Konsequenz macht sexy

10. Juli 2007, 19:14
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Poesie gegen den Radikalindividualismus unserer Zeit: Kann das gut gehen? Wider Erwarten, ja - Das neue Studioalbum, "Kapitulation" von Tocotronic

Wien – Der Titel führt geradewegs aufs Glatteis: Kapitulation heißt das neue Album der Hamburger Band Tocotronic, und das klingt – auch in Anbetracht der heuer erfolgten freiwilligen Selbstauflösung der anderen großen deutschsprachigen Popband, Blumfeld – wie der nächste Abgang im so genannten Diskurs-Pop. Aber: Irrtum.

Schon der – ebenfalls noch fatalistisch benannte – Eröffnungssong Mein Ruin belegt, dass sich Tocotronic zwar inhaltlich mit final anmutenden Themen befassen. Andererseits klingt die Umsetzung in der gewohnten Art – Marke US-Gitarrenrock der späten 1980er und frühen 1990er – auf dem achten Studioalbum der Band so überzeugend wie schon lange nicht. Frisch und – anachronistischerweise – auch optimistisch.

Das mag unter anderem daran liegen, dass die 1995 mit Digital Ist Besser aufgetauchte Band vom anhaltenden Rockrevival profitiert, in dem nach all den eher ideenlos kopierenden Revivalisten jüngerer Zeit sich selbst treu gebliebene Bands wie eben Tocotronic wohltuend originär klingen, weil unbefleckt von derzeit angesagten Moden – und trotzdem ohne den Mief von vorgestern. Konsequenz macht sexy.

Angetreten sind Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank – ursprünglich ein Trio – allerdings eher unsexy. Den ohnehin stilvoll verwahrlosten Look des sich damals soeben überlebenden, aber Inspiration gebenden Grunge erhöhten sie mit einer Garderobe aus den gerade erst zugänglich gemachten Altkleidersammlungen aus dem deutschen Osten: Die von Tocotronic getragenen 1970er-Jahre Achselzwicker-T-Shirts mit dem Emblem des örtlichen Turnvereins auf der knöchrigen Brust, ausgebeulte Cordhosen der Marke Unglückliche Kindheit und Trainingsjacken frei jeglicher Naturfaser wurden nebst einem verpflichtend getragenen, am besten etwas länger ausgewachsenen Seitenscheitel, bald zur stilbildenden Uniform für Tocotronic-Jünger.

Wechselwirkung

Inhaltlich loteten sie mit Stücken wie Ich Möchte Teil Einer Jugendbewegung Sein von Anfang an das Persönliche und das Politische aus – beziehungsweise verdeutlichten die Wechselwirkung dieser Pole im Deutschland nach der Wiedervereinigung – ohne den liedermacherisch erhobenen Finger, und ohne so zu tun, als hätten sie Antworten auf die großen Fragen der Zeit oder die kleinen der Zwischenmenschlichkeit parat.

Doch sie formulierten mit Offenherzigkeit und mit vordergründig naiven, dabei treffsicher gesetzten Texten genau diese Konfusion, die mehr beinhaltete als bloß die gängige Verunsicherung einer auch mit ein paar Bieren oder einer festen Freundin aus der Welt zu schaffenden Adoleszenz.

Dass dies alles eloquent in nicht länger nur dem Schlager oder der Volksmusik überlassenen Muttersprache vorgetragen wurde, wirkte wie ein Stachel im Fleisch einer sich neu orientierenden Nation – ohne das Wirken von Tocotronic hier überbewerten zu wollen. Dennoch wurden sie gehört, und neben wachsenden Fangemeinden reagierte auch das Feuilleton auf Tocotronic, Blumfeld oder Die Sterne – die bald als Hamburger Schule bezeichnet wurden.

Kapitulation behandelt nun eben nicht die persönliche Aufgabe angesichts übermächtiger Widrigkeiten, sondern formuliert den wachsenden Widerwillen gegen den wuchernden Radikalindividualismus unserer Zeit, der nur mit Ziel, aber ohne Maß und Verantwortung in unser aller Leben drängt. Dagegen wird "Harmonie" als "Strategie" ins Spiel gebracht, Slogans wie Verschwör Dich Gegen Dich oder Sag Alles Ab wollen ebenso Mut zur Verweigerung dieses Spiels machen wie Wir Sind Viele. Oder die Einsicht: "Kein Wille triumphiert!" Der Grat ist hier wie so oft schmal, und Tocotronic haben ihn nicht immer gemeistert, was ihnen auch das Etikett "Befindlichkeitslyriker" eingetragen hat.

Kapitulation präsentiert die Band nach der Strapaze mit der mühsamen Märchensprache des letzten Albums Pure Vernunft Darf Niemals Siegen jedenfalls auf Höhe ihrer Kunst, betten ihre "schwere Denke" in lässige Rocksongs und umschiffen mit Verve die lauernden Fallen der Peinlichkeit.

Dass jemand, der so offen formuliert wie Tocotronic für Bösartigkeiten aller Art angreifbar wird, ist klar – und Wasser auf ihre Mühlen. Ihre Argumentation war jedenfalls nie überzeugender als heute. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 03.07.2007)

Tocotronic: Kapitulation, (Universal) Ab. 6. 7.
  • "Harmonie ist eine Strategie", meint die Hamburger Band Tocotronic – und klingt dabei sehr überzeugend.
    foto: universal music

    "Harmonie ist eine Strategie", meint die Hamburger Band Tocotronic – und klingt dabei sehr überzeugend.

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