, eine Sängerin zu einem Jazzfest einzuladen, auch wenn auf ihrer letzten, noch sehr frischen CD Le Temps d'une Chanson (Universal) auch ein bisschen improvisiert wird. Und doch.

Die Kunstfertigkeit, mit der Juliette Greco Chansons präsentiert, passt zum Wiener Jazzfest - man muss in Greco eine Gestaltungsverwandte all jener großen Damen des US-Genres sehen (Carmen McRae etwa, auch Anita O'Day und die späte Ella Fitzgerald), die im Laufe ihrer Karriere bei der ewigen Neubefragung all der Standards gleichsam den Weg von Singen zum Darstellen der Songs absolviert haben. Und: Greco passt erst recht in die Wiener Staatsoper, in der man auch unter der Saison (nicht selten vergebens) auf nuancierte Darstellungskunst hofft.

Mag die strenge Hinwendung vom Ton zum Wort ein bisschen auch mit der Anzahl der Jahresringe zusammenhängen - immerhin ist die Greco, dieses Symbol des Nachkriegsparis, stolze 80 -, so war ihre Ästhetik doch schon immer deutlich am Text orientiert, war eine, die sich dem puren Oberflächencharme von Tönen widersetzte.

Als von Sartre einst animierte Schauspielerin, sich mit der kleinen Musikform zu befassen, hat sie später ja bekannt, vor allem dem Text dienen zu wollen und in Melodien das beste Mittel zur Befreiung der Wörter zu sehen.

Nun, sie ist da noch extremer geworden. Die Befreiung des Textes bewerkstelligt sie mittlerweile durch eine fast völlige Entledigung von Tönen; Melodien lauern fast unhörbar im Hintergrund. Es dominiert ein rauer Sprechgesang, einer Schauspielerin gleich schlüpft Greco in Rollen, Gefühle, Situationen und präsentiert Chansons als kleine Theaterstücke. Das Erstaunliche ist dabei der Minimalismus. Klavier, Akkordeon, eine leere Bühne, ein Mikro und ein bisschen Licht. Wenn man gleichsam eine Skulptur in Schwarz ist, bedarf es nicht mehr Ornamentik - die grandiose Rhetorik hat ausreichend Potenzial, einen großen Raum mit Intimität aufzuladen.

Sehr unmittelbar

Chansons entstehen da als Lebensszene gleichsam neu, und dies aus einer facettenreiche Kunst, die nichts dem Zufall überlässt. Jede Fingerbewegung ist bewusst choreografiert, jede Geste bewusst eingesetzter Bedeutungsträger. Und doch wirkt nichts aufgesetzt, nichts nur effektvoll. Die Unzahl von Möglichkeiten, ein Wort zu gestalten, alles Interpretatorische wird zum organischen Teil einer Erzählung.

Ne me quitte pas fällt denn auch nicht auseinander als Ansammlung von Pointen, Brels Klassiker wird zum überraschenden Porträt eines Wutanfalls, dem man ansieht, dass er nur die Rückseite der Zerbrechlichkeit darstellt. Man müsste Greco einen Lehrstuhl für Interpretation geben. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD/Printausgabe, 03.07.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wo Chanson-Gesten zu Melodien werden - Juliette Greco in der Wiener Staatsoper.

Share if you care.